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02. August 2016

Raver der ersten Stunde

Mit der Street Parade steht Zürich am 13. August wieder ganz im Zeichen der Technobeats. Eveline Louis, Street-Parade-Gründer Marek Krynski und Diana Schläpfer erzählen, warum sie der grössten Party der Schweiz seit über zwei Jahrzehnten die Treue halten. Dazu zeigen wir schäge Outfits aus über 20 jahren in der Bildgalerie – senden Sie uns Ihres!

Eveline Louis
Lässt sich das Tanzspektakel nie entgehen: Die St. Gallerin Eveline Louis.

Als die erste Ausgabe der Street Parade über die Bühne ging, versammelten sich gerade mal 1000 Technofans auf dem Zürcher Hechtplatz. Das war am 5. September 1992. Neun Jahre später tanzten erstmals über eine Million Menschen rund um das Zürcher Seebecken. «Als Techno und House ab 1989 in Zürich einschlugen, war das für mich wie eine Offenbarung. Endlich einmal eine Musik und ein Nightlife, das mein Zeit- und Lebensgefühl auf den Punkt brachte. Ich wollte dann unbedingt einen grösseren Beitrag zu dieser neuen Bewegung leisten. Es war eine Offenbahrung: Ich schreckte mitten in der Nacht aus dem Schlaf auf und hatte die Idee, die Street Parade in Zürich zu organisieren», sagt Street-Parade-Gründer Marek Krynski über die Anfänge des Events.

Am 13. August steht bereits die 25. Ausgabe an. Die Geschichte der Grossveranstaltung ist turbulent: Im Mai 1994 verbot der damalige Polizeivorstand Robert Neukomm (SP) die Street Parade. Sie sei «zu gross, zu laut» undverschmutze die Strassen. Zudem interessiere sich nur ein unwesentlicher Teil der Bevölkerung dafür. Auch der Drogenkonsum an der Parade wurde kritisiert. Medien wie der «Blick» und die NZZ sowie unzählige Freunde und treue Fans des Anlasses solidarisierten sich jedoch mit den Veranstaltern. Mit Erfolg: Im August 1994 stieg die Party wie gewohnt – mit 30'000 Besuchern und 10'000 Schaulustigen.

SCHRILLE RAVER-KOSTÜME

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Das Wetter spielte indes nicht immer mit: 2002 sorgten Regen und Temperaturen von 17 Grad bei einigen Teilnehmern für Unterkühlung. Ein Jahr später dann das andere Extrem: Temperaturen von 37 Grad hielten die Sanitäter auf Trab. Auch die Routen- und Terminplanung entpuppte sich zeitweise als Herausforderung. Wegen einer Beschwerde von Geschäftsbesitzern an der Bahnhofstrasse mussten die Veranstalter die Strecke 1993 umplanen. Und die Ausgabe 2015 fand infolge einer Grossbaustelle erstmals Ende August statt – bei 32 Grad pilgerten erneut eine Million Raverinnen und Raver in die Limmatstadt.

Das Soundkonzept hat sich mit den Jahren gewandelt: «Früher war die Parade trancelastiger. Heute dominieren Minimal und House. Das ist schon eher Mainstream», sagt Besucherin Diana Schläpfer. Gespielt wird die Musik dieses Jahr auf insgesamt 8 Bühnen und 26 Love Mobiles, den zu fahrbaren Dancefloors umfunktionierten Lastwagen. Street-Parade-Urgestein Eveline Louis ist eine der Tänzerinnen, die darauf für Stimmung sorgen. Mit ihren 51 Jahren dürfte die St. Gallerin zu den älteren Besucherinnen zählen. Für sie ist jedoch klar: «Auch nächstes Jahr bin ich wieder dabei.» 

«In der Technoszene kann ich mich ausklinken»

EVELINE LOUIS (51)
EVELINE LOUIS (51)

EVELINE LOUIS (51) aus Thal-Reineck SG:

«Dieses Jahr gehe ich an meine 21. Parade! Ich laufe noch immer mit Schlaghosen und Buffalo-Schuhen herum. Nur ziehe ich die Kluft heute erst auf dem Autoparkplatz in Dübendorf an – man wird ja nicht jünger. Von da aus gehts mit dem Zug nach Zürich.
1995 waren die echten Raver und Liebhaber der elektronischen Musik auf der Gasse.

