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14. April 2014

(R)Eine Kopfsache

Nach neueren Erkenntnissen riskieren Sportler in den grössten Teamsportarten Eishockey und Fussball neben Invalidität weitere Langzeitfolgen: Eine Hirnerschütterung setzt Profis nämlich nicht immer nur kurzfristig ausser Gefecht. Zwei Beispiele.

Innenverteidiger Dominique Herr im Luftkampf
Innenverteidiger Dominique Herr im Luftkampf beim ersten WM-Endrundenspiel 1994 gegen die USA in Detroit. (Bild: Freshfocus)

Nach tragischen Unfällen mit schweren Lähmungen (wie beim Eishockeyspieler Ronnie Keller, siehe rechts) sind die Folgen offensichtlich. Wenn auch meist weniger tragisch, so bringen mitunter hart geführte Zweikämpfe oder seltener unglückliche Zufälle unspektakulärere, aber ebenfalls bleibende Schäden mit sich. Gemeint sind hier nicht Arthrose oder für immer kaputte Menisken oder Bänder. In den letzten Jahren trat speziell in den beliebtesten Schweizer Mannschaftssportarten Fussball und Eishockey ein lange als harmlos abgetanes Phänomen ins Bewusstsein: die Hirnerschütterung.

Gefunden: die Osterglocke
Gefunden: die Osterglocke

Besonders medizinische Studien über Kampfsportarten oder die wichtigste US-Attraktion American Football schärften das Bewusstsein für folgende Erkenntnis: Schwere oder auch wiederholt erlittene Hirnerschütterungen schlagen langfristig auf die Gesundheit, mit Sicherheit auf die Leistungsfähigkeit. Konnte früher nach einem Schlag oder Aufprall am Kopf oder Rückgrat ohne lebensgefährliche Konsequenzen (Tod, anhaltendes Koma) oder Lähmungserscheinungen schnell Entwarnung gegeben werden, geht man heute vorsichtiger vor. Vermutet schwerere Hirnerschütterungen werden genauer untersucht und die (längere) Regeneration begleitet. Bei vermeintlich leichteren Hirnerschütterungen nimmt man einen Spieler schneller vom Feld und lässt ihn im Zweifelsfall das nächste und übernächste Spiel pausieren.

Mit der erhöhten ärztlichen Aufmerksamkeit ging in den letzten zwei bis drei Saisons im Übrigen tendenziell eine Erhöhung des Strafmasses (meist Spielsperren) für die Verursacher von Verletzungen einher, sofern ihnen klare Regelwidrigkeiten respektive mangelnder Respekt vor der Gesundheit des Gegenspielers nachgewiesen werden konnte. Auch in den Play-offs 2014 gibt es mit der Frustattacke des Lausanners Thomas Déruns zum Schluss des siebten Spiels gegen Patrik Bärtschi (ZSC Lions) oder dem gefährlichen Check des Biel-Ausländers Ahron Spylo gegen Stefan Hürlimann (SC Rapperswil-Jona Lakers) unrühmliche Beispiele.
Unser erster Eishockey-Fall dient zudem gar als Präzedenzfall dafür, dass künftig vermehrt zivil- oder strafrechtliche Instanzen ausserhalb der Sportgerichtsbarkeit angerufen werden, geht man von Vorsatz oder mindestens Eventualvorsatz des Täters aus.
ANDREW McKIM: Karriereende nach einer Attacke
Für das im Schweizer Sport bekannteste Beispiel eines durch schwere Hirnerschütterung hervorgerufenen Karriereendes dürfte der ehemalige ZSC-Stürmer Andrew McKim stehen. Der 170 cm grosse kanadische Eishockeyprofi erlitt die Verletzung im Alter von 31 Jahren in einem Heimspiel am 31. Oktober 2000 in Zürich, herbeigeführt durch eine völlig unerwartete Attacke des Davosers Kevin Miller. Der HCD-Amerikaner checkte McKim, der eben seinem Kollegen Dan Hodgson den Puck zum 3:0 einschussbereit serviert hatte, mit dem Ellenbogen gegen den Hinterkopf. Der getroffene Flügel knallte mit dem Kopf aufs Eis und blieb blutend liegen. Neben harmlosen Schnitt- und Schürfwunden wegen des eingedrückten Gesichtsschutzes diagnostizierte Zürichs Mannschaftsarzt im Spital ein Schädel-Hirn-Trauma.

