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22. Oktober 2012

Quälende Auswahl

Am Freitag, ich wartete eigentlich aufs Tram, fiel mein Blick auf ein Schaufenster, und ich war verloren: Fussball-Corner Oechslin. Magisch zieht der Laden mich an. Ich taumle — … bei Rot! Sagen Sie es nicht meinen Kindern! — über die Strasse, bleibe vor dem Geschäft wie verzaubert stehen. Trikots, Schuhe, Sporttaschen aller Marken und Vereine. Im Grunde brauche ich nichts, ich hab schon drei Paar Fussballschuhe, je eines für trockenes Terrain, Regen und Matsch; für einen alten Hobbykicker reicht das vollauf. Ausserdem ist die Freiluftsaison vorüber, fürs Wintertraining genügen die alten … Oder bräuchte ich vielleicht neue Hallenschuhe? Irgendeine Ausrede muss mir doch einfallen, den Laden zu betreten! Ein Fan-Shirt, vielleicht? Wenngleich ich dasjenige meines liebsten YB-Spielers, «Wuschu» Spycher, bereits in zwei Ausführungen besitze?

Hans hat einen Schrein eingerichtet.

Gemach, ich verlange nicht, dass Sie einsehen, weshalb der Fussball-Corner mich so bezaubert. Auf manche mag ein Süsswarenladen einen Sog ausüben, auf andere einer mit Briefmarken, Dessous, Raucherwaren, was weiss ich. Mich packt halt bei der blossen Erwähnung des Namens Oechslin eine diffuse Sehnsucht — eine, die nach 1979 riecht, nach Zweitakterbenzin und leuchtfarbenem «Ultra strong»-Haargel aus der Migros. Nach verlorener Jugend, irgendwie. Wir kannten den Laden vom Katalog her; Fussball-Corner Oechslin hatte für uns Knaben einen nahezu religiösen Klang. Kaum hatten wir dann die Töffliprüfung, fuhren Claudio und ich den ganzen Weg von Uettligen bei Bern nach Zürich, Schaffhauserplatz. 134 Kilometer hin, 134 zurück. Und mein «Ciao» war nicht mal frisiert, ein Weg muss über vier Stunden gedauert haben. Jetzt stehe ich hier und bin sogleich wieder der Bub von damals. Wie gut verstehe ich, dass auf meinen Sohn gewisse Geschäfte — Papeterien, Baumärkte, Spielwarenläden — diese zugleich anziehende und lähmende Wirkung ausüben! Nur zu gut erinnere ich mich ans wohlig quälende Gefühl, wenn man vor solch einer Auslage steht.

«Hans hat einen Schrein eingerichtet.»
«Hans hat einen Schrein eingerichtet.»

Und dann geschieht in den grossen Ferien das Wunder. Hans findet sich unversehens im Laden seiner Träume: einem Shop voller «Star Wars»-Ware. Man muss wissen, dass der Bub auf die «Star Wars»-Saga mindestens so versessen ist wie ich auf Elvis. Längst hat er in seinem Zimmer einen Schrein eingerichtet, in dem allein vom Astromechdroiden R2D2 (Hans könnte Ihnen jetzt genau erklären, was ein Astromechdroide ist …) neun Modelle stehen. Seinetwegen habe ich mir heuer alle sechs Filme angeschaut; ich gestehe, ich sah sie zum ersten Mal. Ich war beeindruckt und bestens unterhalten. Nun also stand der kleine Kerl in diesem Laden, halb in Trance, halb gestresst ob all der Darth-Vader-Masken, Jedi-Figürchen, Shirts und Raumschiffminiaturen. Das reine Glück, die schiere Überforderung. Hans, unansprechbar, wie angewurzelt, wusste nicht, wo beginnen. «Nimm dir ruhig Zeit!», beschwichtigte ich. Eineinhalb Stunden später fragte ich sanft, ob er sich allmählich wieder Mutter und Schwester anschliessen wolle. Die beiden waren inzwischen etwas trinken gegangen. Und was er denn nun kaufen möchte? Hans: «Ich glaube … nichts.»

Ich konnte ihn dann knapp zu einem Laserschwert überreden. Irgendetwas — und ich glaube, es war das Kind in mir — wollte nicht, dass der Bub den Laden unverrichteter Dinge verlässt.

Bänz Friedli live: 22. 10. Bassersdorf ZH, 23. 10. Oberdorf BL, 26. 10. Arni BE.

Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli