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28. Oktober 2013

Vom Sikhritual zur Muslimfeier

In der Schweiz leben Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen. Zur «Woche der Religionen» ist ein Buch erschienen, das Feiern und Rituale thematisiert, die sonst abseits der Öffentlichkeit stattfinden ‒ etwa jene von Sikhs, Muslimen und Buddhisten.

Muslime beim Gebet
Muslime feiern Mohammeds Geburtstag mit einem Gebet.

Chimey Nelung, Buddhist

Schätzungsweise 25'000 Buddhistinnen und Buddhisten leben in der Schweiz, was etwa 0,3 Prozent der Bevölkerung entspricht. Einer von ihnen ist Chimey Nelung (26), der als Sohn von Exil-Tibetern in der Schweiz geboren und aufgewachsen ist. Der Wirtschaftsstudent der Universität Zürich lebt in Rüti ZH, ist ein begeisterter Basketballer und im Verein Tibeter Jugend in Europa engagiert. Weil er als Kind viel Zeit bei seinen Grosseltern verbracht hat, spricht er auch gut Tibetisch. Und er nimmt zwei bis drei Mal im Jahr an buddhistischen Feierlichkeiten teil, zum Beispiel an Losar, dem tibetischen Neujahr, das 2013 am 11. Februar gefeiert wurde. Gläubige aus der ganzen Schweiz strömten an jenem Tag zum Tibet-Institut nach Rikon im Zürcher Tösstal, um das weibliche Jahr der Wasserschlange zu begrüssen.

Chimey Nelung beim Basketballspielen.
Der junge Exil-Tibeter ist ein leidenschaftlicher Basketballer.

Nelung bezeichnet sich als Buddhist und glaubt an die Wiedergeburt. «Für mich ist der Buddhismus aber vor allem eine Lebensphilosophie, deren Grundsätze mir entsprechen und die ich im Alltag zu leben versuche.» Prinzipien wie etwa Mitgefühl, Toleranz und Respekt. «Sie sind ein wichtiger Teil der tibetischen Identität.» Die Teilnahme an religiösen Feierlichkeiten bedeutet für Nelung auch das Eintauchen in die tibetische Kultur. Und dennoch beobachtet er, dass bei den jungen Exil-Tibetern die Religion nach und nach weniger Beachtung findet.

Auf sein Leben jedoch hat das tibetische Erbe durchaus Einfluss. So haben seine Eltern ihm etwa nahegelegt, dass er doch eine Tibeterin heiraten solle. «Es ist sicherlich einfacher, den gleichen kulturellen Hintergrund zu haben, und auch wenn es nicht in Stein gemeisselt ist, behalte ich diesen Wunsch schon im Hinterkopf.» Für Nelung sind zudem alle Lebewesen gleich viel wert, was gelegentlich zu lustigen Diskussionen führt. «Ich würde zum Beispiel niemals eine Mücke erschlagen, und manchmal versuche ich, auch Freunde davon abzuhalten, wenn ich sie dabei erwische.»

Gurpreet Kaur Singh und weitere Sikhs beim Gebet. Sie tragen farbige Gewänder.
Gurpreet Kaur Singh (links) im Gebet während des Frühlingsfests Vaisakhi.

Gurpreet Kaur Singh, Sikh

Nur gerade 1000 Sikhs und zwei Tempel gibt es in der Schweiz, einen in Däniken SO, einen in Langenthal BE. Weil es bei den Sikhs keinen heiligen Tag gibt, feiern sie in der Schweiz aus praktischen Gründen ihre Gottesdienste und Feste immer sonntags, zum Beispiel Vaisakhi, das farbenfrohe Frühlingsfest der ersten Ernte.

Auch Gurpreet Kaur Singh nimmt regelmässig daran teil. «Ich lausche gern dem Gesang der Prediger, die so die Worte aus dem heiligen Buch wiedergeben.» Sie singt selbst auch und spielt Harmonium. Für die 21-jährige Jusstudentin der Universität Bern ist die Religion sehr wichtig. «Sie ist mein Fels in der Brandung. Wenn nichts mehr geht, finde ich Antworten in der Religion.» Sie versucht deshalb, jeden Sonntag beim Gottesdienst im Tempel in Däniken teilzunehmen. «Ich freue mich immer sehr, die Sikh-Gemeinschaft zu treffen. Die Leute kommen von überall aus der Schweiz.» Wichtig ist ihr auch ein Morgengebet. «Ich versuche jeden Tag, die Religion irgendwie einzubringen.»

Gurpreet Kaur mit einer Mitstudentin auf der Schulbank.
Die Jusstudentin möchte Anwältin einer Hilfsorganisation werden.

Singh ist in der Schweiz aufgewachsen und seit zehn Jahren eingebürgert. Ihre Eltern waren vor fast 30 Jahren aus Indien geflüchtet, als Hunderte von Sikhs nach einem Aufstand im Sommer 1984 von indischen Regierungstruppen verfolgt und ermordet wurden. Sie ist in einer ländlichen Idylle aufgewachsen. Anfeindungen habe sie damals nie erlebt, betont Singh. Aber natürlich seien sie im Dorf aufgefallen, wegen der Hautfarbe, der Kleider und der Turbane des Vaters und des Bruders. Problematischer sei es heute. «Viele erkennen Sikhs nicht und stempeln Männer mit Turban pauschal als terrorverdächtige Muslime ab.» Sie selbst wird immer wieder mit Hindus verwechselt und muss dann erklären, was Sikhs sind. Auch hat sie wegen ihrer Hautfarbe schon Anfeindungen erlebt.

Singh will sich auf Wirtschaftsrecht spezialisieren oder Anwältin in einer Hilfsorganisation werden. Ihre Eltern unterstützen ihre Berufspläne und lassen ihr relativ grosse Freiheiten. «Natürlich gibt es Gebiete, wo die Meinungen auseinandergehen. In Indien hat man als junge Frau oft Einschränkungen bei Kleidern oder im Umgang mit Männern.» Sie versuche, die Probleme zu umgehen oder Kompromisse zu finden.

Wenn es allerdings einmal ans Heiraten geht, ist Gurpreet Kaur Singh mit einer arrangierten Ehe einverstanden. Dass die Eltern den Bräutigam oder die Braut ihrer Kinder aussuchen, ist in ihrer Kultur normal. «Es ist aber keine Zwangsheirat», betont sie. «Ich habe das letzte Wort. Bin ich mit dem ausgesuchten Bräutigam nicht einverstanden, kann ich Nein sagen.»

Fotograf: Jens Oldenburg