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09. Mai 2016

Reif für die Reifeprüfung

Bundesrat Johann Schneider-Ammann fordert härtere Matur

Das sind mir noch Schlagzeilen: «Schneider-Ammann will härtere Matura»! Da findet also der Bundespräsident die Abgängerinnen und Abgänger unserer Gymnasien zu schwach und fordert, es dürfe künftig nicht mehr möglich sein, eine schlechte Mathematik- oder Deutschnote in anderen Fächern zu kompensieren. Von Studienreife, doppeln die Leserbriefschreiber nach, könne bei den heutigen Maturanden keine Rede sein.

Zufällig bin ich Vater einer Maturandin. Und staune seit Monaten, was sie und ihre Kameradinnen und Kameraden alles leisten. Allein schon die Resultate ihrer individuellen Maturitätsarbeiten – die gab es zu unserer Zeit noch nicht – überwältigten mich: Ein eigens komponiertes Kinder­musical gab es, eine ­Untersuchung des ­albanischen «Ehrenmords», einen Dokumentarfilm über ein ­blindes Ehepaar, eine «Kritische Diskursanalyse, angewandt an der Brasilien-Berichterstattung der NZZ während der Amtszeit des Präsidenten Emílio Garrastazu Médici» (und der Titel verrät schon das Niveau).

Bänz Friedli zum Streit um die Matura
Bänz Friedli zum Streit um die Matura

Eine Schülerin liess Testpersonen Insekten essen, einer erfand ein Computerprogramm. Nebenbei sind diese jungen Menschen Pfadileiter, sie musizieren, sind politisch engagiert, betreiben Sportarten wie Streethockey und Lacrosse, probten in ihrer Freizeit eine ­hinreissende Aufführung des Theaterstücks «Peer Gynt» ...

Und dann wäre da noch die bevorstehende Prüfung. Mir wurde schon ob der Literaturliste schwindlig: Zwanzig Werke muss unsere Tochter präsent haben. Bei mir waren es 1984: ein Buch von Franz Hohler, eines von Otto F. Walter und ein schmales Bändchen von Hans Magnus Enzensberger, fertig. Das Gerede von der heute allzu leichten Matura ist Humbug.

Sie, Herr Schneider-Ammann, haben ja Elektrotechnik studiert. Das wäre mir nicht in den Sinn gekommen. Meine Maturanote in Mathematik war ein Zweier, aufgerundet. Ich hätte mich doch nie im Leben an der ETH eingeschrieben! Und es wird sich auch künftig kein Rechenmuffel für eine technische Hochschule und kein minder Sprachbegabter fürs Literaturstudium anmelden, dazu braucht es keine strengere Regelung. Und vor allem keine Panikmache, die Schüler seien zunehmend schlecht in Mathematik und Sprache.

Am Besuchstag sah ich sie unlängst Integrale berechnen; in der nächsten ­Stunde debattierten sie «Brave New World», die ­düstere Utopie von Aldous Huxley – auf ­Englisch. Wahr ist: Diese jungen Menschen sind viel reifer und gewandter, als wir es ­waren. Im Übrigen, geschätzter Herr ­Bundespräsident, wenn ich an Ihr Fran­zösisch und meine mangelnde mathe­matische Begabung denke – ich bin mir nicht sicher, ob wir beide heute eine Matura bestehen würden.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli