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23. Februar 2015

Rekorde im Schweizer Tourismus – banger Ausblick auf den schwachen Euro

2014 sorgten die Schweizer Touristen für neue Rekordzahlen im Land. Doch die Aufhebung des Euro-Mindestkurses verdirbt die Freude über das Resultat.

Luzern
Luzern steigt in der Gunst: 2014 besuchten 3,5 Prozent mehr Gäste die Stadt (Bild: Schweiz Tourismus/JanGeerk).

Im vergangenen Jahr haben die Hotellogiernächte in der Schweiz um 0,9 Prozent auf fast 36 Millionen Übernachtungen zugelegt. Bei den Schweizerinnen und Schweizern wurde erstmals die Schwelle von 16 Millionen erreicht – ein Rekordergebnis. Ebenfalls einen neuen Rekord gab es beim Verkauf von Fahrausweisen. Georges-Simon Ulrich, Direktor des Bundesamts für Statistik, sagt: «2014 war für den Tourismus ein gutes Jahr.»

Nur lohnt es sich, ins Detail zu gehen. Aus dem Euroraum verlor die Schweiz 254 000 Übernachtungen. «Das ist der tiefste Wert seit 1996», so Ulrich. Besonders schwach präsentieren sich die Zahlen aus dem wichtigsten Herkunftsmarkt Deutschland: minus 3,9 Prozent in nur einem Jahr. Damit hat die Zahl der deutschen Touristen in der Schweiz von 2008 bis 2014 um 30 Prozent abgenommen. Laut Ulrich ist das der tiefste Wert seit über 50 Jahren! Richtig stark entwickeln sich die Zahlen einzig aus Asien (China plus 15,6 Prozent, Golfstaaten plus 23,7 Prozent, Korea plus 40 Prozent) sowie Amerika mit plus 3,2 Prozent, dem besten Jahr seit 2001.

Die Städteregionen wie Zürich, Basel und Luzern legen zu, während Ferienziele und alpine Destinationen wie die Kantone Graubünden und Wallis verlieren. Grund: Der starken Franken hat auf den Geschäftstourismus in den Städten einen weniger grossen Einfluss. Und gerade Graubünden und das Tessin leben üperproportional von deutschen Touristen.

Jürg Schmid, Direktor Schweiz Tourismus, sagt: «Noch nie musste sich der Schweizer Tourismus mit einer derartigen Preisdifferenz zu alpinen Mitbewerbern anbieten. Der breite europäische Mittelstand kann sich die Schweiz nicht mehr leisten.» Da viele ihre Skiferien frühzeitig gebucht haben, werde sich der starke Franken erst diesen Sommer auswirken. Schmid rechnet damit, dass auch die Zahl der heimischen Gäste in den nächsten zwei Jahren um gegen 5 Prozent zurückgeht, weil Auslandreisen für Schweizer mit einem Schlag fast 20 Prozent günstiger geworden sind. Und steige der Franken um 1 Prozent, müsse man aus dem Euroraum mit einem Rückgang von 0,89 Prozent der Logiernächte rechnen.

Alpine Regionen wie die Kleine Scheidegg dürften in Zukunft Mühe haben, die Gästezahlen zu halten. Sie werden in Zukunft vermehrt von Wachstumsmärkten aus Asien profitieren (Bild: swiss-image.ch/Christof Sonderegger).

Für die einzigen Lichtblicke bei den Prognosen würden wiederum die Fernmärkte sorgen: Der ST-Direktor prognostiziert für Asien einen Zuwachs von 17 Prozent in zwei Jahren, für Nord- und Südamerika 4 Prozent. «Erhebliche Teile der Ferienhotellerie sind mittel- bis langfristig gefährdet», warnt Schmid. Dabei muss man wissen, dass die Zahl der Betriebe bereits von 7756 (1934) auf 5129 (2014) abgenommen hat.

Schmid nennt drei Punkte, wie man die drohenden Rückgänge abwenden kann: Die Unternehmen im Schweizer Tourismus, eine Zahl von 25 000 KMUs, müssen Kostensenkungsmassnahmen umsetzen, etwa durch gemeinsamen Einkauf. Sie müssen Einkaufs- und Vermarktungskooperationen fördern und weiterhin auf Qualität und Innovation setzen. Zweitens müsse die Politik die Rahmenbedingungen verbessern, und drittens hätten die Regionen und Ferienziele die Nachfrageförderung neu auszurichten, etwa auf Märkte, die weniger stark auf den Preis reagieren. Schmid denkt an das Baltikum, den Balkan und die Türkei. Am stärksten vom Preis gelenkt seien ausgerechnet die für die Schweiz wichtigen Märkte Deutschland und Niederlande.

Autor: Reto Wild