Archiv
15. Februar 2016

«Für den IS gäbe es nichts Besseres, als wenn ein rechter Mob in Europa Moscheen attackieren würde»

«Spiegel»-Reporter und IS-Experte Christoph Reuter über die Bedeutung des Islam, die Stimmung in Europa und die Arbeitsweise mit seinem Team im Nahen Osten.

Christoph Reuter
Mit dem Islam lasse sich eine Demokratie genauso begründen wie eine harte Diktatur, sagt der Islamwissenschaftler und «Spiegel»-Reporter Christoph Reuter.

Christoph Reuter, einige im Westen sehen den Islam an sich als Problem – im Nahen Osten, aber zunehmend auch bei uns. Hat das was?

Der Islam ist ein Problem, wenn er zum Problem gemacht wird. Für Pegida und die anderen Rechtsgruppen ebenso wie für den IS und die Dschihadisten wäre das eine wunderbare Eskalation, beide Seiten profitieren davon. In den USA kann man die Folgen bereits beobachten: Der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump fordert, die Grenzen für Muslime zu schliessen, und es gibt erste Übergriffe auf Moscheen. Die amerikanischen Muslime, die bis anhin friedlich und relativ unbehelligt gelebt haben, stellen fest, dass sie plötzlich Feinde sind. Sie wollen das nicht sein, aber man macht sie dazu. Und wenn man Leute zu Feinden macht, werden das einige natürlich auch. Wenn wir zulassen, dass sich diese Stimmung auch in Europa hochschaukelt, dann wird das eskalieren und tatsächlich zum Problem. Für den IS gäbe es nichts Besseres, als wenn ein rechter Mob in Europa Moscheen attackieren würde. Dann bekommt er neue Rekruten auch aus der Mitte. Genauso super für die Rechten in Europa waren die Marokkaner, die in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof Frauen sexuell attackieren.

Aber der Islam per se ist keine Gefahr?

Der Islam ist wie ein grosser Supermarkt, aus dem man sich rauspicken kann, was einem gerade passt, und mit dessen Inhalten man eine freundliche Demokratie genauso begründen kann wie die harte IS-Diktatur. Was dem Islam fehlt, ist eine Reformation, wie sie im Christentum stattgefunden hat. Bei der man Teile der Überlieferung als nicht mehr erstrebenswert definiert, etwa das Versklaven der Juden oder das Töten der Ungläubigen. Man müsste sagen, gut, das hatte seine Zeit, aber das lassen wir jetzt mal, das bringt es nicht mehr. Auf der anderen Seite sind Hardcore-Regimes wie jene des IS oder des Irans der sicherste Weg zur Säkularisierung der Muslime, weil sie Gegenreaktionen provozieren. Ich war selten so oft betrunken wie bei Freunden in Iran, wo der Alkohol ja offiziell verboten ist.

Hardcore-Regimes wie jene des IS oder des Irans der sicherste Weg zur Säkularisierung der Muslime, weil sie Gegenreaktionen provozieren.

Sie halten Ihre genaue Adresse aus Sicherheitsgründen geheim.

Dem IS traue ich zu, dass er mich auch in Hamburg erwischen kann, wenn er will. Er ist sehr gut darin, langfristig Leute auszuspionieren. Aber wenn Angst sich darin äussert, dass man sich vorsichtig verhält, ist das okay. Wenn hingegen ein grundloses, grundsätzliches Gefühl von Panik daraus entsteht, dann sollte man seinen Job wechseln. Ich habe das bei Fotografen ein paar Mal erlebt, die hatten dann nachträglich noch Flashbacks und waren klar traumatisiert. Es ist wohl Typsache, wie man mit so was klarkommt. Bei mir funktioniert das ganz gut, ich habe keine Albträume und schlafe gut. Ich halte mich aber auch von direkten Kämpfen fern. Und wir analysieren jedes Mal, wenn wieder jemand entführt wird, was da genau schiefgelaufen ist und ob wir unser Verhalten ändern müssen – oder an bestimmte Orte nicht mehr gehen sollten. Manchmal sagen wir lange geplante Trips in letzter Minute noch ab.

Wer ist «wir»? Wie genau arbeiten Sie vor Ort?

Ich arbeite immer im Team. Auf Reisen nach Syrien ist zum Beispiel jeweils ein Syrer dabei, der mich während der ganzen Reise begleitet, und dann je nach Region zusätzlich wechselnde lokale Begleiter. Dazu meist ein Fotograf, gelegentlich auch zwei, drei Bewaffnete, die von Rebellengruppen gestellt werden, mit denen wir dann zusammenarbeiten. Alles in allem versuchen wir, unauffällig zu bleiben, und sind nie, wie CNN oder die «New York Times», mit einer ganzen Wageneskorte von Bewaffneten unterwegs. Mit meinem Aussehen und meinem Arabisch kann ich ausserdem so tun, wie wenn ich aus der Region komme. Ansonsten habe ich in all den Jahren ein umfangreiches Netzwerk von Quellen aufgebaut, auf die ich mich abstützen kann.

Wir versuchen, unauffällig zu bleiben, und sind nie, wie CNN oder die «New York Times», mit einer ganzen Wageneskorte von Bewaffneten unterwegs.

Letztes Jahr wurden Sie von der Türkei inhaftiert und ausgewiesen wegen illegalen Grenzübertritts aus Syrien, nun haben Sie eine Einreisesperre. Wie stark erschwert das Ihre Arbeit?

Sehr. Was umso ärgerlicher ist, als wir die Grenze zuvor zahllose Mal auf diese Weise überquert haben, was die Türkei jahrelang nicht gestört hat. Und die Sperre wieder loszuwerden, wird nicht leicht sein. Unsere Position ist natürlich knifflig: Sie haben rechtlich korrekt gehandelt, und ich muss argumentieren, dass ich wieder legal in die Türkei reisen will, um dann erneut nach Syrien zu kommen (lacht). Derzeit läuft alles über Skype, mit Personal und Informanten vor Ort, aber auf die Dauer ist das schwierig.

Finanziert werden Sie komplett vom «Spiegel». Spüren Sie die grosse Printmedienkrise auch oder nicht gross?

Ich persönlich nicht sehr. Aber natürlich spart auch der «Spiegel», einfach an anderen Orten. Die Redaktion hat weniger geblutet als die Verwaltung. Meine Arbeit ist auch deutlich weniger teuer als die Miete eines Korrespondentenbüros in New York.

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Christian Kerber