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27. Februar 2012

Reif für die Inseln

Die Philippinen stehen nach jahrelangen negativen Schlagzeilen vor einem touristischen Comeback. Besonders vielfältig präsentiert sich die zentralphilippinische Inselgruppe der Visayas: Die Inseln Bohol, Negros, Siquijor und Boracay beeindrucken durch Traumstrände, Relikte aus der spanischen Kolonialzeit, exotische Tiere und farbenprächtige Tauchgründe, die zu den besten der Welt zählen.

Sandstrand auf Boracay
Sandstrand auf Boracay

Ein Blick in die grossen Kulleraugen eines Koboldmakis, und schon ist es um einen geschehen. Die zentralphilippinische Insel Bohol ist Heimat der herzigen Kerlchen. Wer eines von den vom Aussterben bedrohten Äffchen zu Gesicht bekommen will, besucht das Tarsier Sanctuary. Im Schutzgebiet, nur 14 Kilometer vom Hauptort Tagbilaran entfernt, verstecken sich noch rund 1000 der nachtaktiven Tiere. Zusammen mit den geologisch ungewöhnlichen Chocolate Hills bilden sie die Hauptattraktion der Insel.

Erstaunlich gut asphaltierte, schwach befahrene Strassen machen Bohol aber auch zu einem Paradies für Velofahrer. Die hohe Luftfeuchtigkeit und die teils ruppigen Anstiege sind zwar gewöhnungsbedürftig, doch die Erlebnisse unterwegs entschädigen für die Strapazen.

Am Wegrand fallen die vielen Marienskulpturen auf. Sie weisen darauf hin, dass 92 Prozent der 94 Millionen Filipinos katholisch sind — ein Unikum in Südostasien. Die Spanier brachten den christlichen Glauben schon 1521 in den Inselstaat. Zahlreiche Kirchen zeugen davon.

Ein Luzerner verliert sein Herz auf Negros

Die Heimat von Arthur Müller (47) ist die grösste Visaya-Insel, Negros. Der Luzerner hat am 1000 Meter langen Sandstrand von Punta Ballo im Südwesten sein Paradies gefunden. 1995 ging er drei Monate auf eine Weltreise und blieb als Tauchlehrer neun Monate auf der Insel Boracay hängen. Drei Saisons hintereinander kehrte Müller auf die Philippinen zurück. In der dritten Saison erhielt er einen Tipp von einem Einheimischen und entdeckte so die einsame Bucht in der Nähe des Orts Sipalay auf Negros. Er wanderte aus, kaufte Land, und am 26. Oktober 1998 erfolgte der Spatenstich seines Artistic Diving Resorts. «Damals war ich der erste Ausländer in der Region. Tourismus existierte nicht. Wir hatten weder ein Telefon noch Elektrizität und behalfen uns mit Funkgerät und Kerzen.»

Seither hat der einstige Aussendienstmitarbeiter des Veloherstellers Villiger 44 Tauchplätze entdeckt, die alle innerhalb einer halben Bootsstunde vom Korallenriff vor Punta Ballo erreichbar sind. Den schönsten Tauchort nannte er Eva: Evalyn (40) heisst seine philippinische Frau. Heute beschäftigen die beiden in ihrem Resort 30 Mitarbeitende, die sich ums Restaurant, die Zimmer und das Tauchen kümmern.

Arthur Miller und seine Frau Evalyn beschäftigen in ihrem Tauchresort 30 Leute.
Arthur Miller und seine Frau Evalyn beschäftigen in ihrem Tauchresort 30 Leute.

Immer wieder kommt Arthur Müller ins Schwärmen: «Beim Tauchen kann ich mich schwerelos wie im Weltall bewegen. Die Farbenpracht und die Korallenwelt nur 30 Meter unter der Wasseroberfläche ist einfach geil.» Die Philippinen seien Heimat der weltweit schönsten Korallen und Korallenfische. Beim Tauchen komme es, so Müller, garantiert zu Begegnungen mit ungefährlichen Riffhaien, Schildkröten, Baracudaschwärmen, Drückern, Napoleons und einer unglaublichen Vielfalt kleiner Tiere. Er erwähnt Seepferdchen von der Grösse eines halben Fingernagels. «Unsere Bucht mit ihrem Hausriff ist wie ein Ententeich mit tropischem Wasser und ohne Strömungen», sagt Arthur Müller.

