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22. Mai 2017

Die regionale Währung Farinet soll das Wallis beflügeln

Das Wallis hat seine eigene Währung, den Farinet. Taufpate des neuen Geldes ist der Falschmünzer Joseph-Samuel Farinet. Was wie ein Scherz klingt, ist für den Freiburger Ökonomen Sergio Rossi ein interessantes Experiment in wirtschaftlich unsicheren Zeiten.

Kommt im Wallis zu neuen Ehren: Der Schmuggler und Falschmünzer Joseph-Samuel Farinet (1845 bis 1880).
Kommt im Wallis zu neuen Ehren: Der Schmuggler und Falschmünzer Joseph-Samuel Farinet (1845 bis 1880).

In Frankreich existieren rund 30 Parallelwährungen zum Euro – und auch in der Schweiz werden längst nicht mehr alle Geschäfte in Franken abgewickelt: Neben WIR und Reka-Checks gibt es mit dem Léman in Genf oder dem Bonobo in Bern bereits regionale Währungen. Seit einer Woche hat nun auch das Unterwallis ein eigenes Zahlungsmittel.
Taufpate der neuen Währung ist ausgerechnet der Falschmünzer Joseph-Samuel Farinet (1845 bis 1880). Weil die Walliser Kantonalbank Ende des 19. Jahrhunderts wegen Fehlspekulationen in die Krise geraten war, genossen Farinets 20-Räppler damals ein grösseres Vertrauen in der Bevölkerung als das offizielle Papiergeld – und das, obwohl sie als Falschgeld erkennbar waren.
Der neu gegründete Verein Le Farinet will an die Geschichte anknüpfen und hat Scheineim Wert von insgesamt 500 000 Schweizer Franken gedruckt. Ein Farinet wird zu einem Franken gehandelt. Erhältlich sind die Scheine in der Wechselstube des Vereins in Sitten. Auch im Tourismusbüro in Sitten kann man Franken in Farinet wechseln. Die Initianten erhoffen sich, dass der Farinet die heimische Wirtschaft fördert und die Beziehung zwischen lokalen Produzenten, Händlern und Konsumenten stärkt.

«Wäre ich Handwerker im Wallis, könnte Farinet durchaus eine Option sein»

Sergio Rossi (49) ist Professor für Makroökonomie und Geldwirtschaft an der Universität Freiburg. Seit vergangener Woche hat der Kanton Wallis eine eigene Währung: Was halten Sie davon?
Das ist interessant, aber eigentlich nichts Neues. Auch bei unseren Nachbarn sind in den vergangenen Jahren, zahlreiche Regionalwährungen entstanden. Der Grund dafür sind die Finanzkrise 2008, die darauf folgende Wirtschaftskrise und die Eurokrise.Diese Krisen haben die Wirtschaft geschwächt und verunsichert. Regionalwährungen sind ein Versuch, sich vom Finanzsystem abzukoppeln und das lokale Gewerbe zu fördern.
Regionalwährungen sollen das Abwandern des Geldes verhindern. Funktioniert das wirklich?
Die Regionalwährungen sind nicht so populär und ihre Beträge klein, deshalb haben sie auch nicht eine so grosse Wirkung. Die Hoffnung ist stets, dass sich eine dieser Währungen weiterverbreitet. Das ist letztlich vom Vertrauen abhängig,
das die Währung geniesst. Allerdings schneidet der Schweizer Franken diesbezüglich nach wie vor besser ab als die Regionalwährungen, die derzeit überall noch als Experiment daherkommen.
Alternative Währungen sollen auch vor Risiken schützen.
Wenn man befürchten muss, dass die Banken bankrottgehen, kann der Besitz einer alternativen Währung eine Option sein. So verteilt man das Risiko. Man muss allerdings bedenken: Auch alternative Währungen bergen Risiken. Vielleicht akzeptiert plötzlich niemand mehr den Farinet – und dann ist er nichts mehr wert.
Kann eigentlich jeder eine neue Währung lancieren?
Ja. Das Problem ist die Akzeptanz. Die Leute müssen darauf vertrauen, dass der Wert des Geldes erhalten bleibt. Das Vertrauen ist auch dann gefährdet, wenn die Schweizerische Nationalbank um die Preisstabilität fürchtet und mitteilt, dass es sich dabei um kein echtes Geld, sondern um ein Kreditsystem handle. Oder aber, wenn die Finanzmarktaufsicht verlangt, dass die Währung mit mehr Kapital abgesichert wird. Beide Institute haben aber bisher nicht reagiert, weil die alternativen Währungen, die sich derzeit in der Schweiz im Umlauf befinden, praktisch unbedeutend sind.
Könnte es sein, dass alternative Währungen in Zukunft eine grössere Rolle spielen?
Wenn die Krise anhält, kann das durchaus möglich sein. Etwa, wenn ein Unternehmer Probleme hat, seine Arbeiter zu bezahlen. Bekommt er von keiner Bank einen Kredit in Schweizer Franken, kann er auf eine alternative Währung zurückgreifen und zahlt seine Arbeiter dann vielleicht in Farinet aus. Regionalwährungen sind in der Regel so konzipiert, dass sie keine Zinsen abwerfen. Das heisst: Niemand hat ein Interesse daran, das Geld zu horten. Da mit Regionalgeld nicht spekuliert wird und es innerhalb eines mehr oder weniger überschaubaren Umfelds getauscht wird, betrachten es viele auch als ethischer und ökologischer.
Wo stehen die Bitcoins im Vergleich?
Das Kryptogeld Bitcoin gehört, wie die Regionalwährungen, zur Kategorie der Parallelwährungen. Das ist aber die einzige Gemeinsamkeit. Bitcoins sind digital und werden durch Computerleistung generiert. Diese Währung ist hochspekulativ, vieles bleibt undurchsichtig. Dahinter steckt ein ganz anderer Gedanke als bei den Regionalwährungen, die den Handel zwischen Nachbarn fördern wollen – und nicht die Spekulation.
Besitzen Sie selber auch Parallelwährungen?
Nein. Von Kryptowährungen halte ich mich fern. Das ist viel zu unberechenbar. Auch Regionalwährungen besitze ich keine. Wäre
ich allerdings als Handwerker im Wallis tätig, könnte Farinet für mich durchaus eine Option sein. 

Autor: Andrea Freiermuth