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07. April 2014

Regenbogenfamilie: Hauptsache Liebe

Geht es nach dem Schweizer Gesetz, sollten Schwulen- und Lesbenpaare keine Kinder haben. Dennoch wachsen rund 6000 Mädchen und Buben in sogenannten Regenbogenfamilien auf. Drei homosexuelle Elternpaare erzählen ihre Geschichte. Rechts das grosse Interview mit zwei Regenbogenkindern aus dem Migros-Magazin vom 7. April 2014.

Die Regenbogenfamilie von Claudio und seinem Partner; in der Mitte der zweieinhalbjährige Sohn
Die Regenbogenfamilie von Claudio und seinem Partner; das Elternpaar wurde seit der ersten Veröffentlichung des Artikels nochmals Vater (Bild: zVg).

Irgendwann kam die Frage nach dem Vater. «Wir erklärten es den Kindern – altersgemäss», sagt Smadar Klopshtok (39). «Dass wir uns sehr gerne haben, und den Wunsch hatten, eine Familie zu gründen; dass wir dann das Glück hatten, dass sie uns als Eltern ‹gewählt› haben.» Klopshtok lacht, sie ist die eine Mutter der fünfjährigen Zwillinge Amitai und Gal – die andere ist Nadine Buchs (38). «Für uns ist wichtig, ihnen vor allem dies mitzugeben: Dass sie sehr geliebt werden und dass wir als Familie eigentlich nicht anders sind als alle anderen auch.»

Ganz so selbstverständlich ist es allerdings nicht, wenn Männeroder Frauenpaare in der Schweiz Kinder haben. Das Partnerschaftsgesetz, dem das Schweizer Volk im Juni 2005 mit 58 Prozent zugestimmt hat, schliesst die Adoption und Stiefkindadoption explizit aus – genauso wie fortpflanzungsmedizinische Verfahren. Es war eine Konzession, zu der die Befürworter des Gesetzes bereit waren, um die Chancen für ein Volks-Ja zu erhöhen.

Unabhängig davon wachsen in der Schweiz nach Schätzungen der Organisation Regenbogen mindestens 6000 Kinder bei gleichgeschlechtlichen Paaren auf. Viele von ihnen wurden in früheren heterosexuellen Beziehungen gezeugt, aber einige sind auch explizite Wunschkinder von Männer- und Frauenpaaren. Diese sind bereit, dafür Umwege in Kauf zu nehmen, übers Ausland oder mit komplizierten Beziehungskonstruktionen. Rechtlich anerkennt die Schweiz jedoch immer nur den leiblichen Elternteil, Partnerin oder Partner gelten nichts.

Smadar Klopshtok mit ihrer Partnerin Nadine Buchs und den Kindern Amitai und Gal.
Smadar Klopshtok mit ihrer Partnerin Nadine Buchs und den Kindern Amitai und Gal.

Der Weg zur Familie war auch für Klopshtok und Buchs kein einfacher. Die beiden sind seit 1999 ein Paar, kannten sich aber schon viel länger, weil ihre Eltern in Israel miteinander zur Schule gegangen sind und seither befreundet waren. Als Buchs, die in der Schweiz geboren und aufgewachsen ist, 1998 zum Sprachstudium nach Israel reiste, funkte es plötzlich zwischen den beiden.

Mehrmals nach Israel zur künstlichen Befruchtung

Nach zwei Jahren kamen sie in die Schweiz, drei Jahre später tauchte die Kinderidee auf. Die treibende Kraft war Klopshtok. Buchs musste sich an den Gedanken erst gewöhnen, aber sie fand dann, warum nicht? «Es war ein langer, langer Prozess», sagt Klopshtok, «wir haben endlos darüber diskutiert, vor allem auch weil es ja hier nicht so einfach ging.»

