Archiv
29. Oktober 2012

Ragazzi, tre ore!

«Ragazzi, tre ore!», schreie ich zum Fenster raus; trotz der Saukälte laufen die Kinder draussen Rollschuh. Und sie wissen genau, dass sie nicht in drei Stunden essen kommen sollen, sondern jetzt gleich. Sie haben den Witz «Ragazzi, tre ore!» − angelehnt an die «Tre minuti!»−TV-Werbung für Fixfertigpasta − selber erfunden, als ich mal einen Sugo kochte. Was bei mir einen halben Tag in Anspruch nimmt. Das Hackfleisch, einmal angebraten, bei tiefer Hitze sehr lange im Rotwein köcheln … Dann Tomaten, Selleriestückchen, Lorbeer, Rüebli … Eben: Stunden dauerts, bis die Bolognese ist, wie sie sein soll. (Ich gefriere dann jeweils einige Portionen ein; der Tipp kam von Götti Nils.) Wenn ich nun so «Tre ore!» durchs Quartier pralaagge, tönt das vielleicht schon nach Bluff, dabei ist «drei Stunden» für meinen Sugo noch untertrieben. Und ein bisschen stolz darf man auf seine Kochkünste ja sein − uns Männern hats schliesslich niemand beigebracht.

Die Kürbisse kauft man dann schon ausgehöhlt.

Künftig lernen auch Mädchen den anspruchsvollen Job des Haushaltens nicht mehr. Am 6. November soll zum Beispiel das Solothurner Kantonsparlament einem Sparantrag zustimmen: die Kurswochen «Hauswirtschaft/Alltagsgestaltung» an den Gymnasien ersatzlos zu streichen. Als ob nicht gerade künftige Studierte Know-how bräuchten, wie sich Erwerbs- und Hausarbeit vereinbaren lassen. Solches würde in dem Kurs gelehrt. Und dass ein frischer Sugo gesünder ist. Solothurn spart, werden die Kurse gestrichen, jährlich 370'000 Franken ein − lächerlich, gemessen am Kantonsbudget. Wozu das führt? Dass bald niemand mehr kochen kann. Bisher lernten die Schülerinnen und Schüler im Kurs, ihr Konsumverhalten zu reflektieren. Auch Budgetberatung gabs: Wie kann ich während der Studienzeit günstig leben und mich trotzdem gesund ernähren?

«Die Kürbisse kauft man dann schon ausgehöhlt.»
«Die Kürbisse kauft man dann schon ausgehöhlt.»

Himmel, wir wollen doch in 20 Jahren nicht lauter Menschen, die nicht mehr wissen, dass im Januar nicht Spargelsaison ist, wie man einen Rotweinfleck entfernt, eine Lampe montiert! Lauter Menschen, die ihren Food nur noch plastikverschweisst kaufen und in die Mikrowelle schmeissen! Für Halloween wird man die Kürbisse dann vermutlich schon ausgehöhlt kaufen, weil keiner mehr imstand ist, eine Kürbissuppe zuzubereiten. Dies zu vermitteln, mögen Sie einwenden, sei nicht Aufgabe der Schule. Das hat was. Es ist aber auch nicht Aufgabe der Schule, den Schülern das Händewaschen beizubringen und dass man sich nicht bei der kleinsten Meinungsverschiedenheit «voll im dä Frässi prüglet, Monn». Wenn halt die Eltern immer mehr Verantwortung an die Lehrerschaft abschieben − wo sollen es die Jugendlichen denn dann lernen? Wenn Sie, geschätzte Kantonsrätinnen und -räte, bei den Alltagskompetenzen sparen, sparen Sie am allerdümmsten Ort. Ich verrate Ihnen, was dafür spricht, Kräuter eigenhändig zu häckseln und einen Sugo stundenlang zu köcheln: die Musse, die sinnliche Erfahrung, der Geruch, die Vorfreude. Vor allem aber schmeckt dieser Sugo besser. Viel, viel besser.

Später am Abend ächze ich über der Steuererklärung. Dazu ist es Ende Oktober ein bisschen spät, zugegeben. «Du-huu», rufe ich meiner Frau zu, «könntest mir noch diesen Krankenkassenbeleg hervorkramen?» Dann, leiser: «So ein Scheiss!» Worauf Anna Luna besorgt fragt: «Die Steuererklärung ausfüllen − lernen wir das eigentlich mal in der Schule?» Leider nein.

Bänz Friedli live: 31. 10. Sursee LU, 1. 11. Köniz BE, 2. 11. Flaach ZH.

Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)

Die Hörkolumnen bei iTunes

Die Hörkolumnen mit RSS-Client

www.derhausmann.ch
Sein Facebook-Auftritt

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli