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21. November 2016

Rappadoli

Rappadoli!
Heute gibts ... richtig: Rappadoli!

«Am liebsten esse ich Chicken Nuggets – und natürlich Rappadoli», sagt Eva und blickt erwartungsfroh in die Runde. Rappa-was? Ihre Kolleginnen gucken so, wie man eben guckt, wenn man keinen Ton verstanden hat. «RAPPADOLI!» Nun ist Eva irritiert. Und ich kann mich kaum halten vor Lachen. Sie müssen wissen: Rappadoli gibts nur bei Leinenbachs. Es ist ein besonders raffiniertes Gericht, das immer dann gekocht wird, wenn es mal schnell gehen muss. Dosenöffner raus, Büchse auf – und fertig sind die Rappadoli.

Ausserhalb unserer vier Wände heissen die anders, aber bei uns sind Rappadoli eben Rappadoli. Schuld ist unsere Grosse, die das italienische Wort anfangs nicht aussprechen konnte. Ist ja auch schwer, eine Art Vokaljodel, diese «Ravioli». Herr Leinenbach und ich, wir waren (typisch Neueltern) so entzückt von Idas Kreation, dass wir den Begriff in unser Repertoire aufnahmen. Genauso wie «Kackisonne» für Caprisonne und «Gummiärsche» für Gummibärchen. (Ob die Kinder zu viel Werbung gucken? Klare Antwort: ja!)
Auch Alltagsbegriffe aus der Babysprache haben bei uns daheim überlebt. Wenn jemand die Wohnung verlässt, rufen wir gerne «wau-wau» statt «ciao-ciao». Und wenn das Blöterliwasser leer ist, dann schreiben wir dem Papi ein SMS «Bitte Blubbiwasser mitbringen!» Lustig ist auch der hier: Bei uns heissen seit Menschengedenken alle Mädchen mit Krönchen auf dem Kopf «Simpressinnen», die bekannte Sendung auf KIKA demzufolge «Hier kommt die Simpressin». Und wenn wir uns gegenseitig beim Kuscheln auch noch Nasenküsse wie die Eskimos geben, dann «nuscheln» wir.

Sie ahnen es, ich könnte meine Liste unendlich weiterführen. Wir sind übrigens nicht alleine. In unserem Bekanntenkreis gibt es in jeder Familie faszinierende Wortneuschöpfungen. Die Grossen erhalten die Kreationen der Kleinen am Leben, indem sie sie immer wieder gebrauchen. Manchmal wandern die Wörter, die in keinem Lexikon zu finden sind, sogar in die Nachbarwohnung, in das Nachbarhaus.
Besonders erfolgreich war beispielsweise «Flammbingo». Evas beste Freundin war viele Monate lang fasziniert von den rosafarbenen Vögeln mit den krummen Schnäbeln, die gern in Lagunen herumstehen. Das Kind entdeckte sie auf T-Shirts, in Zeitschriften und sogar auf Verpackungen. Flammbingos, so weit das Auge reichte. Irgendwann glaubte auch Eva (und wenig später Ida), dass Flammbingos wirklich Flammbingos heissen. Ich als Mutter sah und sehe keine vernünftigen Grund, den Irrtum aufzuklären. (Obwohl ich glaube, dass die Kinder das mittlerweile schon wissen, aber der alten Zeiten wegen an der Wortneuschöpfung festhalten.)
Jedenfalls waren wir neulich im Züri-Zoo und standen irgendwann vor dem rosigen Federvieh. Ida und Eva riefen verzückt «Flammbingos!». Mehrmals und eher laut. Eine ältere Dame mit Kind im Buggy (Grosi?) kräuselte die Stirn und guckte leicht pikiert. Dann beugte sie sich zum vielleicht Zweijährigen hinab und sagte sehr laut und sehr deutlich: «Schätzeli, die Vögeli da heisset im Fall FLAMINGO.» Ich widerstand dem starken Impuls, «wow, das sind aber viele Flammbingos» zu sagen. Obwohl das sicher lustig gewesen wäre. Zumindest für mich. Denn die Frau hat keine Ahnung.

Autor: Bettina Leinenbach

Fotograf: Bettina Leinenbach