Da es für sie nicht infrage kam, eine weitere Person in die Familie zu integrieren, stand sehr schnell die Idee der anonymen Samenspende und eine künstliche Befruchtung im Vordergrund. Weil diese in Israel für zwei Frauen problemlos möglich war, reisten sie dorthin, mehrfach und oft für einige Wochen, weil es einfach nicht klappen wollte. Schließlich stellte sich heraus, dass es dafür einen medizinischen Grund gab, und Klopshtok musste erst noch eine Behandlung durchführen lassen. Währenddessen hatte es auch Buchs versucht, jedoch ebenfalls erfolglos. Schliesslich klappte es bei Klopshtok doch noch.

Dass es gleich zwei Kinder waren, überraschte beide, und zwar positiv. Aber es führte zu einigen hektischen zusätzlichen organisatorischen Vorbereitungen. Von ihren Familien erhielten die Frauen volle Unterstützung – einzig die Mutter von Buchs, die eine Weile gebraucht hatte, sich an die Homosexualität ihrer Tochter zu gewöhnen, war zunächst zurückhaltend. «Aber sie liebt ihre Enkel inzwischen heiss und innig», sagt Buchs. Heute lebt die Familie in einem idyllischen Einfamilienhausquartier in einem Berner Vorort und ist dort ausgezeichnet integriert.

Genauso wie Claudio (35)* und Manlio (34) mit ihren Zwillingen Clelia und Maddalena (3). In ihrem Genfer Kinderhort hängen Familienstammbäume mit Passfotos an der Wand. Eltern aus Frankreich, Italien, Japan, den USA und ihre Kinder, die hier jeden Tag betreut werden. Mitten drin und in aller Selbstverständlichkeit die Zwillinge mit ihren beiden Vätern. Auf die Frage, ob die ungewöhnliche Familienkonstellation je zu Irritationen geführt habe, antwortet die Betreuerin: «Nein, warum?»

Für Männer komplizierter als für Frauen

Clelia und Maddalenas Väter haben sich kennengelernt, als sie 20 waren. Sie wuchsen in Rom in der gleichen Nachbarschaft auf und besuchten dieselbe Schule. «Eine sehr heterosexuelle Geschichte», sagt Claudio und lacht. «Deshalb bekamen wir unsere Kinder auch schon so früh, die meisten anderen lesbischen oder schwulen Paare mit Kindern, die wir kennen, sind älter.» Was auch daran liegt, dass es für zwei Männer kompliziert und teuer werden kann, sich einen Kinderwunsch zu erfüllen. «Ich wollte schon immer Kinder haben», sagt Claudio. «Das war das einzige Problem, das ich mit meinem Schwulsein hatte: die Sorge, dass ich keine Kinder haben könnte.» Sein Partner Manlio verspürte diesen Wunsch nicht so sehr, aber es brauchte wenig Überzeugungsarbeit, und er war mit im Boot. «Wir fanden aber auch, wir seien in einer privilegierten Situation: lange zusammen, gute Jobs, Familien, die uns vorbehaltlos unterstützen. Wenn wir so was nicht tun, wer dann?»

Nach einigem Dafür und Dawider entschieden sich die Männer, ihr Glück in den USA zu versuchen. Eine Agentur, die Leihmütter vermittelt, organisierte in Ohio einige Treffen für sie. Die Frau, mit der sie sich einigten, erinnerte Claudio an die Mütter aus amerikanischen Vorabendserien: blond, zwei Kinder, Ehemann, weisses Häuschen, total perfekt. Für sie sei es eine Art Mission gewesen. «Sie erklärte uns, sie werde nie ein Buch schreiben oder ein Medikament gegen Krebs erfinden, aber sie werde sagen können, dass sie etwas tat, das jemanden glücklich gemacht hatte.»

Und natürlich bekam sie auch etwas Geld, «ein paar Tausend», sagt Claudio, «nichts Weltbewegendes ». Wesentlich mehr mussten sie für Anwaltskosten und das amerikanische Gesundheitssystem hinblättern, alles in allem investierten sie rund 50 000 Franken. Die beiden Männer suchten anschliessend eine anonyme Eispenderin, deren mit Claudios Sperma befruchtetes Ei schliesslich der Leihmutter eingesetzt wurde. Es klappte auf Anhieb, und es entwickelte sich eine enge Beziehung mit der Leihmutter, die heute noch besteht.

