Archiv
15. Juni 2015

Raubt das Fischen den Respekt vor dem Leben ...

... oder entwickelt es ihn bei Kindern und Jugendlichen überhaupt erst? Letztlich hängt die Antwort der Eltern oder eines regulierenden Staats davon ab, welche Einstellung Erwachsene selbst in Bezug auf Tierrechte haben. Wie sieht es dabei bei Ihnen aus?

Junge beim Fischen
Junge beim Fischen: Verrohend oder sensibilisierend für die Fragen rund um Töten oder Essen? (Bild Keystone)

Von Tierrechts-Verteidigern wie auch Humanisten wird oft ein Satz von Albert Schweitzer zitiert: «Jeder, der sich einmal daran gewöhnt hat, das Leben irgendeines Lebewesens als wertlos zu betrachten, läuft Gefahr, ebenfalls zu der Idee zu gelangen, dass menschliches Leben wertlos sei.»
Die Problematik verdeutlicht haben in den letzten Jahren eine Studie sowie die Analyse der Verhaltensweisen und Lebensläufe etlicher Schwerverbrecher: Sehr oft gingen bereits in der Kindheit und Jugend Gewalt, Tötungen, teils grausame Tierquälerei dem späteren Morden von Menschen voraus. Aktueller als Schweitzer zieht denn auch der ehemalige deutsche Staatsanwalt Alexander Hold nach Erfahrung mit etlichen Delikten gegen Leib und Leben das Fazit: «Ein Kind, das nicht bereits in der Kindheit die Achtung und den Respekt gegenüber der Kreatur vermittelt bekommt, läuft selber Gefahr, frühzeitig zu verrohen – auch gegenüber Mitmenschen.»

Bloss: Was bedeutet das nun für das Fischen? Ende April gelangte der Schweizer Tierschutz (STS), unterstützt von ein paar Psychologen, mit der Forderung in die Medien, den Unter-18-, sicher aber den Unter-16-jährigen Jugendlichen solle das Fischen – allenfalls nur ohne Begleitung respektive Anleitung von Erwachsenen – verboten werden. Heute ist nur die berufliche Fischerei in Boten streng durch Zulassungen reguliert, an den Ufern der meisten Schweizer Seen gilt die Freianglerei. Das heisst, jede(r) darf, in ein paar Kantonen ab 10 Jahren, manchmal gänzlich uneingeschränkt.

Befürworter einer strengeren Lösung wie auch die Gegner im Schweizerischen Fischerei-Verband (SFV) sind sich mehrheitlich einig, dass es beim Fischen, selbst wenn Jugendliche unter sich sind, selten zu Tierquälerei kommt. Das wäre der Fall, wenn Tiere über den Akt des Tötens mit sachkundig ausgeführtem Betäubungsschlag (mit metallenem Gegenstand) und Todesschnitt hinaus noch mehr Leiden erdulden müssten. Obschon zur Dunkelziffer wenig gesagt werden kann...

Du sollst nicht töten
Hauptsächlich reduziert sich beim Fischen die Streitfrage jedoch darauf, ob das Töten eines Tiers zwecks Gewinnung von Nahrungs- oder Genussmittel an sich überhaupt zulässig sei. Und ob es auch durch noch nicht Volljährige auszuüben sei.
Dabei vertritt die eine Seite die Meinung, Töten sei an sich problematisch und Kindern dieser Akt keineswegs zuzumuten, weil sie dadurch bereits moralisch verrohen könnten. Die Gegenseite findet gerade wertvoll, dass sich auch junge Menschen bewusst damit auseinandersetzen, woher das Essen komme, sich darum kümmern und Verantwortung übernähmen. Im Gegensatz zu all jenen, die bedenkenlos nur die Fischstäbchen aus dem Supermarkt essen. Denn für diese werden auch Fische getötet, oft zuvor unter weit übleren Bedingungen gezüchtet und gehalten. Zudem droht weit mehr Überfischung und Zerstörung heikler (Meeres-)Ökosysteme beim bedenkenlosen Einkauf gegenüber dem bewussten Akt des Fischens.
Die Kritiker des Angelns, die konsequent das Tierwohl über den Genuss tierischer Produkte stellen, antworten darauf wiederum, dass sie natürlich nicht im Supermarkt zu Fischstäbchen greifen, bloss weil sie selbst nicht fischen. Vegetarier kaufen ja auch kein Fleisch, bloss weil sie das Wild nicht selbst in den Wäldern schiessen ...

Einig sind sich beide Seiten, dass es zentral ist, wie Jugendliche von erfahrenen Fischern in der Familie oder sonst im Umfeld in das Fischen mit allen Konsequenzen eingeführt werden. So lernen sie, Entscheide über Tod oder Leben nicht leichtfertig zu fällen, das Leiden des Tiers zu minimieren, ihm generell Respekt zu zollen.

Tiere töten: VIER TYPEN
Am Ende hängt der Entscheid, wie fair und gerecht das Fischen sei, und ob bereits Jugendliche oder Kinder mit den tödlichen Konsequenzen betraut werden sollen, davon ab, wie die entscheidenden Erwachsenen im Privaten oder auf staatlicher Ebene selbst dem Töten von Tieren gegenüberstehen.
Hier die vier unterschiedlichen Einstellungen. Welcher neigen Sie zu? Stimmen Sie ab (rechts).

1. Ich esse Tiere, dafür müssen sie eben sterben. Das ist der Lauf der Dinge. Grosse Tiere fressen ja auch kleinere. Wer sie tötet, spielt keine Rolle.

2. Zwar esse ich Tiere, doch achte ich beim Einkauf darauf, dass möglichst fair mit ihnen umgegangen worden ist und sie sachgemäss gehalten worden sind. Letztlich würde ich die Verantwortung übernehmen, sie selbst zu töten.

3. Ich esse keine Tiere, will nicht, dass welche für mein Essen sterben. Wer das will, soll dafür selbst die Verantwortung übernehmen.

4. Ich esse keine Tiere und engagiere mich aktiv dafür, dass auch für andere (Konsumenten) möglichst keine getötet werden.

Autor: Reto Meisser