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07. April 2014

Radtour im Dreiländereck

Mit dem Elektrovelo lässt sich das Rheintal auf dem Weg von Sargans nach St. Margrethen trotz Gegenwinds gut erkunden. Dabei passieren wir das Dreiländereck Schweiz–Österreich–Liechtenstein.

Zwei Radfahrer am Rheinufer
Der Feldweg ist holpriger, dafür oft ruhiger als das Teersträsschen. Hier unterqueren wir (links Reto, rechts Üsé) die alte Rheinbrücke Sevelen–Vaduz, die letzte noch erhaltene Holzbrücke über den Alpenrhein.

Wir sind leicht konsterniert. Sieht so ein stolzes Dreiländereck aus? Wohl kaum. Immerhin gibt es in Europa nur 48 Dreiländerecke, die Schweiz hat sechs davon, und wir stehen nur wenige Meter entfernt von einem: Hier, mitten im Rhein, treffen sich die Grenzen der Schweiz, von Österreich und Liechtenstein. Auf einem angerosteten alten Schild steht: «Überschreitung mit gültigem Grenzübergangspapier gestattet. Kein Warenverkehr! Übertrittszeit: Sonnenauf- bis Sonnenuntergang.» Eine Barriere gab es hier mal, der Schlagbaum aber fehlt, Stahlrohre liegen noch herum. Trotzdem passt das Bild zu Europas Grenzen, die immer offener geworden sind. Zollkontrollen gibt es bei der Überfahrt nach Österreich oder Liechtenstein vielerorts nicht mehr.

Unsere Tour startet in Sargans SG. Kraftsparend und doch mit gut 22 Kilometer pro Stunde surren wir mit den Elektrobikes los, und bald befinden wir uns auf dem Rheindamm: rechter Hand des Teersträsschens fliesst der türkisblaue Rhein, linker Hand der Verkehr über die Autobahn. Zugegeben, Letzteres ist nicht gerade idyllisch, weshalb wir zwischendurch immer mal wieder auf den holprigen, aber dafür ruhigen, direkt zwischen Damm und Rhein liegenden Feldweg ausweichen.

Nach einer Stunde führt uns der Weg für einmal weg vom Damm durch Buchs SG nach Werdenberg. Ein Ort mit historischem Stadtrecht – und das mit nur rund 60 Einwohnern. Wohl zu Recht rühmt sich Werdenberg, die kleinste Stadt der Schweiz zu sein. Und was für eine: Die pittoreske mittelalterliche Holzbausiedlung liegt direkt am Ufer des kleinen Werdenbergsees, und auf dem Hügel dahinter thront das Schloss Werdenberg. Wer in den engen Gassen an den alten Stein- und Holzfassaden vorbeispaziert, fühlt sich tatsächlich ins 14. Jahrhundert zurückversetzt.

Grenzüberschreitende Verbindungen

Nach dieser Zeitreise ins Mittelalter rollen wir durch die Felder und Wiesen des Grabser- und Saxerriets, vorbei an Eseln, Schafen, Pferden, Kühen, Kälbern – stets mit dem Geruch von Mist, Gülle und trockenem Heu in der Nase. Rechts von uns die Liechtensteiner Bergkette der Drei Schwestern, links der Gamserrugg sowie der noch schneebedeckte Margelkopf und vor uns der südwestliche Abschluss des Alpsteinmassivs mit Altmann, Chrüzberg und Hoher Kasten. Um die Szenerie geniessen zu können, drosseln wir unser Tempo, gelangen so gemächlich wieder zurück zum Rheindamm und passieren bald schon die Zollbrücke – hinüber ins «Land Vorarlberg» der «Republik Österreich». Noch vor dem verwaisten Zollhaus biegen wir rechts ab und erreichen eine Minute später das Dreiländereck.

Zwei Radfahrer am Bahnhof in St. Margrethen.
Bei Tourende in St. Margrethen ist der Velo-Akku fast leer.

Hier führt auch der «Dreiländerweg» vorbei. Doch angesichts der etwas verwahrlosten Szenerie, die sich uns hier bietet, scheint der Ort vergessen gegangen zu sein, als die umliegenden Gemeinden aus der Schweiz, Österreich und Liechtenstein 2007 diesen Weg für Velofahrerinnen und Wanderer eröffnet haben. Das Projekt hat das Ziel, die Beziehungen über die Landesgrenzen zu vertiefen. Die sind ja an sich nicht schlecht. Immerhin sprach sich die Vorarlberger Bevölkerung vor weniger als 100 Jahren dafür aus, sich der Schweiz anzuschliessen. Und Liechtenstein gehört ja eh fast zur Eidgenossenschaft: Immerhin trainieren die Skifahrer des Ländles seit Jahrzehnten mit dem Schweizer Skiteam, der Fussballclub Vaduz spielt in der hiesigen Challenge-League, und auch den Malbuner Schinken im Migros-Regal erachten wir Schweizer eigentlich als einheimisches Produkt.

Die Untertanen von Fürst Hans-Adam sehen das etwas anders. Der Liechtensteiner Filmemacher Sebastian Frommelt erklärte unlängst in der Sendung «Kulturplatz» des Schweizer Fernsehens: «Wenn man sich in Liechtenstein unbeliebt machen will, dann muss man nur sagen, dass man doch auch gut ein Kanton der Schweiz sein könnte.»

Geradeaus, aber mit Gegenwind

Karte: WS Grafik.

Wir wechseln wieder auf die andere Seite der Grenze und folgen bis St. Margrethen SG nun konstant dem Verlauf des regulierten Rheins. Österreich und die Schweiz beschlossen zwecks Hochwasserschutzes bereits 1892 die Regulierung des Rheins – eine Massnahme, die mit Damm und Flussbegradigungen die Landschaft auch optisch prägt. So verläuft unser Weg etwa immer wieder für längere Strecken schnurgeradeaus. Lenken ist kaum nötig, weshalb man beinahe in eine Art Trance fallen könnte – wäre da nicht der steife Gegenwind (zum Glück haben wir E-Bikes) und das starke Geholper aufgrund des frisch aufgeschütteten Kieswegs.

Da und dort stört die Autobahn, aber davon lassen wir uns nicht gross irritieren. Rechter Hand passieren wir Diepoldsau SG. Die Grenzbrücke über den Alten Rhein, die das Dorf mit dem österreichischen Hohenems verbindet, wurde 2012 zur Paul-Grüninger-Brücke – so genannt zu Ehren des St. Galler Polizeikommandanten, der hier während des Zweiten Weltkriegs durch Missachtung der behördlichen Vorschriften Tausende jüdische Flüchtlinge gerettet hat und deshalb aus dem Staatsdienst entlassen wurde und in Armut verstarb.St.  Margrethen ist nun nah, wir folgen den Wegweisern zum Bahnhof und sind froh, dort angekommen zu sein, denn gemäss Lenkrad-Display würde der Akku unserer E-Bikes nur noch für knapp zehn Kilometer reichen – der Gegenwind scheint ihn arg gefordert zu haben.

Autor: Üsé Meyer

Fotograf: Nicola Pitaro