In den USA wurden nach der Geburt der Zwillinge die notwendigen Papiere aufgesetzt, die Claudio als leiblichen Vater auswiesen, und die von Italien anerkannt wurden – und inzwischen auch von der Schweiz. Wobei sich der Papierkram für die Schweiz in Grenzen hielt, weil Manlio als Marketingmitarbeiter eines grossen amerikanischen Konzerns von Italien aus in Genf angestellt ist. Diese Firma anerkennt homosexuelle Partnerschaften samt Kindern und organisierte sämtliche Papiere.

Rund anderthalb Jahre dauerte es vom Entscheid für Kinder, bis Claudio und Manlio ihre Mädchen in den Armen halten konnten. Bei Simone Luchetta (43) und Mona Läuchli (43) war das Projekt Kind eine deutlich langwierigere Angelegenheit. Seit 18 Jahren ein Paar, mussten sie sich erst mal einig werden. Während die Psychotherapeutin Läuchli schon immer ein Kind wollte, war das für die Journalistin Luchetta nie ein Thema gewesen. Läuchlis Wunsch aber war stark und blieb, und schliesslich liess sich ihre Partnerin überzeugen. Das war vor etwa zehn Jahren. Mangels lokaler Alternativen reisten die beiden nach Holland, wo anonyme Samenspenden erlaubt sind, und arrangierten alles. Jeweils pünktlich zu Läuchlis Zyklus lieferte ein Expresskurier den Samen nach Zürich, gekühlt mit flüssigem Stickstoff. Acht Monate lang. Nichts passierte. Frustriert und erschöpft legten sie eine Pause ein. Dann tauchte ein heterosexueller Freund auf, mit dem sie schon vor Jahren mal über die Idee geredet hatten, und bot sich als Samenspender an. Man einigte sich, legte alle Rechte und Pflichten haarklein anwaltschaftlich fest und machte sich nochmal ans Werk. Nach weiteren fünf Monaten klappte es endlich.

Pina ist heute fünf Jahre alt und kennt ihre Herkunftsgeschichte. Ungefähr zumindest. Während des Gesprächs in der grossen Zürcher Neubauwohnung sitzt sie mal am Tisch, mal spielt sie in der Nähe, mal sitzt sie beim einen oder anderen Mami auf dem Schoss. Sie ist alt genug, um Fragen zu stellen, zum Beispiel nach ihrem Vater, der in ihrem Leben durchaus präsent ist. Er hütet sie ab und zu, sie übernachtet gelegentlich bei ihm, kennt auch seine Familie, hat ein weiteres, drittes Grosselternpaar. «Sie hat jemanden mehr als andere Kinder, nicht jemanden weniger», sagt Läuchli.

Soziale Akzeptanz hoch, Rechtslage beunruhigend

Luchetta ergänzt: «Je nach Altersstufe kommen neue Fragen dazu. Uns ist wichtig, dass wir ihr das nach und nach erklären, und nicht mit 15 dann die grosse Enthüllung kommt.» Wenn andere Kinder nachfragen, erklärt Pina ihnen, sie habe zwei Mamis und einen Papi, und der Papi wohne woanders.

Keine der drei Regenbogenfamilien weiss von negativen Erlebnissen zu berichten. Die Akzeptanz ist hoch. Alle drei haben viele heterosexuelle Familien im Freundeskreis und fühlen sich dort gut aufgehoben. Überall sind die Grosseltern engagiert, reisen zum Teil aus Italien oder Israel herbei, um Zeit mit den Enkelkindern verbringen zu können. Die rechtliche Nichtanerkennung des nichtbiologischen Elternteils ist allerdings ein Problem, das vor allem den Frauenpaaren Sorgen macht. Wenn dem leiblichen Elternteil etwas passieren sollte, würde die Fürsorgebehörde eingeschaltet. Und je nachdem wie liberal oder traditionell deren Mitglieder sind, könnte es passieren, dass die Kinder dem überlebenden Partner weggenommen würden.

