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29. Juli 2013

Handörgeli in den Tropen

Von der Karibik bis nach Australien: 700 000 Schweizerinnen und Schweizer leben im Ausland. Viele davon feiern den 1. August trotzdem — die meisten ganz traditionell mit urchiger Kost und rotweisser Deko. Eindrücke aus fünf Kontinenten.

New Yorker Central Park 

Im New Yorker Central Park 
treffen sich Tausende Schweizer Familien, genies
sen Spezialitäten und beobachten die Seehundfütterung.

NATIONALFEIERTAGE IN DER SCHWEIZ
Ausserdem zum Thema:Die in der Schweiz lebenden Ausländer feiern ihre eigenen Nationalfeiertage. Die Infografiken verraten wann. Zum Artikel

Im New Yorker Central Park treffen sich Tausende Schweizer Familien.
Im New Yorker Central Park treffen sich Tausende Schweizer Familien, geniessen Spezialitäten und beobachten die Seehundfütterung. (Bild: zVg.)

New York City, USA: Grosse Party im Big Apple

In New York ist alles ein bisschen grösser. Auch das Käsefondue am Schweizer Nationalfeiertag wird mit der ganz grossen Kelle angerührt. Starkoch Reto Mathis aus Corviglia ist für das Kulinarische verantwortlich. Zusätzlich sorgen eine Chill-out-Lounge mit DJ, drei verschiedene Bands, ein Dancefloor und eine Seehundfütterung für Unterhaltung. Ebenso wenig fehlen dürfen die Ansprache des Generalkonsuls François Barras, die Nationalhymnen der Schweiz sowie der USA und — typisch Amerika — eine grosse Verlosung. Zu gewinnen gibts zwei Flugreisen in die Schweiz, dazu zwei SBB-Wochen-GAs. Erster Klasse, versteht sich. Das aufwendig zusammengestellte Programm ist natürlich nicht gratis: 17 Firmen und Organisationen lassen einen anständigen Batzen liegen und dürfen sich dafür an Ausstellungs- und Verkaufsständen dem Publikum präsentieren. Dieses erscheint sehr zahlreich: Jedes Jahr treffen sich am Wochenende vor dem 1. August über 1000 Familien mit helvetischen Wurzeln am Central Park Zoo und sind bereit, für das Fest bis zu 65 Dollar pro Person springen zu lassen. Im Preis inbegriffen ist in diesem Jahr eine ganze Palette an typischen Schweizer Spezialitäten wie Fisch-Chnuschperli, Pilzrisotto, Älplermagronen, Bratwurst, Cervelat, Raclette und Nussgipfel. Zum Trinken gibts für die Erwachsenen einen Pinot Noir von der Staatskellerei Zürich, Schaffhauser Pinot Blanc und Villette. Junge Gäste geniessen das «Heidi & Peter Kids’ Menu».

Christina Schulthess im tasmanischen Jam Jar Lounge Café mitten in den Vorbereitungen zum Schweizer Nationalfeiertag.
Christina Schulthess befindet sich im tasmanischen Jam Jar Lounge Café mitten in den Vorbereitungen zum Schweizer Nationalfeiertag. Sie erwartet rund 30 Eidgenossen und andere Europäer. (Bild: zVg.)

Hobart, Tasmanien, Australien: Rütlischwur Down Under

Im viktorianisch geprägten Stadtteil Battery Point der tasmanischen Hauptstadt Hobart hat die Zürcherin Christina Schulthess (33) vor vier Jahren mit ihrem australischen Freund Peter (32) ein neues Zuhause gefunden. Zugezogen ist das Paar aus Sydney. Christina Schulthess ist Inhaberin des Reiseunternehmens Premier Travel Tasmania und kennt jeden Winkel der grössten australischen Insel. Sie ist inzwischen australisch-schweizerische Doppelbürgerin. Der Battery Point, genauer das Jam Jar Lounge Café, ist Treffpunkt für die Feierlichkeiten zum 1. August. «Die Party beginnt am Nachmittag und geht bis in die späte Nacht. Wir erwarten rund 30 Gäste», erzählt Christina Schulthess. Unter den geladenen Gästen befinden sich der Schweizer Winzer Hans-Peter Althaus (71) und seine Frau Ruth (72), die mit der Domaine A in der Weinregion Coal River Valley eines der besten australischen Weingüter führen. Ihm zu Ehren hat die Zürcherin ein paar Flaschen Althaus-Pinot gekauft, Schweizer Wein aus Australien sozusagen.

