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25. Januar 2016

«Der Rassismus wuchert in den USA noch immer wie wild»

Quentin Tarantino erhitzt seit über 20 Jahren mit kontroversen Filmen die Gemüter. Sein neustes Werk «The Hateful Eight» ist ein Western aus der Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs, dessen Rassenkonflikte für den 52-jährigen US-Regisseur bis heute aktuell sind. Unten finden Sie die besten Ausschnitte oder Trailer zu seinen acht Werken.

Regisseur Quentin Tarantino
Quentin Tarantino ist nicht nur Regisseur, sondern auch Schauspieler, Autor und Politaktivist.

Quentin Tarantino, in «The Hateful Eight» behauptet der weisse Sheriff: «Nur wenn Schwarze Angst haben, sind weisse Leute sicher.»

Worauf der schwarze Oberst antwortet: «Schwarze Leute sind nur dann sicher, wenn weisse Leute keine Waffen tragen.» Wenn man an die Ereignisse in Charleston denkt, wo im letzten Sommer ein weisser Rassist in einer Kirche neun Schwarze erschossen hat, scheinen mir diese Worte aktueller denn je.

Sie sehen Ihren Film also als Reaktion auf aktuelle Fälle von Rassenkonflikten in den USA?

Nicht als Reaktion. Ich habe dieses Drehbuch schon lange vor den Ereignissen in Charleston oder der Erschiessung von Michael Brown in Ferguson geschrieben. Damals war mir natürlich nicht bewusst, wie sehr die Nachrichten die Themen unseres Films widerspiegeln würden.

Was hat Ihrer Meinung nach der amerikanische Bürgerkrieg mit heutigen Fällen von Rassismus oder Polizeibrutalität zu tun?

Der Täter von Charleston hat auf seiner Social-Media-Seite ständig mit der Konföderiertenflagge posiert. Das führte dazu, dass endlich die Bedeutung dieser Flagge hinterfragt wurde. Ich habe die konföderierten Staaten schon immer gehasst. Ich sehe sie als die amerikanischen Nazis oder Kosaken.

Das sind starke Worte. Solche plakativen Aussagen bringen Sie auch immer wieder in Schwierigkeiten.

Das ist mir egal. Der institutionalisierte Rassismus wuchert noch immer wie wild in unserem Land.

An einer Demonstration in New York letzten Herbst haben Sie vor versammelter Menge Polizisten als Mörder bezeichnet. Stehen Sie heute noch zu dieser Aussage?

Meine Worte wurden völlig falsch interpretiert. Ich habe nicht gesagt, alle Polizisten seien Mörder. Aber in Chicago, wo ein Polizist einen 17-jährigen schwarzen Jugendlichen mit 16 Kugeln durchsiebt hatte, konnte die Polizei ihre Tat nicht leugnen.

Sie glauben aber nicht wirklich, dass alle Polizisten Mörder sind?

Natürlich nicht. Aber das Argument mit den «paar faulen Äpfeln» halte ich ebenfalls nicht für richtig. Ja, der Polizist, der Laquan McDonald erschossen hat, ist ein fauler Apfel. Aber das sind auch die anderen acht oder neun Polizisten, die zugeschaut und nichts getan haben. Und wie stehts mit dem Polizeichef? Oder dem Bürgermeister von Chicago, Rahm Emanuel? Alles faule Äpfel. Es geht um institutionalisierten Rassismus, der die Polizei als Ganzes beschützt und nicht die Bürger.

Als Reaktion auf Ihre Aussage haben einige Polizeigewerkschaften zum Boykott Ihrer Filme aufgerufen.

Das bestätigt meinen Standpunkt nur. Es ist eine sehr totalitäre Haltung der Gewerkschaften. Sie wollen es mir zeigen und mich zum Schweigen bringen. Als Warnung an andere Stars, um zu zeigen, was die Polizei mit aufmüpfigen Leuten anstellt.

In den USA herrscht Redefreiheit. Da haben Polizisten das Recht, zum Boykott Ihrer Filme aufzurufen.

Natürlich. Ich weiss aber auch, dass ich unter Polizisten viele Fans habe. Ich wäre traurig, wenn diese die Nuancen in meiner Aussage nicht mitkriegen würden.

Ein Polizeifunktionär drohte Ihnen gar mit einer Überraschung, die die Mitglieder seiner Gewerkschaft für Sie bereithielten. Haben Sie sich bedroht gefühlt?

