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25. April 2016

Regretting Motherhood

Mit ihrer Studie «Wenn Mütter bereuen» hat die israelische Soziologin Orna Donath eine kontroverse Debatte ausgelöst – auch in der Schweiz. Die Mutterschaft werde wie eine Waffe gegen die Frauen verwendet, sagt die 40-Jährige: Wer sich gegen Kinder entscheide, sei heftigem gesellschaftlichem Druck ausgesetzt.

Orna Donath
«Eine Mutter wird als etwas Besseres betrachtet als eine kinderlose Frau»: Orna Donath über den «politischen Gebrauch» von Gefühlen.

Orna Donath, Sie wollten mit Ihrem Buch «Wenn Mütter bereuen» bewusst ein Tabu brechen. Warum?

Mutterschaft wird wie eine Waffe gegen Frauen gerichtet, zumindest in meiner Heimat. Eine Israelin, die keine Kinder will, bekommt zu hören, dass sie diese Entscheidung garantiert bereuen wird. Ich kenne Frauen, die wider Willen Mutter werden, weil sie wirklich glauben, was man ihnen sagt: Dass sie durch Kinder ihre weibliche Bestimmung erfüllen. Dass sie ohne Kinder im Alter sehr einsam sein werden. Es ist ein politischer Gebrauch der Gefühle, um Frauen auf Kurs zu bringen.

Sie wollen keine Kinder. Warum können Sie diesem Druck widerstehen, während so viele andere Israelinnen sich ihm beugen?

Ich wusste seit dem 16. Lebensjahr, dass ich keine Kinder will. Ich dachte nicht lange nach, sondern sagte zu mir und meiner Familie: Ich will nicht Mutter werden.

Orna Donath: «Wir Frauen stehen unter Druck. Wir sollten einander helfen und uns verbünden.»
Orna Donath: «Wir Frauen stehen unter Druck. Wir sollten einander helfen und uns verbünden.»

Was sagte Ihre Mutter?

Etwa bis ich Mitte 30 war, hoffte sie, dass sich das mit fortschreitendem Alter einrenken würde. So wie man einen Computer repariert, der ein Virus hat. Als sie erkannte, dass es mir ernst war, war sie ein wenig traurig, weil sie so gerne Mutter ist und mir die gleiche schöne Erfahrung wünschte. Aber sie akzeptiert, dass ich ein eigenständiger Mensch bin. Mittlerweile bin ich in Israel anerkannt als Vertreterin jener Frauen, die keine Kinder wollen. Dafür erhalte ich böse Mails. Meine Mutter ist übrigens trotzdem Grossmutter, denn meine Schwester hat drei Töchter. Also ist alles okay.

Auch in den Sozialen Medien wurde Ihre Studie heftig diskutiert – besonders im deutschsprachigen Raum.

Ja, wobei das Spektrum das gleiche ist wie in Israel. Es reicht von Zustimmung über Wut, Hass und Darüber-reden-wollen bis zur Wertschätzung, dass es die Studie und jetzt das Buch gibt.

Keine Kinder zu haben, ist Teil meiner Persönlichkeit und Identität

Manche sagen, Sie hätten die Studie gemacht, um Ihren eigenen Lebensstil zu bestätigen und zu legitimieren.

Das ist eine sehr enttäuschende und traurige Missdeutung meiner Studie. Nur weil die Gesellschaft nicht weiss, was sie mit meiner Studie anfangen soll, interpretiert sie sie als Rechtfertigung. Aber ich habe niemals versucht herauszufinden, was bei mir falsch lief. Ich habe kein Problem mit meiner Entscheidung, also brauche ich keine Rechtfertigung. Keine Kinder zu haben, ist Teil meiner Persönlichkeit und Identität. Eine ganz natürliche Sache.

Was macht Sie so sicher, dass Sie Ihre Kinderlosigkeit nicht doch eines Tages bereuen?

Ich bin gar nicht sicher, ich glaube es einfach. Aber falls ich es bereue, werde ich damit leben. Bereuen ist eine ganz normale menschliche Emotion. Es ist normal, Entscheidungen zu hinterfragen und darüber nachzudenken, wie es anders hätte sein können. Aber ich will mich heute nicht gegen meinen Willen für Kinder entscheiden, nur weil ich später – vielleicht, vielleicht – bereuen werde, keine zu haben.

Sie haben mit 23 Müttern gesprochen. Was macht Sie so sicher, dass es sich bei den Befragten nicht nur um ein paar Frauen mit ganz spezifischen psychischen Problemen handelt?