Christina Schulthess hängt Lampions mit Schweizerkreuz auf und sorgt im Café für Schweizer Spezialitäten wie Rösti, selbst gemachte Spätzli, Mostbröckli, Würste, Hörnlisalat, Raclette und Fondue. «Weil wir jetzt Winter haben, passt das mit dem Essen wunderbar. Wenn Schnee fällt, wirkt das noch schweizerischer.» Manchmal muss die Zürcherin ihren australischen Freunden Fragen zum 1. August beantworten. «Dann erzähle ich etwas über den Rütlischwur», sagt sie und lacht. Und sie legt am Nationalfeiertag helvetische Musik von Gölä bis Polo Hofer auf.

Andrea Kotas mit zwei Hunden.
Andrea Kotas lebt schon länger in Thailand, feiert aber dieses Jahr zum ersten Mal den 1. August dort. (Bild: zVg.)

Phuket, Thailand: Feiern im Paradies

Andrea Kotas (49) lebt seit 1995 auf der thailändischen Ferieninsel Phuket. Den 1. August feiert sie in diesem Jahr allerdings zum ersten Mal im fernöstlichen Paradies. In den letzten Jahren weilte sie zu diesem Zeitpunkt nämlich stets in der Schweiz, um mit ihrem Sohn die Ferien zu verbringen. Als Vizepräsidentin des örtlichen Schweizer Clubs freut sich Andrea Kotas besonders auf den Nationalfeiertag in Phuket. «Es ist bestimmt ein spezielles Gefühl, dort zu feiern.»

Zwischen 80 und 100 Schweizer werden am 1. August im Hotel Mövenpick in Phuket am Karon Beach erwartet. Hansruedi Frutiger, Hoteldirektor und Mitglied des Schweizer Clubs, schmückt die Tische mit kleinen Schweizer Fähnli und serviert Schweizer Spezialitäten. Auf der Menükarte stehen unter anderem Käse, Minestrone, Thurgauer Seebarsch, Zürcher Geschnetzeltes mit Rösti und dazu hausgemachte Glace. Die Schweizer singen zusammen die Nationalhymne und hören die Rede des Bundespräsidenten ab einem Tonbändli, das die Botschaft zur Verfügung stellt.

Auf Musikalisches aus der Heimat müssen die Schweizer in Phuket in diesem Jahr verzichten. In der Vergangenheit war das anders. «An anderen Anlässen gab es auch schon mal Alphornbläser und Schwyzerörgelispieler», sagt Andrea Kotas. «Nur eine Trachtengruppe fehlt uns noch», sagt sie lachend.

Honorarkonsul Urs Gamma beim Fondue zubereiten.
Unser Mann in Namibia: Honorarkonsul Urs Gamma sorgt für seine Mitbürger. (Bild: zVg.)

Windhoek Namibia: Honorarkonsul rüstet zum «Menu Suisse»

Die Vorbereitungen bei Urs P. Gamma (56) laufen auf Hochtouren. Der Bieler, der 1987 in die namibische Hauptstadt Windhoek ausgewandert ist, führt dort das Gourmetrestaurant Gathemann mit rund 20 Angestellten und kocht für den 1. August ein «Menu Suisse»: Fribourger Bergsuppe, Raclette, Zürcher Geschnetzeltes mit Rösti und zum Dessert je ein Stück Aargauer Rüeblitorte und Nusstorte. Zum Kaffee wird das Restaurant Basler Läckerli und Kirschstängeli reichen, was die rund 260 Schweizer in Namibia zu schätzen wissen.

Gamma, seit zwei Jahren Schweizer Honorarkonsul im südafrikanischen Land, hat erst 2012 damit angefangen, den 1. August so richtig zu zelebrieren. Letztes Jahr initiierte er sogar eine Schweizer Woche rund um den Schweizer Nationalfeiertag. Eine Schweizerin liess mit klassischen Instrumenten volkstümliche Musik spielen, ein Bauer aus der Umgebung brachte eine Kuhglocke vorbei. «Alle haben gefestet. Der Alte musste kochen», sagt Gamma, dessen Karte ansonsten aus lokalen Spezialitäten wie Spargeln, Fisch, Wild und Austern besteht. Der Koch mit ansteckender Lebensfreude feiert dieses Jahr das 25-Jahr-Jubiläum seines Restaurants Gathemann. «Langsam suche ich einen Nachfolger. Wer hat genug vom Schweizer Wetter?», fragt er lachend.

Mitglieder des Schweizer Vereins Buseck beim Alphorn-Blasen.
Der Schweizer Verein im mittelhessischen Buseck feiert den 1. August ganz traditionell mit Alphörnern. (Bild: zVg.)