Ich bin nicht ständig von Streifenwagen angehalten worden, wenn Sie das meinen. Jim Pasco, der diese Drohung ausgesprochen hatte, zog sie später zurück. Ich glaube nicht, dass die Polizei diese finstere Organisation ist, die es jetzt auf mich abgesehen hat. Aber es ist die Aufgabe der Polizei, die Bürger vor Unrecht zu schützen. Und ich bin einer dieser Bürger.

Bereuen Sie, an dieser Demo den Mund aufgemacht zu haben?

Nein, überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Ich würde mich wesentlich schlechter fühlen, wenn ich den Mund gehalten hätte, während unschuldige Leute erschossen worden sind. Die verantwortlichen Polizisten müssen die Konsequenzen für ihr Verhalten tragen. Und wie ich von meinen Fans in Europa weiss, habe ich dort die Mehrheit der Leute auf meiner Seite.

Wie bewerten Sie diese Reaktionen europäischer Fans?

Auf meinen Reisen in Europa habe ich oft festgestellt, dass die Leute weniger konservativ sind als in den USA. Die Tarantino-Fans, jedenfalls.

Seit Beginn Ihrer Karriere haben Sie mit Ihren Filmen polarisiert, sei es durch den exzessiven Gebrauch von Gewalt oder abschätziger Schimpfwörter wie «Nigger». Warum?

Mir geht es darum, die Wahrheit darzustellen. Die Wahrheit dieser Figuren und der Zeit, in der sie leben. «The Hateful Eight» spielt kurz nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs. Und niemand ist der Ansicht, dass das Wort «Nigger» damals nicht gebraucht wurde. Die Kritiker wollen einfach, dass ich die Sprache in meinen Filmen säubere. Aber ich lasse mich nicht zensieren.

Filmgewalt und Gewalt im wahren Leben haben nichts miteinander zu tun.

Ihre Kritiker weisen immer wieder auf die Gefahr hin, dass Gewalt auf der Leinwand Einfluss auf das wahre Leben nehmen könnte. Ein Vorwurf, den sie stets kategorisch verneint haben.

Und daran hat sich auch nichts geändert. Ich kriege diese Frage seit über 20 Jahren gestellt und bin es eigentlich ziemlich leid, darüber zu sprechen. Denn meine Antwort hat sich nicht geändert. Meiner Meinung nach haben Filmgewalt und Gewalt im wahren Leben nichts miteinander zu tun.

Haben Sie Schwierigkeiten, Kritik zu akzeptieren?

Wenn sie konstruktiv ist, überhaupt nicht. Oft handelt es sich jedoch um Sozialkritik, und die finde ich völlig unwichtig. Ich mache es zu meiner Aufgabe, sie zu ignorieren. Ich betrachte meine Filme als zeitlos. Die Enkel dieser Sozialkritiker werden in 20 oder 50 Jahren ihren Grossvätern unter dem Weihnachtsbaum erzählen, wie sehr ihre Klasse an der Uni die Filme von Quentin Tarantino liebt.

Für jemanden, der seine Kritiker ignoriert, ist diese Rachefantasie aber ganz schön ausgereift.

Gut beobachtet (lacht). Im ersten Moment verletzt mich Kritik halt schon ein bisschen. Aber sobald der Moment vorbei ist, giessen die Kritiker einfach nur Öl in mein Feuer.

Eine erste Version des unfertigen Drehbuchs von «The Hateful Eight» ist nach aussen gesickert und wurde ohne Erlaubnis ins Internet gestellt. Da muss Ihr Feuer aber lichterloh gebrannt haben.

Ich war fuchsteufelswild. Es war, als hätten die Leute meinen Kuchenteig und nicht den Kuchen zu essen bekommen. Ich war enorm wütend und wollte den ganzen Film nicht mehr machen.

Und was hat Sie umgestimmt?

Ich wurde von Freunden dazu überredet, eine Lesung des Drehbuchs zu organisieren. Diese Gruppe befreundeter Schauspieler hat mein Material für mich wieder zum Leben erweckt. Die Lesung hat mir den Glauben an dieses Drehbuch zurückgegeben.

Sie scheinen im Alter sanfter zu werden.

Weniger wütend, vielleicht. Und das macht mich glücklich. Ich war ein sehr wütender junger Mann. Aber in meinem Alter wäre diese Art Wut Fehl am Platz. Ich habe ein grossartiges Leben. Es ist selten, dass ein Künstler meinen Status erreicht. Ich habe keinen Grund, wütend zu sein. Manchmal bin ich irritiert, klar. Aber das legt sich heute meistens schnell. Das Leben ist zu kurz.

Ich war ein sehr wütender junger Mann.

