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23. Dezember 2013

«Jesus hatte ein unglaubliches Charisma»

Jesus hat wohl tatsächlich gelebt und war ein Gotteskrieger und Revolutionär. Zu diesem Schluss kommt der amerikanische Religionswissenschafter Reza Aslan in seinem neuen Buch. Aber was ist mit den Wundern?

Religionswissenschafter Reza Aslan Porträtbild
Für Reza Aslan ist klar: Religion wird von Menschen gemacht und kann untersucht werden. (Bild: Hillary Jones)

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Reza Aslan, was bedeutet Ihnen Weihnachten?

Ich bin Muslim, meine Frau Christin, unsere Kinder erziehen wir in beiden Glaubensrichtungen. In Kirche und Moschee finden wir zu uns selbst. Daher bedeutet Weihnachten für mich eine spirituelle Verbindung mit der Familie.

Dass Sie als Muslim über Jesus ein Buch geschrieben haben, hat in den USA zu Kontroversen geführt. Weshalb dieses Thema?

Jesus wird auch von uns Muslimen verehrt, er ist nach Abraham der wichtigste Prophet im islamischen Glauben. Wir glauben, dass Jesus der Messias ist, zur rechten Hand Gottes sitzt und dereinst auf die Erde zurückkehren wird, um über die Menschen zu richten. Nur: Das spielt eigentlich gar keine Rolle.

Nicht?

Mein Glaube hat überhaupt keinen Einfluss auf meine wissenschaftliche Tätigkeit. Für Nicht-Religionswissenschafter mag es erstaunlich sein, aber gerade in unserem Gebiet gibt es massenhaft Forscher, die sich nicht mit dem Glauben beschäftigen, dem sie selbst angehören.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Jesus gelebt hat, also keine mythische Erfindung ist. Wie können Sie da so sicher sein?

Absolut sicher bin ich nicht, kein ernsthafter Religionswissenschafter könnte dies sein. Es existiert jedoch ein breiter Konsens, dass es einen Juden gegeben hat, der zu anderen Juden im ersten Jahrhundert in Palästina gepredigt hat, und dass er Jesus von Nazareth hiess. Die erste schriftliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 49 nach Christus.

Was sagt sie über Jesus aus?

Nichts, ausser dass es diesen Prediger namens Jesus gegeben hat. Die Debatte, ob Jesus überhaupt gelebt hat, wird hauptsächlich unter Laien geführt. In der Wissenschaft wird allgemein davon ausgegangen, dass dies der Fall war.

Auch dass er gekreuzigt wurde?

Da gibt es ein bisschen mehr Verwirrung. Der Historiker Tacitus schreibt, dass ein Mann namens Jesus in Jerusalem gekreuzigt wurde. Auch andere nichtchristliche Quellen aus dieser Zeit – 80 bis 90 Jahre nach Christus – berichten über dieses Ereignis. Wir können daher ziemlich sicher sein, dass Jesus tatsächlich gekreuzigt wurde.

Bild zweier gereuzigter aus dem TV.
«Wir können ziemlich sicher sein, dass Jesus gekreuzigt wurde», sagt Reza Aslan. (Bild: Cinetext)

Jesus hat gelebt, und er wurde gekreuzigt. Aber was ist mit allem anderen? Weihnachten? Die jungfräuliche Geburt? Die Wunder?

Das sind die interessanten Fragen, über die seit fast 2000 Jahren gestritten wird. Historiker trennen Glauben von Religion. Religion wird von Menschen gemacht und kann untersucht werden wie jedes andere menschliche Verhalten auch. Jesus kann man genauso analysieren wie beispielsweise Napoleon.

Fundamentalistische Christen würden gegen diese Aussage vehement protestieren.

Fundamentalistische Christen sagen: Jesus ist Gott, daher ist die Geschichte unwesentlich. Wen kümmert es, wann und wo er gelebt hat – seine Worte und Taten sind universell gültig. Daher kann man mit fundamentalistischen Christen nicht über die historischen Umstände des Lebens von Jesus diskutieren. Aber die grosse Mehrheit der Christen glaubt, dass Jesus Mensch und Gott ist. Als Mensch hat er zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort gelebt.

Was heisst das nun bezüglich der Wunder und der Jungfräulichkeit seiner Mutter?

Kommt darauf an, ob man die Frage als Gläubiger oder als Historiker angeht. Der Gläubige fragt: Was ist möglich? Der Historiker fragt: Was ist wahrscheinlich? Ist es möglich, dass Jesus von einer Jungfrau geboren wurde? Klar, das ist möglich, sagt der Gläubige. Ist es möglich, dass er Kranke geheilt hat und über Wasser gelaufen ist? Ich denke schon, sagt der Gläubige. Der Historiker fragt: Ist es wahrscheinlich? Und kommt zum Schluss: Nein, überhaupt nicht. Gläubige und Historiker stellen andere Fragen.

Wie halten Sie es mit den Wundern?

Als Historiker kann ich dazu nichts sagen, genauso wie ich zur Wiederauferstehung nichts sagen kann. Das sind Fragen des Glaubens. Als Historiker kann ich nur feststellen, dass diese Dinge behauptet werden. Es ist historisch gesehen korrekt, dass es Menschen gab, die behaupteten, Jesus hätte Wunder vollbracht. Es ist auch ein historischer Fakt, dass Menschen behaupten, er sei von den Toten wiederauferstanden.

Weihnachten ist ein heidnischer Brauch, den die Christen übernommen haben.

Sie schildern den historischen Jesus als Gotteskrieger, als Revolutionär.

