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20. April 2015

Reise durch den Südwesten Englands

Drei Dinge braucht man, um sich im Südwesten Englands wohlzufühlen: einen Kompass, viel Humor und eine gewisse Trinkfestigkeit. On Tour durch Britain at its best.

Am Strand von Branscombe in East Devon. Mit dem Fischkutter werden frühmorgens die Fische gefangen, die dann im Pub aufgetischt werden.
Am Strand von Branscombe in East Devon. Mit dem Fischkutter werden frühmorgens die Fische gefangen, die dann im Pub aufgetischt werden.

Legen Sturm oder Nebel die Verbindung über den Ärmelkanal lahm, pflegt der Engländer zu sagen: «The continent is cut-off», was für sein unerschütterliches Selbstbewusstsein spricht. Auch sonst sind Land und Leute eigenwillig. Der öffentliche Verkehr existiert nur bedingt. Wer plant, mit dem Bus in abgelegene Dörfer zu gelangen, plant vergebens.

Im Dartmoor (Devon) haben die Rindviecher auf der Strasse Vortritt.
Im Dartmoor (Devon) haben die Rindviecher auf der Strasse Vortritt.

Für Reisen in die Grafschaften Dorset, Devon, Cornwall und Somerset im südwestlichen Zipfel Englands empfiehlt sich deshalb das eigene Fahrzeug. Für die erste Übernachtung lohnt sich die Anfahrt von Dover (Fähre) oder Folkstone (Eurotunnel) nach Fletching ins «Griffin Inn». Eine Wohlfühloase, die mit schönen Zimmern, einem stimmungsvollen Pub und elegantem Restaurant überzeugt. Am nächsten Tag geht es bei Bournemouth in der Grafschaft Dorset mit der lokalen Autofähre von Sandbanks zur Isle of Purbeck. Eine Halbinsel, die mit einem dramatischen Küstenabschnitt beim Chapman’s Pool aufwartet. Wer Durst hat, löscht ihn im nicht minder dramatischen «Square & Compass» in Worth Matravers. Für das gepflegte Nachtessen empfiehlt sich in Wareham das Priory Hotel, und für die zahlbare Schlafstätte quartiert sich der Reisende im «Golden Court House» bei Anetha und Michael Hipwell ein.

Dorset ist auch die Heimat des Schriftstellers Thomas Hardy (1840–1928), dessen Romane einen genauso in den Bann ziehen wie die Küsten von Lulworth Cove, Golden Cap und Durdle Door oder der Weitblick von der Saint Catherine’s Chapel bei Abbotsbury an Englands Südküste.

Das Ale wird in guten Pubs gepumpt, nicht gezapft.
Das Ale wird in guten Pubs gepumpt, nicht gezapft.

Branscombe liegt in East Devon und zählt zu den schönsten Landpartien Englands. Ein Dorf mit Kieselstrand, sattgrünem Hinterland und zwei authentischen Pubs. Im «Masons Arms» isst es sich vorzüglich, und im «Fountain Head» schmeckt das lokale Bier vor dem Kamin doppelt so gut.

Bei einem Glas Gin wirds schaurig

Devons Landschaftsbild prägen sanfte Wiesen und wildes Moorland. Bei der Erkundung des Moors sind Kompass und Wanderkarte zwingend. Denn innertMinuten kann dicker Nebel aufziehen, der den Orientierungssinn überfordert. Wer in solch einem Augenblick im «Rugglestone» in Widecobe-in-the-Moor sitzt, hat Glück. Hier trinkt es sich nicht nur gut, hier wissen die Einheimischen auch ihre Schauergeschichten übers Moor zu inszenieren. Oder sie geben einem bei einem offerierten Gin Tipps über die keltischen Kraftorte der Region. Sie erzählen vom Hound Tor in der Nähe von Manato, das Sir Arthur Conan Doyles im «The Hound of Baskerville» berühmt schrieb, von den Grey Wethers nördlich von Postbridge und den Stow Rows westlich von Princetown. Wem das zu mystisch und zu teuer wird, der begibt sich nach Drewsteignton ins patinierte «Drewe Arms» und hört hier bei einem alkoholfreien Ginger Beer den Geschichten über die legendäre Wirtin Mabel Mudge zu. Wer mehr Lust auf ein stilles Picknick hat, findet in Tavistock bei Country Cheeses über 100 Sorten britischen Käse und andere Köstlichkeiten.

«Our neighbours, the English»

Cornwall (Kornisch: Kernow) ist bekannt für seine freiheitsliebenden Bewohner, die stolz sind, Nachfahren der Eisenzeitkelten zu sein. Sie sehnen sich nach Autonomie und zeigen dafür viel Flagge (St. Piran, ein weisses Kreuz auf schwarzem Grund) und ihren «Cornish Tartan», mit dem sie Kilt, Hut, Schal und andere Utensilien verzieren.

Cornwall lockt vor allem mit seinen Gärten. In Torpoint, gleich nach der Grenze zu Devon, befindet sich das «Antony House», das von der viktorianischen Blütezeit zeugt, in der einst reiche Familien ihre Botaniker beauftragten, exotische Samen aus aller Welt zu sammeln, um damit zu Hause ihre Gärten zu schmücken. In Lanlivery bietet sich das Heim von Celia Robbins und Pete Graham als Unterkunft an. Ihr ökologisches Haus «Koeschi» steht mitten im Wald und wird im Frühling von Tausenden wild wachsenden Blue Bells (blaue Zwiebelpflanzen) umzingelt.

Im Frühjahr werden die Böden mit Blue Bells überzogen, wie hier in Lostwithiel (Cornwall).
Im Frühjahr werden die Böden mit Blue Bells überzogen, wie hier in Lostwithiel (Cornwall).