Die Stadt Sipalay und die Region im Westen von Negros lebten jahrelang vom Gold- und Kupferabbau. So etwas wie Tourismusförderung existiert erst seit ein paar Monaten. Der Familienvater erinnert sich: «Noch vor Jahren war die Strasse entlang der Westküste nicht asphaltiert. Unterwegs waren nur ein paar Rucksacktouristen.» Den Besuchern vermietet Müller Motorroller. Er organi-siert Führungen in Höhlen oder Wanderungen auf bis zu 2400 Meter hohe Vulkane.

Immer mehr Touristen besuchen die Philippinen

Viele Jahre lieferten die Philippinen negative Schlagzeilen. Seit den 70er-Jahren sorgte der Sextourismus dafür, Ferdinand Marcos regierte das Land ab 1972 bis zu seiner Flucht 1986 diktatorisch, und bis vor Kurzem entführte die muslimische Terrorgruppe Abu Sayyaf Touristen. Die Hoffnungen ruhen auf dem im Mai 2010 zum Präsidenten gewählten Benigno Aquino III. (52), dem Sohn der beliebten Ex-Präsidentin Corazon Aquino. Er kämpft gegen Korruption, die Armut und den Sextourismus und will den Qualitätstourismus fördern. Die Inselrepublik kann sich über mehr Besucher freuen: Fast vier Millionen oder elf Prozent mehr als 2010 markierten letztes Jahr einen neuen Touristenrekord.

Durch die Visayas zu reisen war nie gefährlich. Trotzdem sind Besucher auf der südöstlich von Negros gelegenen Trauminsel Siquijor selten. Das könnte sich bald schon ändern, plant doch die lokale Fluggesellschaft Mid Sea Express wöchentliche Flüge ab Cebu. Noch verlieren sich nur wenige Gäste im Coco Grove Beach Resort, dem grössten und besten Haus vor Ort. Selbst im Hotel kostet das kräftige lokale Bier Red Horse nur 35 philippinische Pesos oder umgerechnet 75 Rappen, ein grillierter, fangfrischer Fisch an einer Limonen-Soja-Marinade 250 Pesos, gut fünf Franken. Kein Wunder, denn die Einheimischen verdienen im Durchschnitt umgerechnet lediglich 200 Franken pro Monat.

Die Insel Boracay hat dagegen ihre paradiesische Unschuld verloren. Durch die viel zu engen Strassen quälen sich Hunderte von Tricycles. Die dreirädrigen Fahrzeuge hinterlassen riesige Abgaswolken. Entlang des vier Kilometer langen Sandstrands drängen sich Bars, Restaurants und Souvenirläden. Doch der Korallensand des White Beachs, der aussieht wie Puderzucker, ist sauber wie eh und je. Familien mit Kindern, viele Touristen aus der reichen Oberschicht Schanghais, Paare und Singles planschen im azurblauen Meer des flach abfallenden Traumstrands.

Das Sandurot-Festival im Hafenort Dumaguete
Das Sandurot-Festival im Hafenort Dumaguete.

Als der Luzerner René Buob 1988 nach Boracay kam, verirrten sich einzig Rucksacktouristen auf die Insel. Bauen durfte man nur mit Bambus und Stroh. Manchmal gab es kein kaltes Bier, weil die Eislieferungen ausblieben. Längst hat die Insel Strom und ist übersät mit Hotels: Die Tourismuswerber wollen jährlich eine Million Besucher anlocken. Ab Manila gibt es pro Tag 36 Flüge nach Caticlan, dem Boracayer Flughafen, der sich auf der Nachbarinsel Panay befindet. Trotz der Massen lässt es sich am Strand bestens erholen, denn mit Booten anzulegen ist nur am Anfang und Ende des White Beachs erlaubt; lärmige Wassermotorräder sind verboten.

