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21. September 2015

Queen Mary 2: Königin des Atlantiks

Ein Mal im Leben übers Meer nach New York zu fahren, davon träumen viele. Auf dem Ozeanriesen «Queen Mary 2» wird die Überquerung zur luxuriösen wie nostalgischen Reise.

morgendliche Ankunft in Brooklyn
Nebelschwaden über New York: bei der morgendlichen Ankunft in Brooklyn.

Beim Einschiffen im englischen Southampton geht es zu wie in jedem grossen Kreuzfahrtterminal: Im Gewimmel von Menschen wünscht sich jeder, er wäre schon an Bord. 2620 Passagiere finden an Bord Platz, und so dauert das Ausstellen der Bordausweise seine Zeit. Dann, beim Gang über die Gangway, wird das Herzklopfen stärker. Wir sind auf den letzten Metern zur Erfüllung eines Traums. Auch die Schweizerin Beatrix Renggli (52) ist dabei, sie will sich und ihrem 80-jährigen Vater an ihrer Seite diesen Reisetraum erfüllen. Sie freut sich darauf, abends schicke Kleider anzuziehen und eine Zeitreise in die Vergangenheit zu unternehmen. So, wie man früher den Atlantik überquert hat.

Champagner und Hühnerhaut
Auf Deck 3 betreten wir die Grand Lobby im Bauch der «Queen Mary 2», die auch «QM2» genannt wird. Spätestens jetzt muss man innehalten und staunen: Das Atrium ist beeindruckende sechs Decks hoch. Den Aufgang in höhere Gefilde, wo sich auch die Lä- den befinden, ermöglichen zwei geschwungene Freitreppen. Der perfekte Ort, um majestätisch wirkende Fotos zu schiessen.

Während die Koffer auf dem Weg in die Kabine sind, bleibt Zeit, um einen Teil des Schiffs zu erkunden. Natürlich geht es auch darum, für die Ausfahrt aus dem Hafen den besten Platz ausfindig zu machen. Mit einem Glas Champagner in den Händen erleben wir auf Deck 7, wie das Schiff ablegt, begleitet von fröhlichem Gelächter, dem Klang des Schiffshorns und begeistert winkenden Menschen an Land, die das Auslaufen ihrer Queen nicht verpassen wollen. Wer da nicht Hühnerhaut bekommt ...

Als die «QM2» am 8. Januar 2004 in Southampton von Königin Elisabeth II. getauft wurde, war das Schiff mit 345 Meter Länge und 41 Meter Breite das grösste Kreuzfahrtschiff der Welt. Seit 2010 ist die «Allure
of the Seas» der Reederei Royal Caribbean zwar das grösste; es bietet Platz für über 6000 Passagiere. Die wahre Königin der Meere aber bleibt die «Queen Mary 2». Sie ersetzte auf der Nordatlantikroute die «Queen Elizabeth 2», die ihrerseits einst diesen Dienst der beiden ersten auf die Namen «Queen Elizabeth» und «Queen Mary» getauften Schiffe übernahm. Letzteres liegt seit 1971 als Hotel im kalifornischen Long Beach fest vor Anker.

Als die «Queen Mary 2» in See sticht, wird der Hafen kleiner. Die Küstenlinie verliert im englischen Schmuddelwetter an Schärfe, und so wird es Zeit, in der Kabine den Koffer auszupacken und sich fürs Abendessen fein zu machen. Je nach Buchungsklasse wird dem Gast ein anderes Hauptrestaurant zugeteilt. Wobei es freigestellt ist, dort oder in einem der anderen Restaurants zu speisen. Insgesamt kann man unter 10 Lokalen wählen, wovon 2 den Gästen mit Suiten vorbehalten sind.

Nach einem ausgezeichneten Dinner im Britannia Restaurant – es ist im Art-déco-Stil eingerichtet und drei Decks hoch – hat man die Qual der Wahl: ein Glas in der Weinbar Sir Samuel’s geniessen oder einen Cocktail im Commodore Club? Oder doch lieber einen Abendspaziergang unternehmen, und zwar auf dem Promenadendeck, das rund ums Schiff führt? Am besten alles – aber auf mehrere Tage verteilt. Schliesslich hat man jetzt Zeit. Viel Zeit. Sieben Tage, um genau zu sein.