Im nahen Lostwithiel findet immer am zweiten Sonntag des Monats ein Antiquitätenmarkt statt. Ein weiterer Anziehungspunkt der Kleinstadt ist das Restaurant Asquiths mit seiner modernen britischen Küche.

Früher waren CornwallsKanalküstenbewohner Fischerund Schmuggler. Heute fangen sie Touristen. Zumindest in der Shoppingmeile von Polperro. Dass es auch anders geht, zeigt Fowey: Trotz seiner ehemaligen berühmten Einwohnerin, der Schriftstellerin Daphne du Maurier (1907–1989), kommt es ohne Rummel aus. Sehenswert sind der Friedhof und die Kirche von St Just-in-Roseland inmitten von Palmen, Chrysanthemen, Kamelien und Magnolien. Auch Gartenfreunde kommen in dieser romantischen Gegend auf ihre Rechnung. Beim Lost Garden of Heligan und den Gärten von Trelissick, Glendurgan und Trebah wähnen sich Hobbybotaniker im irdischen Paradies.

Seit 600 Jahren eigenes Ale

Am «Flora Day» in Helston (Cornwall) heissen rund 
1000 Schulkinder tanzend den Frühling willkommen.
Am «Flora Day» in Helston (Cornwall) heissen rund 
1000 Schulkinder tanzend den Frühling willkommen.

Immer am 8. Mai ist in Helston die Beschaulichkeit vorbei. Um 7 Uhr wird der «Flora Day» mit dem First Dance eröffnet. Kurz vor 10 Uhr beginnt der Children’s Dance, bei dem über 1000 Kinder und Jugendliche durch die Gassen der Kleinstadt hüpfen. Punkt 12 Uhr startet der Midday Dance mit Damen in wallenden Kleidern und eleganten Hüten, sekundiert von Herren mit Zylinder und Frack.

Im «Blue Anchor» in Helston (Cornwall) trinkt man das Spingo Ale aus dem eigenen Zinnbecher.
Im «Blue Anchor» in Helston (Cornwall) trinkt man das Spingo Ale aus dem eigenen Zinnbecher.

Bierfreunde verlassen die Stadt nicht ohne einen Besuch im «Blue Anchor», in dem seit 600 Jahren Ale gebraut wird. Gourmets wiederum zieht es nach Porthleven zum Neuseeländer Jude Kereama, der in seinem «Kota» eine grandiose Fusionküche zelebriert – Turbot mit Jungartischocken, grünen Saubohnen und einer Grundsauce aus Muscheln und Schellfisch und andere schöne Dinge.

Auf der Halbinsel Lizard lohnen sich die Ziele Kynance Cove, Mullion Harbour, Cadgwith, Poltesco Valley und das am Frenchman’s Creek angeschmiegte Helford. Rauer wirds an der Westküste, dessen speziellesLicht Maler schon seit Jahrhunderten inspiriert. Nicht zu vergessen gilt es hier den «Gurnard’s Head», ein stimmungsvolles einzigartiges Pub mit vorzüglicher Küche. Als Lagerplatz eignet sich die 300 Jahre alte Keigwin Farm von Gilly Wyatt, die ihre schönen Zimmer zum Freundschaftspreis anbietet und in St Yves wochenweise auch ein Cottage vermietet.

Im «Golden Lion» in Port Isaac (Cornwall) mit Blick auf den Hafenparkplatz.
Im «Golden Lion» in Port Isaac (Cornwall) mit Blick auf den Hafenparkplatz.

Die Nordküste Cornwalls glänzt zum Teil mit feinen Sandstränden. Hier sind Boscastle und Port Isacc authentisch, während das Dorf Tintagel nur hartgesottenen «King Arthur»-Pilgern zumutbar ist. Wen auch noch das Schwert des britischen Mythenkönigs interessiert, der reist zum Dozmary Pool ins Bodmin Moor und angelt darin nach Excalibur. Wer nach so viel Mystik eine Pause benötigt, sollte nach St Tudy ins «Tudy Inn» reisen.

Gummistiefel erwünscht!

Meer, Hügel, Moor, sanfte Täler und flache Ebenen widerspiegeln die Grafschaft Somerset. Berühmt ist sie für Cheddar (Käse) und Cider (Apfelwein), den Kenner im «Tuckers Grave Inn» in Faulkland trinken. Bevor es zurück auf den Kontinent geht, ist ein Besuch bei Gordon Reid angesagt. Gordon ist Schotte, war Weltenbummler und arbeitete einige Jahre in der Schweiz, wovon er heute noch schwärmt. Seine Lebenserfahrungen setzt er nun im «Queens Arms» in Corton Denham um. Er sucht seine Mitarbeiter nicht nach Zeugnissen aus, sondern nach ihrer Herzlichkeit und ihrem Willen, seine Geschäftsphilosophie umzusetzen. Das Resultat ist spürbar, wird doch der Gast auf legere, aber stets respektvolle Art verwöhnt. Am Eingang fällt ein Messingschild auf. Hunde und Hunters (Gummistiefel) sind herzlich willkommen. «Unser Haus steht in einem Wandergebiet, das zu den schönsten von England zählt. Da wäre es sehr schlecht, wenn wir ihnen den Zutritt verwehren würden. Zudem suchen uns die Gummistiefelträger abends im Anzug zum Dinner auf», sagt Gordon. Very British, very clever, aber ungemein sympathisch. Wie so vieles in good old England.

Martin Jenni ist freier Journalist und Autor. Seine Bücher erscheinen unter anderem im AT- und Werd&Weber Verlag. Kathrin Horn ist Fotografin. Ihr gemeinsames Buch über den Südwesten Englands erscheint im Frühling 2016 im AT Verlag.

Autor: Martin Jenni

Fotograf: Kathrin Horn