Ich behaupte ja nicht, dass es den meisten Müttern so geht. Ich weiss nicht, wie viele es wirklich sind. Und mich als Soziologin kümmert diese Frage auch nicht. Mich interessieren diese Einzelfälle als Stimmen für etwas, das diskutiert werden will.

In Israel ist es inakzeptabel, ein einziges Kind zu haben.

Gibt es unter den bereuenden Müttern ein Muster, eine Gemeinsamkeit wieeine schwierige Kindheit oder Ähnliches?

Ich weiss, worauf Sie hinauswollen, aber ich bin keine Psychologin. Und selbst wenn alle eine traumatische Kindheit gehabt hätten, hätte ich dieses Buch geschrieben, weil man noch nie über das Bereuen der Mutterschaft gesprochen hat.

Einige der Mütter sagten, sie hätten schon immer gewusst, dass sie keine Kinder wollten. Dennoch bekamen sie ein zweites, drittes oder gar viertes Kind.

Es steckt eine gewisse Logik darin, die nicht einfach zu verstehen ist. In Israel ist es inakzeptabel, ein einziges Kind zu haben. Man sagt, das schade dem Einzelkind, es würde verwöhnt und soziale wie kognitive Schwierigkeiten bekommen. Also dachten einige der Mütter nach dem ersten Kind: Jetzt ist mein Leben sowieso schon futsch, also erfülle ich die Mutterrolle halt so gut wie möglich – und dazu gehören Geschwister.

Einige der Mütter haben sich sogar einer künstlichen Befruchtung unterzogen. Sie wollten also wirklich Kinder haben, sehr sogar.

Um das zu verstehen, muss man wissen, was künstliche Befruchtung mit einem macht. Wenn man mal damit angefangen hat, kommt man in eine Art Prozess, in dem man nur noch an die Eizelle und das Spermium denkt. Manchmal verlieren die Frauen dabei die Sicht auf die Konsequenzen. Es ist wie eine Sucht. Man versucht und versucht und kann nicht aufhören. In Israel kommt dazu, dass es als Versagen gilt, wenn man nicht Mutter werden kann.

Hierzulande gibt es diese Versagensängste und den gesellschaftlichen Druck so nicht. Dennoch haben auch bei uns Frauen gesagt, sie bereuten das Muttersein.

Man weiss nicht, was auf einen zukommt: Was für ein Mensch wird das sein?

Aber heutzutage kann man sich fast lückenlos darüber informieren, wie es ist, ein Kind zu haben. Vom Schwangerwerden über die Geburt bis zum heranwachsenden Kind: Es gibt eine Fülle von Informationen.

Viele sagen: «Ich wusste, es würde hart werden, aber nicht, wie hart.» Oder: «Ich hörte von anderen Müttern, es sei schwierig, aber ich glaubte nicht, dass es für mich so werden würde.» Damit haben die Frauen sich selber davon überzeugt, das es gut sei, Kinder zu haben. Denn wenn man in einer Gesellschaft wie in Israel lebt, muss man Mutter sein, man muss! Und mit dieser Selbstüberzeugung löst man den Konflikt zwischen Müssen und Nichtwollen.

Es gibt Frauen, die Kinder wollen, aber nicht bekommen können. Verstehen Sie deren Empörung, wenn sie von Müttern hören, die ihre Kinder gar nicht wollten?

Es ist schmerzhaft, das verstehe ich. Aber die Verknüpfung ist unlogisch, ja irrational. Es gibt keinen Zusammenhang: Eine nicht bereuende Mutter macht eine unfruchtbare Frau, die gerne Kinder hätte, nicht glücklicher.

Manche Frauen wechseln von ihrem erlernten Beruf zum Muttersein und stellen dann fest, dass Mutterschaft auch ein harter Job ist.

Ich würde Mutterschaft eher als Beziehung definieren und nicht als Job. Beziehungen sind lebendig und wechselhaft. Deshalb kann man sie eines Tages bereuen. In Israel kommt ein Vorurteil hinzu: Wenn du keine Kinder willst, bist du eine «Karrierefrau». Nach dem Motto: Entweder du bist per-fekt und wirst Mutter. Oder du bist wie ein Mann und willst beruflich vorwärtskommen. Ich lehne diese Auswahl ab. Damit lassen wir weitere mögliche weibliche Identitäten einfach aussen vor.

Der Mythos Mutter kreiert viel Frust und Selbsthass.

Beim Lesen Ihres Buchs kann schon mal der Gedanke aufkommen, einige dieser Mütter sollten einen entspannteren Weg finden, Mutter zu sein. Viele wollen einfach zu perfekt sein.