Claudio sieht die Sache lockerer. Für ihn ist nur schon das Partnerschaftsgesetz ein Vorteil gegenüber Italien. «Ich denke, das Gesetz war ein notwendiger Kompromiss. Von aussen betrachtet ist die Schweiz auf dem richtigen Weg. Der Trend ist klar, es ist nur eine Frage der Zeit.»

Bei den Gegnern der Elternschaft von homosexuellen Paaren gibt es ebenfalls Ängste (siehe Interview). Sie fürchten, dass die Kinder sich nicht gut entwickeln könnten, wenn bei den Eltern ein Geschlechterteil fehlt. Zahlreiche Studien belegen allerdings, dass sich der Nachwuchs sehr gut entwickelt. «Kinder aus Regenbogenfamilien zeigen keinerlei Auffälligkeiten und sind im Hinblick auf soziale Kompetenz den Kindern aus heterosexuellen Familien sogar voraus», sagt der Basler Psychologe Udo Rauchfleisch, der sich seit Jahren mit dem Thema befasst. «Es gibt keine objektiven Gründe, die dagegen sprechen, dass gleichgeschlechtliche Paare Kinder aufziehen.» Auch an der Vorstellung, dass diese Kinder vermehrt schwul oder lesbisch werden könnten, ist nichts dran. «Im Übrigen ist die Frage an sich schon diskriminierend», findet Rauchfleisch. «Denn sogar wenn es so wäre, was wäre dabei?»

Die Mitschüler fanden es schräg, aber spannend

Heterosexuell und auch sonst sehr zufrieden mit seinem Leben ist Pan (30), der in einem Dorf im Kanton Bern bei zwei Frauen aufgewachsen ist, nachdem sich seine Eltern getrennt hatten, als er ein Kleinkind war. Mit sechs Jahren, als er in die Schule kam, erhielt er erstmals Reaktionen von anderen Kindern. «Die Mitschüler waren vor allem neugierig und fanden das zwar schräg, aber auch spannend – und daran hat sich auch später nie etwas geändert.» Pan versichert, er sei nie gehänselt worden und habe immer nur gute Erfahrungen gemacht.

Der Informatiker, der zurzeit in einer Ausbildung zum Imker steckt, wird am Samstag mit anderen jungen Erwachsenen, die in Regenbogenfamilien aufgewachsen sind, an einer Podiumsdiskussion teilnehmen. Diese ist Teil einer nationalen Tagung der Regenbogenfamilien in Bern, an der über die rechtliche, politische und gesellschaftliche Situation informiert und diskutiert wird.
Pan hatte dank der vielen positiven Erfahrungen nie Angst vor negativen Reaktionen. «Im Gegenteil, ich fand es immer sehr spannend, wie die Leute reagierten und was sie wissen wollten.» Sein leiblicher Vater war kaum präsent in seinem Leben und starb bereits in Pans Jugend. «Das hat mich getroffen, damals. Ich hatte keine wirkliche Beziehung zu ihm, aber dann plötzlich wurde mir die Chance geraubt, ihn richtig kennenzulernen. » Eine Vaterfigur hatte er nie – und sie hat ihm auch nicht gefehlt. «Man sucht sich die Dinge für sein Leben an verschiedenen Orten zusammen, nicht nur in der Familie», sagt Pan. «Deren Form wird sowieso zu stark romantisiert. Das Wichtigste ist doch, dass man sich in einer Familie gern hat, egal, in welcher Konstellation.»

*Claudios Buch «Hello Daddy» ist neu in französischer Sprache erhältlich . Er sucht einen Journalisten, der sich dem Deutschen annimmt.

Disclaimer: Dieser Artikel wurde erstmalig im Jahr 2011 im Migros-Magazin (Ausgabe 14/11) publiziert.

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Esther Michel