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24. April 2017

Robinson Crusoe für Mamis

die berühmte einsame Insel
Verzweifelt gesucht: Zwar mit Böötchen und Anschluss an die Zivilisation, aber doch die berühmte einsame Insel ... (Bild: Pixabay.com)

Ich wäre manchmal wieder gerne Kind. Auf die Sache mit den Windeln könnte ich verzichten und auch auf püriertes Kalbfleisch im Gläschen. Aber diese eine Sache, die ist einfach nur klasse: Kinder leben – anders als wir Erwachsenen – im Hier und Jetzt. Sie führen (in der Regel) keine elektronische Agenda, um den Überblick über all ihre Termine zu behalten. Wenn die Minis morgens aufwachen, gehen ihnen nicht all die Dinge durch den Kopf, die heute, diese Woche, nächsten Monat oder 2018 anstehen. Sie denken genau bis zu dem Moment, in dem ihre Cornflakes in einen Milchstrudel geraten und sich im Kreis, Kreis, Kreis drehen.

Mein Erwachsenenhirn ist hingegen dauerverkrampft. Habe ich an alles gedacht? Muss ich etwas managen? Mich (ungefragt) einmischen? Irgendwo sanft Druck aufbauen? Eine Situation retten? Mich bedanken oder bei Nachbarn Blumen giessen? Und habe ich die Arztrechnung bezahlt? Sonnencreme gekauft? Den Kindern die Fussnägel geschnitten? Abgesehen davon wäre da noch die berufliche Geschichte. Journalisten fürchten sich vor nichts mehr als vor Deadlines.

Wenn ich beispielsweise im Januar weiss, dass ich Ende April einen 15-seitigen Magazintext abliefern muss, verdränge ich. Im Februar wird das bereits schwieriger. Rein physiologisch betrachtet versetzt mich das Wissen um den näherrückenden Abgabetermin in Alarmbereitschaft. Leichte Blutdrucksteigerung, verspannte Kaumuskulatur, viel Schokolade. Im März plane und organisiere ich hektisch, um keinen Nervenzusammenbruch (im April) zu riskieren. Die Kinder wundern sich jeweils, dass das Mami so unausgeglichen ist. Wenn die beiden wüssten ...

In Wirklichkeit plane ich in Gedanken meine Flucht, nur mit Handgepäck über Kloten und L.A. nach Tahiti. (Ob ich dort einen Fischer finden würde, der mich auf einem entlegenen Robinson-Atoll aussetzt, bliebe abzuwarten.)
Im Ernst: Sie ahnen nicht, was ich alles geben würde, um die Unbeschwertheit der Kindheit zurückzuerlangen. Früher, als ich noch rote Latzhosen trug und mit Salzteig bastelte, bestand meine einzige Sorge darin, ich könnte ohne eigenes Verschulden eine Folge der Schlümpfe verpassen.

Irgendwann, ich glaube, es war in der siebten oder achten Klasse, änderte sich etwas. Plötzlich war da die drohende Matheprüfung, das zu haltende Referat, die anstehende Turnübung am Schwebebalken. So betrachtet war die Schulzeit ein professionell organisiertes Bootcamp fürs echte Leben. Ganz übel wurde es dann an der Uni. Während ich mich als Schülerin zu Beginn der Sommerferien immer daran berauschte, wochenlang keine Verpflichtungen zu haben, musste ich in den Semesterferien plötzlich Hausarbeiten schreiben, Laborpraktika machen, Klausuren versemmeln.

Das letzte Mal, dass ich relativ nahe an die Unbeschwertheit der Kindheit rankam, war nach der Geburt meines ersten Kindes. Die mickrigen 14 Wochen Elternzeit erweiterte ich um einige Monate unbezahlten Urlaubs. Das Baby und ich, wir lebten einfach vor uns hin. Und wenn ich nachts mit Ida auf dem Sessel hockte, weil sie dann doch nicht so müde wie gedacht war, machte mir das merkwürdigerweise kaum etwas aus. Denn: Ich musste am nächsten Tag nicht funktionieren. Weder in einer Redaktionssitzung abhängen noch Texte schreiben und auch (noch) keine Wäscheberge abtragen.
Das Fussnägelschneiden fiel auch weg. Gute Mütter wissen nämlich, dass man den Babys die Nägelchen anfangs nicht abknipsen sollte!

Autor: Bettina Leinenbach