«Ich bin hier hängen geblieben und habe mich in Boracay und das Tauchen total verliebt», sagt Buob (48), der mit einer Filipina verheiratet und dreifacher Vater ist. Er beschäftigt in seinen Resorts und Tauchschulen sowie auf seinen Booten 75 Angestellte — ein kleiner König. Arthur Müller bildete sich einst bei ihm zum Tauchlehrer aus.

Am besten gefällt Buob der tägliche Tauchgang mit der Unterwasserkamera. «Dort unten habe ich dieselbe Ruhe und Vielfalt wie vor 20 Jahren. Schon nach zehn Schnellbootminuten treffe ich auf Weissspitzenriffhaie.» Er räumt aber auch ein: Heute ist Boracay anonymer, ein reines Business geworden. Je älter er werde, desto mehr drücke ihn deshalb das Heimweh. Die Sonnenuntergänge und die Klänge aus seinem Laptop trösten ihn darüber hinweg: Es ist das Programm von Radio Pilatus.

Die Recherche wurde unterstützt von Tourasia AG in Wallisellen: www.tourasia.ch

WAS MAN ÜBER DIE 7107 INSELN DER PHILIPPINEN WISSEN MUSS

Anreise:

Am bequemsten ist der Nonstopflug Zürich–Singapur mit dem neuen Airbus A-380 von Singapore Airlines (SQ) und von dort weiter mit SQ-Tochter Silkair nach Cebu (Reisezeit insgesamt rund 17 Stunden).

Reisezeit:

Ganzjährig um die 30 Grad. Regenzeit ist von Juni bis Ende September, in den Monaten August und September ist mit Taifunen zu rechnen.

Unterkünfte:

Insel Siquijor: «Coco Grove Beach Resort» (mit 60 Zimmern grösste Anlage, direkt am Strand, gute Küche, freundliches Personal, ab 100 Franken pro Zimmer inklusive Frühstück, fragen Sie nach dem Zimmer Coco Lodge Nummer 1);
Insel Negros/Sipalay: «Artistic ­Diving Resort» (einfache, sich an Taucher richtende Unterkunft mit 16 Zimmern ab 30 Franken, www.artisticdiving.com );
Insel Boracay: «Calypso Resort» (12 Zimmer, ab 80 Franken/Zimmer, Schweizer Management, ruhig gelegen, obwohl es zahlreiche Läden und Restaurants in der Nähe gibt, unbedingt im hoteleigenen Fischrestaurant essen! www. calypso-boracay.com/resort )

REISEN MIT DEM BIKE

Der kleine Veranstalter Bike Adventure Tours aus Affoltern am Albis ZH hat sich darauf spezialisiert, die Welt in kleinen Gruppen und mit dem Velo zu entdecken – dieses Jahr mit sechs, rund 15­tägigen Philippinen-Reisen. Sie kosten ab Zürich inklusive Reiseleitung rund 5200 Franken. Gestartet wird auf Bohol, befahren werden aber auch Cebu, Negros und Siquijor. Üblich sind Tagestouren mit rund 50 Kilometern und Höhendifferenz von mehreren 100 Metern, was eine Grundkondition voraussetzt ( www.bikereisen.ch ).

Sicherheit

Die im Text erwähnten Visayas können bedenkenlos bereist werden. Das EDA in Bern rät jedoch von Reisen in den Westen von Mindanao (Zamboanga) ab, «wegen des hohen Entführungsrisikos und der allgemein prekären Sicherheitslage».

Allgemeine Informationen:

Fremdenverkehrsamt der Philippinen, Frankfurt, Telefon 0049 69 208 93 94, www.wowphilippines.ch

Autor: Reto Wild

Fotograf: Reto Wild