Cunards Premiere im Jahr 1840
Schon am nächsten Morgen ist die «QM2» nur noch von Wasser umgeben. Der nächste feste Boden ist der Meeresgrund unter dem Schiff. Diese Tatsache und die schier unendliche Weite mögen Anlass geben, zwischen Frühstück und dem Drink bei Sonnenuntergang ein wenig zu philosophieren, über die Endlichkeit des Lebens etwa, und sich in der Zeit zurücktreiben zu lassen. Schliesslich ist man auf der traditionsreichsten Strecke zwischen der alten und der neuen Welt unterwegs.

Es war das Jahr 1840, als der kanadische Reeder Samuel Cunard mit dem Raddampfer «Britannia» den Atlantik überquerte und fortan als Erster einen regelmässigen Liniendienst mit Dampfschiffen anbot. 175 Jahre später verkehrt neben der «Queen Mary 2» auch die «Queen Victoria» auf dieser Route, während das dritte Schiff der Reederei Cunard, die dritte «Queen Elizabeth», auf andere Gewässer spezialisiert ist. Alle drei wecken mit ihrer schlanken Linie, dem markanten schwarz-roten Schornstein und dem spitzen Bug Erinnerungen an die alten Ozeanriesen. Ihnen am nächsten kommt klar die «QM2» mit ihrem gerundeten, abgestuften Heck.

Zufriedene Passagierin: die Schweizerin Beatrix Renggli
Zufriedene Passagierin: die Schweizerin Beatrix Renggli im Atrium der «QM2».

Des Lobes voll ist denn auch eingangs erwähnte Beatrix Renggli, eine gebürtige Obwaldnerin, die ihre Kinderjahre in Kamerun und Nigeria verbracht hat. Mit 14 Jahren kam sie in die Schweiz. Später lebte sie ihre Lust auf ferne Länder als Flugbegleiterin aus. Heute arbeitet sie als Direktionssekretärin bei der Swiss. Mit leuchtenden Augen erzählt sie, wie begeistert sie von den grossen Kabinen auf Deck 11 ist, wie sauber alles sei und wie nett die Schiffscrew. Mit dem Service und auch mit der Qualität der Speisen ist sie ebenfalls sehr zufrieden. Und den legendären Afternoon Tea lässt sie sich natürlich nicht entgehen.

Gurkensandwich und Tee
Jeden Nachmittag wird dieser im Queens Room serviert. Und dort treffen wir den Kapitän Chris Wells (59), einen Briten, der herzhaft bei Gurkensandwiches und Scones zugreift. 41 Jahre schon fährt er zur See. Wir wollen wissen, wie oft er als Kapitän bereits die Erde umrundet habe. «Noch gar nicht», erzählt er schmunzelnd, «mir fehlt ein kleines Stück, die Antarktis.»
Und was ist für ihn das Faszinierende an der «QM2»?
«Die Tradition aufrechtzuerhalten, die Welt zu entdecken. Das Schiff macht hier die Reise aus, das Ziel ist eigentlich unwichtig», erzählt der Vater dreier Kinder und witzelt: «Es ist wie eine Hochzeit: Der Weg dorthin ist wunderbar, der Tag des Ankommens weniger.»

Unvermeidlich, dass auch diese Reise ein Ende findet. Eines, das es zu geniessen gilt, selbst wenn man dafür früh aufstehen muss. Am sechsten Morgen gegen 5 Uhr passiert die «QM2» die Verrazano Narrows Bridge in der Bucht von New York – bei einer Sichtweite von nur 14 Metern. New York liegt an diesem Tag in dichtem Nebel. Erst als das Schiff den Hafen in Brooklyn ansteuert, schält sich das gegenüberliegende Manhattan langsam aus dem Nebel. Wolkenkratzer recken in den hellblauen Himmel. Was für ein Anblick – welch schönes Ende einer Reise!

Es war eine unbeschwerte Fahrt, ohne das Gefühl, etwas zu verpassen. Das «nichts müssen, aber alles können» und rundum versorgt zu sein, ist einfach herrlich. Vielleicht macht auch dies den Zauber dieser glamourösen Queen aus?

Autor: Inge Jucker

Fotograf: Inge Jucker