Buseck, Deutschland: Nicht ohne Schweizer Schoggi

Die Vorbereitungen im Städtchen Buseck laufen auf Hochtouren. Am 1. August feiert der Schweizer Verein Mittelhessen in einem mit vielen Fahnen und Blumen geschmückten Waldhüsli. Der Einladung des Vereinspräsidenten, Hans-Peter Schwizer (70), und seiner Frau Elke (67) folgen 30 bis 40 Gäste und einige Mitarbeiter des Konsulats in Frankfurt, das rund 70 Kilometer entfernt liegt. Rechnen dürfen sie mit gegrillten Cervelats, feiner Schweizer Züpfe sowie einigen Flaschen Féchy und Salvagnin. Das Ehepaar Schwizer bringt die Waren entweder aus der Schweiz mit oder bestellt sie beim Migros-Online-Versand in Deutschland. Dazu gibts von den Mitgliedern mitgebrachte Salate und zum Dessert selbst gemachten Kuchen. Schweizer Schoggi darf natürlich auch nicht fehlen: Diese bringt das Vereinsmitglied Johannes Läderach mit, dessen Familie eine eigene Schokoladenfabrik betreibt. Der Anlass wird musikalisch mit Alphornklängen und einem Schwyzerörgeli begleitet. Einer der Höhepunkte an jedem 1. August ist die traditionelle Rede des Bundespräsidenten. Der Schweizer Verein Mittelhessen erhält sie vom Frankfurter Konsulat und spielt sie allen Gästen zum Abschluss des Nationalfeiertags vor.

Schweizer auf den Niederländischen Antillen - vorwiegend in rot-weisser Kleidung.
Statt karibischer Klänge hören die Schweizer auf den Niederländischen Antillen Radio Swiss Pop aus dem Internet. (Bild: zVg.)

Bonaire, Niederländische Antillen: An jedem Dienstag ist ein bisschen 1. August

Sie gehört zu den Niederlanden, ist aber 7800 Kilometer von der Hauptstadt Amsterdam entfernt. Die Insel Bonaire — etwa so gross wie der Kanton Luzern — liegt in der Karibik und zählt 18'000 Einwohner. 15 davon sind Schweizer zwischen 2 und 66 Jahren. Auf Bonaire ist an jedem Dienstag ein bisschen 1. August. Noldi (66), ehemaliger Besitzer des Restaurants Swiss Chalet, kocht wöchentlich Schweizer Spezialitäten wie Cordon bleu und Rösti. Am Nationalfeiertag treffen sich die Schweizer mit ihren Familien gegen 18 Uhr im Restaurant des Hotels Dive Hut, das mit Schweizer Fähnli und roten Ballons dekoriert ist. Jeder bringt etwas mit: einen Salat, eine Vorspeise oder ein Dessert. Auf dem Grill landen Schweizer Bratwürste und Cervelats, die Freunde während des Jahrs aus der Schweiz mitbringen, wenn sie die holländische Karibikinsel besuchen. Zum Trinken gibts als Hommage an die Schweiz Rivella Blau. Ein Alphorn fehlt dagegen auf Bonaire. Dafür wird immer das Internetradio eingeschaltet und Swiss Pop oder Energy gespielt. Dazu schauen die Schweizer ins glasklare Meer und bestaunen Korallen, viele Fische und Schildkröten.

Gemütliches Beisammensitzen am 1. August in Brasilien
Das Einzige, was Roland Märkli (Mitte) am 1. August in Brasilien vermisst, ist die traditionelle Bratwurst. (Bild: zVg.)

Pessoa, Brasilien: Winter, 22 Grad und mehr Feier- als Arbeitstage

«Ich heisse Roland Märkli, bin gerade 64 geworden und 2006 nach Brasilien ausgewandert. Ich wohne im Nordosten, genauer gesagt im Bundesstaat Paraíba, in João Pessoa. Meine Rentenzeit verbringe ich mit dem Umbau meines Hauses. Zusammen mit meiner brasilianischen Ehefrau habe ich bereits fünf Wohnungen renoviert und vermietet. Die Schweizer hier in der Region lassen sich an vier Händen abzählen. Wir haben unter dem Jahr leider nur gelegentlich Kontakt. Trotzdem gibt es an jedem 1. August bei jemandem zu Hause eine einfache Feier, zusammen mit den ganzen Familien.

Da es in Brasilien ohnehin fast mehr Feier- als Arbeitstage gibt und auch sonst bei jeder Gelegenheit ein Feuerwerk gezündet wird, kommt es auf unseren Nationalfeiertag auch nicht mehr an. Zwar ist in Brasilien an diesem Datum eigentlich Winter, aber trotzdem herrschen angenehme 22 Grad. So steht dem Fleisch auf dem Grill, dem Bier auf dem Tisch und der guten Laune nichts mehr im Weg. Das Einzige, was ich aus der Schweiz vermisse, ist die gute Bratwurst. Die gibt es hier leider nicht.»

