Archiv
23. November 2015

Rapper Greis: «Ich bin ein Dilettant, der mit Halbwissen um sich wirft»

Grégoire Vuilleumier (37) alias Greis zählt zu den erfolgreichsten Rappern der Schweiz. Über die Musikszene hinaus berühmt geworden ist der Berner wegen seiner spitzen Sprüche gegen den Rechtspopulismus. Mit dem Album «Hünd i parkierte Outos» will er jetzt wieder ein musikalisches Zeichen setzen. Hier finden Sie vier seiner Youtube-Hits zum Reinhören.

Grégoire Vuilleumier alias Rapper Greis
Grégoire Vuilleumier alias Rapper Greis

Grégoire Vuilleumier, seit Sie 20 sind, nennen Sie sich Greis. Warum?

Dafür habe ich keine gute Erklärung. Mein Lehrer hatte uns in der Schule am Beispiel «alter Greis» mal erklärt, was ein Pleonasmus ist. Ich fand das so cool, dass man da einfach ein Adjektiv geschenkt kriegt. Wie ein Shampoo, bei dem es noch ein kleines Duschgel dazugibt.

Lebkuchenmann
Lebkuchenmann

Ist der Titel Ihres neusten Albums «Hünd i parkierte Outos» ähnlich zufällig entstanden?

Hunde in parkierten Autos zu sehen, ist für mich ein intimer Moment mit Fremden. Man schaut sich an, geht weiter, aber man hat sich getroffen. Egal, ob er dich herzig anschaut oder dich anbellt.

Das klingt nicht nach viel Tiefgang. Haben Sie Ihren Biss verloren?

Für mich ist das Album eine Rückkehr zu meinen Stärken: Geschichten erzählen. Primär will ich mich selber verwirklichen. Aber es hat immer auch militante Songs auf meinen Alben. Mit dem Lied «Teil vom Ganze» will ich einen anderen Blick auf die Schweiz werfen. Einen, der auf dem aktuellen Forschungsstand beruht.

Quelle: Website Greis

Und was sagt die Forschung zur Lage der Schweiz?

Die ganzen Mythen um 1291 – der Rütlischwur, die drei Kantone, eine Verteidigung gegen Invasoren von aussen oder die Schweiz, die organisch wächst – stimmen nicht. 1291 ist eigentlich nicht viel passiert. Manche Kantone hatten damals sogar Bündnisse mit Habsburg; andere Kantone waren Eidgenossen von Ländern wie Savoyen oder Schwaben. Die Loyalität zu denen war oft grösser als die Loyalität gegen innen. Es gab viele Bürgerkriege, und wir brauchten sogar Hilfe vom Ausland, um Frieden zu finden. Was uns auszeichnet sind nicht das Réduit oder die Abschottung. Was uns auszeichnet, ist unsere Diversität, der Kontakt zur Aussenwelt und dass wir ein aktiver Teil von Europa waren. Wir hatten Migrationsströme gegen aussen wie auch gegen innen – und sind darum eines der vielfältigsten Länder dieser Welt. Das ist ein Potenzial.

Je politischer Ihre Songs sind, desto schlechter laufen die CDs. Wie schwer ist der Spagat zwischen Gesellschaftskritiker und Hip-Hop-Prolet?

Das Politische ist bloss ein Teil von mir. Das geht also ganz gut einher. Aber es ist logisch, dass sich politische Alben schlechter verkaufen. Denn mit einer klaren Positionierung spreche ich nur einen kleinen Teil der Leute an. Wenn Oskar Freysinger von der SVP einen Gedichtband herausgäbe, würde ich mich da auch nicht draufstürzen.

Sie sind nicht der einzige Rapper, der sich gesellschaftskritisch äussert. Ist das Aufzeigen von Missständen ein fester Bestandteil der Hip-Hop-Kultur?

Das Aufzeigen schon, aber nicht das Aufdecken. Wenn ich Lieder mit politischem Hintergrund schreibe, basieren die Texte auf Büchern von Leuten, die mehr verstehen als ich. Meine Infos nehme ich von links und rechts. Ich glaube, Gesellschaftskritik hat im Hip-Hop durchaus Tradition. Ignorante Texte aber genauso.