McKim erholte sich nur sehr langsam und erlangte zweifelsfrei wegen dieses Vorfalls nie mehr Form und Zustand, um auf höchstem Niveau seinen Beruf auszuüben. Noch nach einem Jahr wird ihm beim Fischen, Rasenmähen oder Fitness-/Krafttraining schwindlig, das Risiko eines weiteren «Kopftreffers» kann und will der Familienvater nicht mehr eingehen. Wegen der Umstände – der Puck war bereits klar zuvor weitergespielt worden (kein üblicher Zweikampf mehr), und das Opfer hatte keine Chance, Angriff und Situation rechtzeitig einzuschätzen und zu reagieren – wurde Miller vom NLA-Einzelrichter für acht Spiele gesperrt und mit 300 Franken Busse belegt, vor dem Zürcher Bezirksgericht angeklagt und 2005 wegen Körperverletzung zu drei Monaten Haft und 10’000 Franken Busse nebst Schadenersatz verurteilt. Nach seinem Weiterzug reduzierte das Obergericht 2008 die Strafe abschliessend auf 3000 Franken Busse sowie auf 100% Schadenersatzpflicht. Zu ergänzen gilt es, dass McKim Jahre vor dem Vorfall 2000 bereits eine Hirnerschütterung mit Trauma erlitten hatte, davon aber als weitgehend genesen galt.
DOMINIQUE HERR: Eine Erschütterung pro Jahr
Seit ein paar Jahren ist auch Fussballfans aufgegangen, dass ihr Sport in Sachen Kopfverletzungen alles andere als harmlos ist – zumal für im Zentrum agierende Verteidiger und Angreifer bei hohen Bällen. Im Vergleich zum Hockey, das mehr Kontakt zulässt mit harter (Eis-)Unterlage und Bandenbegrenzung des Spielfelds, sind hier schwere Traumata mit sofortigem Laufbahnknick weit seltener, doch erleiden etliche Spieler wiederholt Hirnerschütterungen und tragen die Folgen noch Jahre danach.
Ein bekannter Schweizer Betroffener mit vielen Nationalmannschaftseinsätzen (im Bild beim WM-Eröffnungsspiel 1994 gegen die USA in Detroit) und Erfolgen in der höchsten Schweizer Liga (mit Lausanne, Sion, Basel) ist der Basler Dominique Herr. Der Abwehrturm mit gutem Stellungs- und hervorragendem Kopfballspiel prallte in seinen 14 Jahren Aktivzeit mehrmals mit dem Kopf eines Gegenspielers zusammen, spielte in der Regel weiter. Zum Ende seiner Laufbahn vermuteten Ärzte bereits, dass auch heftige Kopfbälle ohne direkte physische Einwirkung gegnerischer Ellenbogen oder ebenfalls von Köpfen zu (kleineren) traumatischen Konsequenzen für sein Gehirn geführt haben könnten. Heute gilt dies als praktisch erwiesen.

Allein die während der Karriere sogleich diagnostizierten Hirnerschütterungen vermögen mit den Jahren der Aktivzeit locker mitzuhalten: Es begann mit mindestens einem Vorfall pro Saison bereits im Juniorenalter, und im einen oder anderen Fall spielte Herr eine Weile oder gar das ganze Spiel weiter, ohne noch viel vom Gegner (Spieler wie Mannschaft), Spielstand oder Ort des Geschehens zu wissen.
Nach der letzten Hirnerschütterung wurde er aber Schwindel und gewisse Symptome, sobald er wieder voll mit der Mannschaft zu trainieren begann, nicht mehr los. Deswegen beendete er seine Laufbahn.
Noch lange Zeit später bemerkte er Langzeitfolgen, vorab eingeschränkte Konzentrationsfähigkeit und -dauer, in seinem beginnenden Büroalltag, den er heute jedoch erfolgreich meistert.

Autor: Reto Meisser