1. August in Südamerika: Der Surinam-Schweizer Sigi Cederboom (Mitte) macht Musik. Dazu gibts internationale Küche. (Bild: zVg.)

Saramacca, Surinam: Handörgeli in den Tropen

Alles begann mit einem Windrad, das ein Nachbar von Brigitte Küchler (52) und René Bosshard (56) in Saramacca zwecks Stromversorgung seines Schweinestalls aufstellen wollte. Küchler organisierte Hilfe für den Schweinezüchter und versprach ihm zur Aufrichte ein Fest. Ihre Bedingung: Er müsse eines seiner Säuli opfern. Und so kam es. Just am 1. August 2009 richteten die Grafiker Küchler und Bosshard die kleine Aufrichtefeier in ihrem Zuhause in Surinam aus. Seither hat die surinamische 1.-August-Feier Tradition. Alle möglichen Nationen, Hautfarben und Kulturen sind jeweils vertreten. Darunter einige der zwölf Schweizer aus der Region. Entsprechend bunt gemischt ist das Buffet, zu dem die Gäste fleissig Speisen beisteuern. Natürlich ist auch stets ein typisches Schweizer Gericht dabei, und natürlich ist das Brigitte Küchlers Part. Was fern der Schweiz nicht immer ganz einfach ist. So hat die Innerschweizerin schon Käsefondue mit dem surinamischen Rum Borgoe angefertigt, weil sie keinen Kirsch auftreiben konnte. Den Käse dafür fand sie in der Hauptstadt Paramaribo. Den Schabziger für ein anderes Gericht entdeckte sie in Form von Pulver, das frei übersetzt «grüner Schweizer Käse» heisst. Älplermagronen bereitet Küchler mit Kokosnussmilch statt Rahm zu. «Schmeckt fantastisch», findet sie. Dekor mit Schweizer Kreuz bringen die Schweizer jeweils von ihren Reisen in die Heimat mit. Und so finden sich Fähnli, Servietten, Tischtücher und Lampions in Rot-Weiss unter grünen Palmen wieder — zu Alphornmusik ab CD. Und wenn nicht gerade Küchlers Freund, Surinam-Schweizer Sigi Cederboom mit seinem Miniorchester aufspielt, gibts sogar Handörgelimusik in den Tropen.

Gruppenfoto Amicale des Suisses du Périgord.
In der französischen Region Périgord wird jedes Jahr an einem anderen Ort gefeiert. (Bild: zVg.)

Périgord, Frankreich: Ruhe für die Rede

Ausgewanderte Schweizer bleiben im Herzen immer Schweizer. Das ist zumindest bei den Amicale des Suisses du Périgord so. Der Schweizerverein im südwestlichen Zipfel Frankreichs organisiert jeden 1. August ein Fest, um mit den Eidgenossen in der Heimat verbunden zu bleiben. Da sich die Mitglieder über sieben Départements zwischen Saint-Emilion und Brive verstreuen, findet das Fest jedes Jahr an einem anderen Ort statt. «Letztes Jahr feierten wir in Gourdon, heuer in Bergerac», sagt Präsidentin Michèle Ettlin-Mollatte (60).

Die Organisation beginnt Wochen vorher. Jedes Vereinsmitglied erhält eine Rolle zugeteilt und organisiert eine Spezialität aus der Heimat. «Leider klappt das nie», sagt sie schmunzelnd. «Deshalb fährt Ende Juli immer jemand in die Schweiz, um die letzten Einkäufe zu machen.»

Die ersten Vereinsmitglieder treffen jeweils am Vormittag ein und besuchen eine lokale Sehenswürdigkeit: In diesem Jahr die Werkstatt eines Essigproduzenten. Anschliessend gibts einen kleinen Apéro mit Schweizer Weisswein, Bündnerfleisch und Käse. Sobald alle angemeldeten Personen eingetroffen sind, herrscht Stille, um der Rede des Bundespräsidenten und der Nationalhymne zu lauschen — für Michèle Ettlin-Mollatte ein bewegender Augenblick. «Es wird nicht geschossen, nicht gejodelt, und Feuerwerke gibts auch nicht», sagt sie. Die Vereinsmitglieder nutzen die Gelegenheit, um zusammen zu essen, Gedanken auszutauschen und manchmal zu singen.

Autor: Reto Wild, Yvette Hettinger, Reto Vogt