Sie sind für Ihre Abneigung gegenüber moderner Technologie bekannt. Social Media oder das Streaming von Filmen seien Ihnen ein Graus, hört man. Ist das vielleicht auch eine Alterserscheinung?

Möglicherweise ist das ein Generationsproblem. Ich bin old-school. Dass sich jemand meine Filme auf dem Smartphone ansieht, deprimiert mich. Ich lese auch lieber Zeitung und Magazine auf Papier gedruckt als auf einem E-Reader. Ich sehe die Nachrichten am Fernsehen und schaue mir Filme am liebsten im Kino oder auf Laserdisc an.

Schreiben Sie Ihre Drehbücher auf dem Computer oder von Hand?

Schreibt ein Dichter seine Gedichte etwa auf dem Computer? Poesie braucht keine Technologie.

Sie haben schon vor einiger Zeit angedeutet, dass Sie kein alter Regisseur sein wollen und nach Ihrem zehnten Film in Pension gehen würden. «The Hateful Eight» ist Ihr achter Film – das Ende rückt ganz schön nahe.

Nun, das ist nicht in Stein gemeisselt.

Ach? Macht Ihnen die Endlichkeit Angst?

Ich will einfach kein Regisseur sein, der nur Filme macht, weil er nichts anderes kann. Der die Aufmerksamkeit braucht und sich nur auf dem Set wichtig fühlt und gleichzeitig seine Ausrichtung, sein Geschick und sein Talent verliert.

Kennen Sie Regisseure, denen das passiert ist?

Nicht unbedingt. Aber es ist schon seltsam: Ich habe kürzlich darüber gesprochen, während ich neben dem britischen Regisseur Ridley Scott sass. Der ist 78 Jahre alt und macht noch immer grossartige Arbeit. Ich hingegen mag die Idee, dass nicht meine Langlebigkeit, sondern die Filmografie wichtig ist. Mir gefällt die Idee aufzuhören, während das Publikum noch mehr von mir sehen möchte.

Was sind Ihre Pläne für Film Nummer neun?

Ich habe vier Geschichten in meinem sprichwörtlichen Brutkasten. Ich stelle mir ständig die Frage, was ich noch zu sagen habe, welche Themen ich noch behandeln möchte und welchen filmischen Nachlass ich künftigen Generationen vermachen möchte. Ich finde das sehr kreativ.

Und welche Pläne haben Sie für die Zeit nach Ihrer Regiekarriere?

Ich bin auch ein Schriftsteller. Ich kann Theaterstücke schreiben und inszenieren, Romane oder Kinobücher schreiben. Seit «Kill Bill» habe ich eine Affinität fürs Literarische.

Denken Sie auch daran, Familie und Kinder zu haben?

Vielleicht. Ich blieb bisher alleinstehend, weil ich für mich diese Kinowelt kreiert habe, die meine volle Aufmerksamkeit braucht. Vielleicht werde ich nach den zehn Filmen Zeit für Kinder haben. Laut meinen Berechnungen wäre ich dann aber 60 Jahre alt.

Sie meinen zu alt, um Vater zu werden?

Jedenfalls nicht zu alt, um Vater eines Filmgesamtwerks zu sein. Das sind 30 Jahre Karriere. Wenn ich die Qualität meiner «Familie» bis zum Schluss aufrechterhalten kann, bin ich zufrieden.


«The Hateful Eight» startet am 28. Januar in den Schweizer Kinos.


TARANTINOS ACHT FILME

Markenzeichen: Humor und Gewalt

«Reservoir Dogs» (1992)(Trailer)

Eine Verbrecherbande rekonstruiert ihren missglückten Raubüberfall.

«Pulp Fiction» (1994)(berühmte Szene)

Episodischer Gangsterfilm, der bis heute Kultcharakter hat.

«Jackie Brown» (1997) (Trailer)

Pam Grier als clevere Gangsterbraut in einer Hommage an die 70er-Jahre.

«Kill Bill» (2003/2004)(berühmte Szene)

Blutige Rachefantasie mit vielen asiatischen Elementen.

«Death Proof» (2007)(Trailer)

Trashiges B-Movie um einen Killer, der mit seinem Auto tötet.

«Inglourious Basterds» (2009)(berühmte Szene)

Kriegsfilm, in dem der Zweite Weltkrieg anders verläuft als gewohnt.

«Django Unchained» (2012)(berühmte Szene)

Ein befreiter Sklave nimmt Rache an seinen (und anderen) Peinigern.

«The Hateful Eight» (2015)(Trailer)

Westerndrama in einer einsamen, von einem Sturm umtosten Hütte.

Autor: Gabriela Tscharner Patao