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16. Juni 2014

Spielplatzgespräche, Teil 2: Raubtierfütterung

Die «Mamma Mia!»-Kolumnistin widmet drei Beiträge dem Spielplatz. Im zweiten geht es um die wundersame Vermehrung ... des Hungers.

Das Kind hat (k)einen Hunger
Was? Mein Kind isst von den mitgebrachten Snacks der anderen? Aber es hat doch gar keinen Hunger...

Ich liebe Spielplätze. Nicht wegen der Wippen – dafür ist mein Hintern zu schwer – sondern wegen der ungezwungenen Atmosphäre, die dort herrscht. Besonders offensichtlich wird das, wenn die treu sorgenden Mütter die mitgebrachten Snacks servieren. Dann geht es zwischen Sandkasten und Rutsche plötzlich wie bei den Vandalen zu: Die Constanze, die daheim immer mit Messer und Gabel dinieren muss (was sie total gut kann!), darf nun plötzlich mit den Fingern zulangen und die Banane so lange würgen, bis brauner Matsch zwischen ihren Fingern hervorquillt. Der Johannes befingert alle Gummibärli und steckt sich die Dinger auch mal probehalber in den Mund, bevor er die Fruchtgummis mit seinen Freunden teilt. Matteo krümelt systematisch Vollkorn-Cracker auf die Sandburg – was seine Mami total verpasst, da sie gerade damit beschäftigt ist, die Chipstüte zu plündern, die Johannes Mutter geöffnet hat. Kurzum: Bei der Outdoor-Raubtierfütterung gehen sämtliche Manieren flöten, alle essen bei allen mit – und Glutamat ist plötzlich gar nicht mehr so schlimm.

Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt. Ja, ich kann sogar sagen, dass ich dieses Gelage mag. Wann sonst hat man die Chance, andere Produkte zu testen, die man selbst never ever kaufen würde? (Okay, wenn ich darüber nachdenke, finde ich es schon etwas unangenehm, dass man auf diese Art auch die Popel und Spucketröpfchen der Mitesser serviert bekommt. Aber das wollen wir nicht weiter vertiefen, nicht wahr?) Es ist mir nach wie vor etwas peinlich, dass meine Kinder ausgerechnet immer das essen wollen, was die anderen Mamis mitgebracht haben. Einmal hat sich Ida so auf eine Schüssel voller Popcorn gestürzt, dass das Kind, dem der Snack gehörte, nur noch ein gepopptes Körnchen abbekam. Ein anderes Mal hat Eva so an einem fremden Trog zugelangt, dass ich mitleidig gefragt wurde, ob ich keine Zeit fürs Kochen gehabt hätte. Glücklicherweise scheint das anderen Müttern ähnlich zu gehen. Wenn ich meine Waren auspacke, sind fremde Kinder auch immer die ersten, die sich bedienen.

Es gibt aber etwas, an das ich mich nur schwer gewöhnen kann: Wie geht man mit jenen Kids um, die wie eine Horde Heuschrecken über das Spielplatz-Buffet herfallen, aber selbst niemals einen Snack dabei haben? Wegschicken ist keine Option, die Kleinen können ja nichts dafür. Neulich habe ich es mit einem netten Gespräch versucht, quasi von Erziehungsberechtigter zu Erziehungsberechtigter:
«Ach, hallo Regula, stört es dich, dass Fritz und Fränzi bei unserem Zvieri mitessen?»
«Nein, nein, es stört mich nicht. Obwohl meine Kinder eigentlich gar keinen Hunger haben.»
«Oh, ja, ich sehe, dass sie sehr satt sind.»
«Es ist ja auch gar nicht gesund, dieses viele Essen.»
«Nein, du hast recht, total ungesund.»
«Und teuer, sage ich dir, teuer! Ein Kilo Pfirsiche ist echt unbezahlbar. Ich kann gar nicht verstehen, dass du schon welche gekauft hast.»
«Naja, so teuer waren sie auch wieder nicht. Ausserdem kann ich verstehen, dass Ida und Eva langsam keine Äpfel mehr sehen können. Es geht mir ähnlich.»
«Komisch, Fritz und Fränzi essen für ihr Leben gerne Äpfel.»
«Und offensichtlich auch Pfirsiche...»

Autor: Bettina Leinenbach

Fotograf: Oreste Vinciguerra