Mit den Jahren wurde die Parade kommerzieller. Viele Besucher haben nichts mehr mit Techno am Hut und geniessen einfach die Party. Ich lernte 2003 eine damals 72-jährige Frau kennen, die bei jeder Parade dabei war. Die Stimmung, die jungen Leute und die Musik hatten es ihr angetan. Mir gefallen die Transvestiten, die immer so wunderschön daherkommen. Solche Begegnungen gibt es nicht alle Tage.

Die Street Parade bedeutet mir viel: In der Technoszene kann ich mich ausklinken und ich selbst sein. Irgendwann habe ich den Zürcher Club Oxa entdeckt. Dort habe ich mich oft um jüngere Frauen gekümmert, die zu viel getrunken hatten. Seither nennt man mich Oxa-Mami.
Letztes Jahr feierte ich den 50. Geburtstag in einem Club in Dübendorf: 120 Gäste aus der Szene, 12 Stunden Trance und ­eine Torte mit ‹Oxa-­Mami›-Schriftzug.»

«Die Street Parade war für mich eine Herzenssache»

MAREK KRYNSKI (47)
MAREK KRYNSKI (47)

MAREK KRYNSKI (47) aus Greifensee:

«Die erste Parade ist in der Erinnerung noch sehr präsent – ich war damals erst 23 Jahre alt: Die Polizei erwartete rund 20 Leute und sagte, wir sollen uns am rechten Strassenrand bewegen. Dass dann 1000 Leute teilnahmen, war eindrücklich, für uns aber nicht so überraschend. Es war klar, dass das Konzept funktionieren und Techno der nächste grosse Musikstil würde.
Um die Sicherheit machte ich mir nie Sorgen. An Technopartys gibt es keine Schlägereien, keine Messerstechereien, keine Sachbeschädigungen. Ich glaube, das liegt an der Magie von House und Techno.

Nach der ersten Parade sagten alle, ich müsse das weiterziehen. 1996 gründeten wir einen Verein; ich war noch ein Jahr lang dessen Präsident. Irgendwann wurde die Parade so gross, dass ich mich zwischen ihr und dem Studium entscheiden musste. Die Parade war für mich eine Herzensangelegenheit; ich wollte kein Business daraus machen. Also entschied ich mich fürs Mathematikstudium.

Dieses Jahr gibt es einen offiziellen Teil auf dem Hechtplatz. Dort werde ich vielleicht eine kurze Rede halten oder als DJ auflegen, bevor ich den Umzug geniesse. Ich freue mich! Ich habe vier ­Kinder – die Street Parade ist mein fünftes.»

«Die Parade hat mich total mitgerissen»

DIANA SCHLÄPFER (35)
DIANA SCHLÄPFER (35) mit ihren Kindern.

DIANA SCHLÄPFER (35) aus Basel:

«Hätten meine Eltern es erlaubt, wäre ich schon viel früher an die Parade gegangen. Ich musste aber warten, bis ich 17 war. Ich bin in der Ostschweiz aufgewachsen, für mich ist Zürich noch heute gross und eindrücklich.
Die Parade hat mich total mitgerissen. Ich war mit Freunden unterwegs, und wir haben bis zum Morgen durchgetanzt. Seither bin ich jedes Jahr hingegangen.

Als Techno aufkam, war ich 13. Ich war begeistert und sammelte die Street-Parade-CDs mit dem jeweiligen Soundtrack. Ich habe mich auch immer verkleidet.
Die Kostüme habe ich selber gezeichnet, und meine Mutter hat sie für mich genäht. Manchmal kam sie sogar mit! 2011 habe ich Tochter Darleen (7) und Sohn Daron (6) zum ersten Mal mitgenommen. Danach sagten sie, ich könne gut tanzen. Für die Parade darf sich Darleen auch schminken.

Ich mag die Parade – ob allein oder mit den Kindern. Wenn sie dabei sind, kann ich ihnen meine Welt zeigen. Einige Leute finden es nicht gut, wenn man Kinder mitnimmt. Mit etwas Distanz zur grossen Masse geht das aber bestens.
Im vergangenen Jahr bin ich alleine an die Parade gegangen, um alte Freunde treffen und etwas mehr Bier trinken zu können.»

Autor: Anne-Sophie Keller

Fotograf: Holger Salach