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09. September 2013

Regisseur Rolf Lyssy: «Musik hat eine ungeheure Kraft»

In der Jury des Internationalen Filmmusikwettbewerbs am Zurich Film Festival sitzt dieses Jahr auch Rolf Lyssy. Der Schweizer Erfolgsregisseur über die Wirkung von Musik, den Umgang mit Komponisten und sein geplantes Spielfilm-Comeback.

Porträtbild ovn Rolf Lyssy
Rolf Lyssy, Regisseur der legendären «Schweizermacher», plant wieder einen 
Spielfilm. (Bild: Keystone/René Ruis)

Rolf Lyssy, wo liegen Ihre Kompetenzen in Sachen Filmmusik?

Für mich als Filmemacher ist Musik enorm wichtig. Die Gefühle, die durch Bilder und Worte entstehen, kann man mit ihr noch potenzieren, denn Musik geht vom Stammhirn direkt in den Bauch. Ausserdem mache ich auch selbst Musik. Als Schlagzeuger des Easy Listening Jazz Quartetts trete ich von Ende Oktober bis Ende Mai jeden Donnerstagabend in der Bar des Zürcher Hotels Eden au Lac auf.

Wie bestimmt die Jury ihre Favoriten?

Von den über 100 eingereichten Beiträgen haben die Organisatoren 23 als hervorragend eingestuft. Davon musste jedes der fünf Jurymitglieder zehn Favoriten bestimmen, fünf davon schafften es ins Finale. Jeder ging anders an diese Aufgabe heran. Ich zum Beispiel habe mir jeweils den Film mit der Musik angesehen. Andere haben nur aufgrund der Partituren auf Papier entschieden. Trotzdem hatten wir am Ende drei Stücke auf unseren Listen, die wir alle gleichermassen favorisierten.

Was waren Ihre persönlichen Kriterien?

Wichtig war mir die Instrumentalisierung, dass die Dialoge trotz Musik weiterhin gut verständlich waren, ob an den richtigen Orten Akzente gesetzt wurden, ob es auch Pausen gab und wie bestimmte Schlüsselszenen musikalisch begleitet wurden. Am Ende ist es natürlich eine Geschmacksfrage. Meine zehn Favoriten habe ich dann noch zwei-, dreimal angehört und eine Rangliste erstellt.

Gibt es gute und schlechte Filmmusik?

Was ich gar nicht mag, ist ein Musikteppich, also wenn während eines Films ohne Unterlass Musik läuft. Ein Film muss atmen können, sonst entsteht der Verdacht, dass der Regisseur kein Vertrauen in Bild und Dialog hat. Es ist wichtig, herauszufinden, an welchen Stellen es keine Musik verträgt. Filmbilder, Musik und Dialoge müssen rhythmisch zusammenpassen. Gute Filmmusik ist wohl jene, die man sofort im Ohr hat, wenn man den Filmtitel hört, etwa bei «Spiel mir das Lied vom Tod». Musik hat eine ungeheure Kraft. Wenn man sie richtig einsetzt, kann man nur gewinnen.

Wie gehen Sie selbst als Regisseur mit Filmmusik um?

Ich weiss immer ziemlich genau, was ich will, und versuche das dem jeweiligen Komponisten zu vermitteln. Aber nichts ist schwieriger, als Musik mit Worten zu erklären. Der Komponist bringt Vorschläge, ich kommentiere, er macht weiter, irgendwann einigt man sich. Die endgültige Fassung entsteht aber erst am Schneidetisch, wo ich entscheide, was ich wo und wie tatsächlich einsetze. Über das Ergebnis sind die Komponisten nicht immer glücklich, aber am Ende muss ich als Regisseur dafür geradestehen. Es muss also für mich stimmen.

Musik geht vom Stammhirn direkt in den Bauch.

Wie wählen Sie den Komponisten aus?

Das hängt vom Genre und Thema des Films ab. Einen Hauskomponisten wie Fellini ihn mit Nino Rota hatte, habe ich nicht. Ich arbeite immer mit jemand anderem. Bei «Ursula — Leben in Anderswo», meinem letzten Film 2011, habe ich das Musikkonzept selber entwickelt. Darin ging es um eine taubblinde Frau, und mir war wichtig, dass man beschwingt in den Film reingeht und beschwingt wieder rauskommt. Für den Schluss habe ich dann den Walzer der Jazz-Suite von Dmitri Schostakowitsch eingesetzt, der mich 1999 im Film «Eyes Wide Shut» total begeistert hat. Das Stück liess mich damals schweben, und ich wollte es unbedingt auch mal verwenden. Allerdings liess ich es von einer wunderbaren Appenzeller Streichmusik spielen, den Geschwistern Küng.