Bringt es überhaupt etwas, sich zu engagieren?

Wenn man sich für etwas einsetzt, muss man sich gleichzeitig bewusst sein, dass die Wirkung meist nicht messbar ist. Man wird für sein Engagement kein Diplom per Post erhalten. Aber ich habe den Traum, meinen ganz kleinen Teil dazu beizutragen, dass die Welt nicht schlechter wird.

Sie haben auf Facebook intensiv dazu aufgerufen, wählen zu gehen. Die Wahlbeteiligung lag jedoch bei unter 50 Prozent. Sind Sie enttäuscht?

Ich finde die Beteiligung nicht wahnsinnig tief. Sie entspricht der Wahlbeteiligung eines westeuropäischen Landes, das über Dinge abstimmt, die einen nicht direkt betreffen. Wählen zu gehen, ist ein Recht und keine Pflicht. Man kann die Leute schliesslich nicht aus ihren Wohnungen prügeln.

Quelle: Website Greis

In Ihrem Song «Teil vo der Lösig» werfen Sie dem Parlament vor, Fremdenhass zu vertreten. Was meinen Sie damit?

Fremdenhass ist ein universelles Phänomen, das in jeder Kultur und in jedem Kulturkreis vorhanden ist. In einem so vielfältigen Land wie der Schweiz ist es bezeichnend, dass Fremdenhass dort verbreitet ist, wo der Kontakt mit Fremden selten ist. Räubergeschichten haben aber keinen Platz, man muss über die Realität reden. Der Zweite Weltkrieg als ultimatives abschreckendes Beispiel von Fremdenhass rückt immer weiter weg. Die rechtspopulistischen Parolen, die heutzutage in der «Weltwoche» propagiert werden, waren vor zehn Jahren undenkbar. Fremdenhass ist salonfähig geworden.

Sie teilen nach allen Seiten aus. In der «Weltwoche» sagten Sie 2007, dass es die Linke nach den sozialdemokratischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte verschlafen habe, neue Themen zu besetzen.

Dass wir eine Altersvorsorge haben, ist eine der grössten Errungenschaften der Sozialdemokratie. Genauso wie das Frauenstimmrecht oder die Chancengleichheit. Es ist viel einfacher, für diese Errungenschaften zu kämpfen, als sie zu verteidigen. Wir leben heute in einem Sozialstaat, den es zu bewahren gilt. Das ist eine sehr komplexe Aufgabe, wie etwa die Reform der AHV zeigt. Das ist nicht sexy. Und darum sprechen auch viele Jugendliche weniger darauf an. Da hat es der rechte Flügel einfacher: Die haben eine einfache Erklärung für alle Probleme – die Ausländer.

Sie haben auch die Aktion von Donat Kaufmann unterstützt, der mittels Crowdfunding eine Titelseite von «20 Minuten» kaufte – als Reaktion auf die SVP-Werbung an derselben Stelle.

In der Medienwissenschaft gibt es die Theorie der Schweigespirale. Sie besagt, dass Menschen ihre Meinung tendenziell zurückhalten, wenn sie glauben, in der Minderheit zu sein. Die Folge davon ist, dass die Mehrheit – selbst wenn es sich nur um eine vermeintliche Mehrheit handelt – immer lauter wird. Schweigen ist gefährlich. Zudem hat Donats Kampagne verdeutlicht, wie viel Geld die SVP in ihren Wahlkampf steckt.

Gegen die SVP wettern Sie besonders gern. Wie kommt das?

Ich finde diese Partei nicht transparent. Sie geht mit der Angst vor Ausländern und Europa auf Stimmenfang. Aber eigentlich geht es ihr vor allem darum, Steuern zu senken. Die SVP war früher die Partei der kleinen Leute, fordert heute jedoch Kürzungen der staatlichen Budgets. Diese betreffen alle Bereiche, sei es die Polizei, das Sozialwesen oder eben die Landwirtschaft.