Das ist gut möglich. Der Mythos Mutter kreiert viel Frust und Selbsthass. Zudem sollten wir bedenken: Nicht alle sind geeignet, Mutter zu sein. Und auch nicht willens. Ich kann über mich selber und weitere Frauen in Israel sagen: Selbst wenn ich alles hätte, das es für eine entspannte Mutterschaft braucht – Geld, Zeit, Hilfe, ein ganzes Dorf, das mein Kind aufzieht –, würde ich dennoch nicht Mutter sein wollen. Es ist ein Leben, das man nicht will. Eine Beziehung, die man nicht will.

Sie haben viel Verständnis für die Klagen der Mütter, die Sie interviewt haben. Kamen Sie nie an einen Punkt, wo Sie sagen mussten: Das kann ich nun wirklich nicht mehr verstehen?

Als Soziologin und Feministin versuche ich, nicht zu urteilen. Ich höre den Menschen zu und versuche das Gehörte zu verorten, als Mikrobild der Gesellschaft. Ich tue das nicht als Gejammer ab. Denn sonst könnten wir heute nicht hier sitzen und darüber sprechen, wie diese Frauen fühlen. Und diese Frauen könnten nicht sagen, was sie wollten, was sie glaubten und fühlten.

Finden Sie es auch nicht grausam, Kindern zu sagen, dass man sie gar nicht will?

Nein. Schliesslich hat keine der Frauen erzählt, dass sie am Tisch beim Nachtessen sass und zu ihrem Kind sagte: «Gib mir bitte die Kartoffeln und übrigens: Ich bereue es sehr, dass es dich gibt, du bist ein schreckliches, hässliches Kind. Geh bitte.» Wenn jemand so vorgehen würde, würde ich sagen: Sorry, Sie können nicht Ihrem Kind die Schuld geben. Es hat sich nicht dafür entschieden, zur Welt zu kommen.

Mutterschaft ist nicht die einzige Option für eine Frau.

Man sollte den Kindern also nicht sagen, dass man sie bereut?

Jedenfalls nicht auf die Art und Weise wie vorhin beschrieben. Aber wenn ein Kind grösser ist, finde ich es okay, ihm zu sagen: «Mutterschaft ist nicht die einzige Option für eine Frau. Es ist auch nicht die vergnüglichste Sache der Welt.» Wenn man einem Kind auf diese Weise weitere Optionen eröffnet, hat es Glück. Das Klügste, was eine der Mütter in der Studie sagte, war: «Wenn man über gute Mütter spricht, frage ich mich immer: Was für eine Mutter bin ich, wenn ich meine Kinder anlüge, indem ich behaupte, Kinder zu haben, sei das Grösste, das es gibt? Wenn es doch für mich nicht stimmt.»

Eine der Mütter sagte, sie habe darüber nachgedacht, ihr Kind zu töten. Natürlich war das nur eine Fantasie, aber trotzdem …

Ich wette, dass es sehr viele Frauen gibt, die manchmal sagen: «Ich wünschte, ich könnte die Kinder umbringen.» Oder: «Am liebsten würde ich sie auf den Mond schiessen.» Sie alle kennen diese schwierigen Momente im Alltag mit Kindern. Aber zum Glück bleibt es in der Regel bei der Fantasie.

Nicht bereuende Müttern werfen den bereuenden vor, sie würden ihre Verantwortung für die Kinder nicht wahrnehmen.

Das hat mich sehr geärgert. Denn keine der interviewten Mütter drückt sich vor ihrer Verantwortung. Im Gegenteil, da die Kinder nun mal da sind, setzen sie alles daran, eine möglichst gute Mutter zu sein, auch wenn sie sich wünschen, die Zeit zurückdrehen zu können. Aber weil sie realistisch sind, machen sie das Beste draus.

Sie möchten, dass man über das Thema spricht. Aber die Diskussion hat einen Graben geöffnet zwischen bereuenden und nicht bereuenden Müttern.

Das war überhaupt nicht meine Absicht. Mein Motiv war, etwas gegen das gegenseitige Verurteilen zu tun. Wir sollten einander zuhören. Wir Frauen haben so viel gemeinsam. Egal, ob wir keine, eines oder mehrere Kinder haben: Wir stehen alle unter Druck. Wir sollten einander helfen und uns verbünden.

Wie können wir das erreichen?

Wir sollten uns bewusst machen, dass wir uns schwächen, wenn wir uns gegenseitig bekämpfen. Es mag naiv klingen. So im Stil von: Lasst uns nett zueinander sein und gemeinsam Blumen pflücken und Schmetterlinge fangen. Aber das ist ein politisches feministisches Statement: Nur gemeinsam sind wir stark.

Autor: Yvette Hettinger, Andrea Freiermuth

Fotograf: Peter Granser