Als jüdischen Revolutionär in Palästina, um genau zu sein. Wenn es stimmt, dass Jesus gekreuzigt wurde, dann konnte er gar nichts anderes gewesen sein. Gekreuzigt wurden zu dieser Zeit nur Staatsfeinde.

Wenn Jesus aus politischen Gründen hingerichtet wurde: Wogegen hat er protestiert?

Gegen die Römer und gegen die jüdische Elite in Jerusalem. Zu dieser Zeit wurden die römische Aristokratie und die Elite der jüdischen Priester als Einheit betrachtet. Sie haben Palästina als siamesische Zwillinge regiert. Als Jesus die Händler aus dem Heiligen Tempel warf, attackierte er gleich beide Gruppen.

Warum werden die Attacken von Jesus gegen Rom im Neuen Testament kaum erwähnt?

Weil die Menschen, die später den Jüngern von Jesus zugehört haben, Römer waren und keine Juden.

Jesus war kein Intellektueller, sondern ein Handwerker. Wie konnte er den Römern und der jüdischen Elite so gefährlich werden?

Jesus hatte ein unglaubliches Charisma. Die Macht seiner Lehre, nicht deren Inhalt faszinierte die Menschen. Man sollte aber nicht vergessen: Die Gemeinde um Jesus war klein. Es gab damals weit grössere messianische Bewegungen. Im Lukas-Evangelium heisst es, Jesus habe 72 Anhänger gehabt, mehr nicht.

Wie macht man aus 72 Anhängern die grösste Kirche der Welt?

Ich erhalte viele E-Mails von Christen, in denen sie mir mitteilen, dass sie gerade deswegen in ihrem Glauben noch bestärkt worden sind. Jesus musste göttlich sein, wie sonst wäre dieses Wunder möglich gewesen?

Gibt es auch eine historische Antwort auf diese Frage?

Nach dem Tod von Jesus standen seine Jünger vor einem grossen Problem: Ein toter Messias ist kein Messias. Wer sagt, er sei ein Messias, der sagt auch, dass er ein Nachfolger von König David sei und dessen Reich wieder herstelle. Wenn er stirbt, ohne dieses Ziel erreicht zu haben, ist er gescheitert und kein Messias. Die Jünger haben das gelöst, indem sie die Definition von Messias verändert haben: Er war nun eine himmlische Gestalt, keine irdische mehr. Wichtiger noch: Sie haben die Botschaft dieses Messias an Nichtjuden gerichtet.

Der wichtigste Nachfolger von Jesus war eigentlich sein Bruder Jakob, der Gerechte. Von ihm wissen die meisten Christen gar nicht mehr, dass es ihn überhaupt gegeben hat. Weshalb?

Jakob war 30 Jahre lang der Anführer der Bewegung, die Jesus gegründet hat. Dann wurde er ebenfalls hingerichtet. Darüber gibt es unter Historikern keine Zweifel. Historisch gesehen wissen wir mehr über Jakob als über Jesus.

Warum wurde er später totgeschwiegen?

Es gibt mehrere Gründe: Die Kirche musste ihre Autorität auf Petrus gründen. Er war der Bischof von Rom, und Rom wurde zum Machtzentrum der Kirche. Daher wurde die Rolle von Petrus ausgebaut. Der zweite Grund liegt in der jungfräulichen Geburt von Jesus. Da passen Brüder – er hatte mehrere – schlecht ins Bild. Die Art von Christentum, die Jakob verkörperte, war schliesslich für Nichtjuden ungeniessbar. Jakob vertrat eine jüdische Religion für Juden. Doch schon eine Generation nach Jesus gab es unter den Christen viel mehr Nichtjuden als Juden.

Welche Rolle spielte dabei Paulus?

Paulus hat Jesus nicht gekannt, aber er war der Erste, der seine Botschaft an Nichtjuden zu richten begann. Damit hat Paulus das Christentum transformiert. Aus einer exklusiv jüdischen Religion wurde eine, die von Nichtjuden angenommen werden konnte. Das wurde entscheidend, als die Römer 70 Jahre nach Christus Jerusalem und den Heiligen Tempel dem Erdboden gleichmachten und die Juden entweder umbrachten oder aus Palästina vertrieben.

Die Römer haben also de facto den ersten Holocaust durchgeführt. Was waren die Folgen für das Christentum?

Nach der Vertreibung der Juden aus Palästina wurde die jüdische Religion im Römischen Reich illegal. Daher war es für die ersten jüdischen Christen von grösster Bedeutung, zu nichtjüdischen Gemeinden zu predigen. Die Anleitung dazu fanden sie in den Briefen von Paulus. So wurde Paulus nachträglich zu einer so wichtigen Figur im Christentum.

Wie hat das Christentum so lange überlebt?

Ursprünglich war die christliche Bewegung zersplittert. Es gab Hunderte von verschiedenen Ausrichtungen. Auch nichtchristliche Bewegungen konnten integriert werden. Weihnachten beispielsweise ist ein heidnischer Brauch, den die Christen übernommen und zur Geburt von Jesus umgedeutet haben. Diese Vielseitigkeit war der Grund, warum sich das Christentum so rasch ausbreiten konnte. Dann wurde es zur Staatsreligion und mit dem Schwert weiterverbreitet.

Wenn wir Weihnachten feiern, begehen wir also gar keinen christlichen Feiertag?

Die meisten Feiertage haben ihre ursprüngliche Bedeutung verloren. Wir müssen ihnen unsere eigene Bedeutung geben. Meiner Familie und mir bedeutet Weihnachten sehr viel.

Autor: Philipp Löpfe