Haben Sie sich je mit einem Komponisten verkracht?

Nein. Aber es kam schon vor, dass ich nachträglich mit der Musik eines Films nicht zufrieden war. Bei meinem ersten Spielfilm «Eugen heisst Wohlgeboren», zum Beispiel. Ich mag den Film gar nicht mehr ansehen, weil der Soundtrack ihn irgendwie kaputt gemacht hat. Damals haben klassische Musiker der Zürcher Tonhalle direkt zu den Filmbildern improvisiert, und das hat nicht funktioniert. Die Musik passt einfach nicht zu dieser ironischen Komödie. Aber ich war in den 60er-Jahren zu jung und hatte zu wenig Durchsetzungsvermögen, um den Produzenten zu widersprechen, die das so wollten.

Seit Ihrem letzten Spielfilm «Ein klarer Fall» aus dem Jahr 1994 haben Sie nur Dokumentarisches gemacht. Lag das auch an der Depression, an der Sie 1998 erkrankt waren, nachdem sich Ihr Spielfilmprojekt «Swiss Paradise» nicht finanzieren liess?

Ja, das ist untrennbar miteinander verbunden. Ich bin bis heute dankbar, dass ich die Hölle dieser Depression überlebt habe. Freunde von mir, unter anderem Regisseur Kurt Gloor, sind daran zerbrochen. Das neuste prominente Beispiel ist Carsten Schloter, der frühere Swisscom-Chef. Als ich wieder gesund war, beschloss ich, keine Spielfilmdrehbücher mehr zu schreiben. Der Lotterie des Filmförderungskarussells wollte ich mich nicht mehr aussetzen, das braucht zu viel Lebenskraft.

Nun haben Sie aber doch wieder einen Spielfilm in Vorbereitung.

Manchmal nimmt das Leben eben unerwartete Wendungen. Zwar gab es auch in den letzten zehn Jahren immer wieder Absagen bei der Finanzierung, nur liess ich mich davon nicht mehr kränken. Und so plane ich nun mit dem Schriftsteller und Drehbuchautor Dominik Bernet eine Kriminalkomödie, die teilweise in Südtirol spielt.

Klappt es diesmal mit dem Geld?

Ich hoffe es. Wir haben einige Zusagen und hoffen, die Restfinanzierung bis Ende Jahr sicherstellen und im nächsten Frühling drehen zu können.

Nichts ist schwieriger, als Musik mit Worten zu erklären.

Ihr Film «Die Schweizermacher» von 1978 ist noch immer der erfolgreichste Schweizer Spielfilm aller Zeiten. Sind Sie stolz darauf?

Es freut mich enorm, dass es mir gelungen ist, einen Film zu drehen, der schon so lange die Nummer 1 ist. Die Zuschauerzahl von über einer Million dürfte auch künftig schwierig zu toppen sein. Erfolg ist etwas Wunderbares, und jeder hofft natürlich darauf. Wer sagt, ach was, ist mir egal, ich mache einfach meine Filme, der lügt sich selber in die Tasche. Aber man kann den Erfolg nicht programmieren, entweder es passiert oder nicht. Und ich musste lernen, mit Erfolg umzugehen, denn es gab auch viel Neid und Missgunst.

Heute wird ja wieder heftig über Ausländer und Immigration diskutiert. Das macht den Film von damals recht aktuell.

Absolut. Er wird auf DVD auch heute noch fleissig gekauft. Und was ich von Freunden so höre, die im Einbürgerungsprozess sind oder waren, erleben die nach wie vor fast das Gleiche wie damals. Überraschungsbesuche von Polizisten zu Hause finden offensichtlich noch immer statt. Mir war aber stets auch wichtig, dass die Geschichte eines Films eine gewisse Substanz hat. Einige Schweizer Komödien der jüngeren Zeit sind hingegen von erschreckender Harmlosigkeit. Das scheint auch im Trend der Zeit zu liegen.

Zurich Film Festival Filmmusikwettbewerb und -konzert: 27. 9., Kino Arena Sihlcity, Zürich; Tickets unter: www.filmmusikwettbewerb.ch Festivalinfos: www.zff.com