Quelle: Website Greis

Sind Sie gern Schweizer?

Absolut. Ich bin ein stolzer Waadtländer, Berner, Basler und Schweizer. Und zwar weil ich extrem dankbar bin, im schönsten und vielfältigsten Land der Welt geboren worden zu sein. Im Land mit den besten Aussichten. Das ist mehr wert als ein Sechser im Lotto.

Die SVP würde hier sagen, dass es eben gilt, diesen Reichtum zu bewahren und ihn nicht aufs Spiel zu setzen, indem man «Sozialschmarotzer» duldet und mit einem EU-Beitritt liebäugelt.

Natürlich müssen wir unseren Reichtum erhalten. 2050 werden zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung über 60 sein. Schon heute haben wir nicht genügend Pflegepersonal. In den 60er-Jahren rekrutierten wir Leute aus Italien oder Spanien. Ohne sie wären später die goldenen 80er-Jahre nicht möglich gewesen. Auch Flüchtlinge hocken uns nicht bloss auf der Tasche. In den 70er-Jahren nahmen wir Libanesen auf. Und einer davon hat unsere Uhrenindustrie gerettet: Nicolas Hayek.

Sie haben als einer der Ersten die Rasa-Initiative, «Raus aus der Sackgasse», unterzeichnet. Warum?

Rasa war eine Reaktion auf die Initiative gegen die Masseneinwanderung. Sie gibt der Bevölkerung nochmals die Möglichkeit, über ihren Entscheid nachzudenken. Das Abstimmungsresultat vom 9. Februar 2014 hat einen direkten Einfluss auf den zukünftigen Wohlstand der Schweiz. Die Bilateralen Verträge sind ein wichtiger Aspekt unseres Wirtschaftswachstums. Darum dürfen wir sie nicht gefährden.

Dass die Bilateralen durch ein Ja gefährdet werden, war doch immer klar.

Die Konsequenzen waren einem Teil der Bevölkerung vor dem 9. Februar 2014 nicht bewusst. Mittlerweile ist das Stimmvolk besser informiert – und würde sich vermutlich anders entscheiden.

Quelle: Website Greis

Es entsteht der Eindruck, dass Sie alles besser wissen. Was macht Sie so sicher, dass Sie recht haben?

Das ist bloss meine Meinung. Ich bin ein Dilettant, der mit gefährlichem Halbwissen um sich wirft. Ich bin weder Berufspolitiker noch Berufsliterat.

Und doch mischen Sie sich gern in politische Diskussionen ein. Warum?

Weil das mein gutes Recht ist. Und weil in meinen Worten gleich viel Wahrheit steckt, wie in den Worten anderer. Ich bin zwar ein Riesenklugscheisser, aber das darf man in der Schweiz sein. In anderen Ländern würdest du dafür eingesperrt werden.

Warum gehen Sie eigentlich nicht selber in die Politik?

Nein, Politik zu machen, ist viel schwieriger, als Musiker zu sein und einfach etwas zu plappern. Das gilt übrigens auch für Journalisten: Es ist einfacher gegen etwas anzuschreiben, als selber an konstruktiven Lösungen zu arbeiten. Mal schauen, wie oft Roger Köppel dann wirklich im Nationalrat sitzt und die Kommissionsarbeit macht. Ich möchte das nicht machen.

Sie sind jetzt 37 Jahre alt. Wie fühlt es sich an, als Rapper zu altern?

Ich lebe seit 15 Jahren vom Rap. Und zwar immer besser. Ich habe als Chaot gelernt, meinen Tagesablauf zu strukturieren. Aber ich habe enorm Bock darauf, mal irgendwo angestellt zu sein und Sozialleistungen zu erhalten. Ich würde gern für eine Nichtregierungsorganisation in der Kommunikation arbeiten oder auch in der Pädagogik mit schwierigen Kinder – die sind meist einfacher als die vermeintlich einfachen.

Autor: Andrea Freiermuth, Anne-Sophie Keller

Fotograf: Michael Sieber