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27. Februar 2017

«Quels khoga unterländers»

P + P im Flimser Schnee
«P + P» im Flimser Schnee.

Sehr kurz sind sie, seine Ski, und man muss ihm auf den Sessellift helfen. Der Kleine ist mit seinem Vater unterwegs, auf dem Vierersessel zwischen ihnen und mir ist ein Platz leer geblieben. «Was bedeutet das?», will der Bub plötzlich wissen und zeigt nach unten: An einem unbefahrenen Hang hat jemand ein grosses Herz in den Schnee gestapft, vom Lift aus gut sichtbar, darin die Initialen: P + P. «Was bedeutet das? Sag!» – «Dass irgendein Junge ein Mädchen gern hat», antwortet der Vater auf Rätoromanisch, «vielleicht ein Paul eine Paula?»

Bänz Friedli (51)
Bänz Friedli (51) war in den Ferien.

Schweigen. Nach einigen Metern sagt der Kleine, an der Seite seines Vaters sitzend: «Ich kann gar kein Romanisch», und er sagt es, soweit ich das beurteilen kann, in astreinem Sursilvan. «Aber klar doch», entgegnet sein Vater, «klar sprichst du Romanisch: mit der Mama und in der Schule Sursilvan, mit mir und mit der Nona Engadiner Romanisch.» Der Bub spricht also sogar zwei verschiedene Arten Romanisch, den Dialekt der Surselva und Vallader, das Idiom des Unterengadins. Dennoch meint er, kein Romanisch zu verstehen …

Wenn ich durch Laax und Falera gehe, reden die Jugendlichen untereinander Romanisch, an der Schule wird Romanisch gesprochen, und wenn periodisch mal wieder aus einer Zürcher Redaktionsstube der Tod des Rätoromanischen ferndiagnostiziert wird, haben die entsprechenden Schreiber wohl noch nie die Band Liricas Analas gehört, die famosen Bündner, die ihre Texte in Sursilvan rappen.

Man fühlt sich als Feriengast einfach wohl hier, wohl und willkommen. Mag schon sein, dass an der Volg-Kasse eine Verkäuferin zur anderen mal sagt: «L’autr’ jamna veeinsa puspeei ruaus da quels stria jasters … da quels khoga unterländers!» Nächste Woche seien sie diese Unterländer – gemeint sind wir Ski- und Snowboardtouristen – dann wieder los. Aber sie sagt es auf Sursilvan, und es klingt irgendwie noch «khoga» charmant …

Nein, solange meine lieben Bündner noch eine solche Sprachvielfalt pflegen, brauchen wir uns nicht, wie im letzten Magazin thematisiert, zu sorgen, die Globalisierung mache alle lokalen Eigenheiten zunichte.

Während der restlichen Liftfahrt plaudert der Kleine munter weiter mit seinem Vater, will dies und das wissen und berät, ob nun die Piste nach Larnags oder die nach Plaun anzupeilen sei. Ich versuche – gwundrig, wie ich nun mal bin –, dem Gespräch zu folgen, schnappe Begriffe auf, reime mir dies und das zusammen. Denn der Kleine redet die ganze Zeit Romanisch, und vermutlich merkt er es selber nicht einmal. 

Bänz Friedli live: 27.2. Basel, 3.3. Olten SO (ausverkauft), 4.3. Wetzikon ZH

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Website: www.baenzfriedli.ch

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli