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25. April 2016

Die Punktesammelmaschine

Wofür gibt es Punkte?
Vor dem Einsatz der Maschine muss klar sein, für welche Tätigkeit es Punkte gibt ...

Wir sind Jäger und Sammler. Mal jagen wir hinter Plüschosterhasen-Kleberli her, mal sammeln wir Fussballbildli. Und immer wieder Punkte.
Früher, an der Uni, gabs die für gut gemachte Referate und bestandene Klausuren. Jahre später habe ich mich bei den Weight Watchers den ganzen Tag gequält, um dann abends drei Gummibärli im Gegenwert von zehn Points essen zu dürfen.

Und nun schon wieder Punkte, so weit das Auge reicht. Dieses Mal jagen Ida und Eva hinter den Kreisen (siehe Bild unten) her. Sie fragen sich jetzt bestimmt, warum Sie noch nichts von dieser neuen Grossverteileraktion gehört haben. Keine Sorge, es ist dieses Mal unser reines Privatvergnügen.

Und das kam so: Meine Kinder sind die unordentlichsten im ganzen Kanton (wenn nicht sogar in ganz Europa). Wenn sie morgens die Wohnung verlassen, musste ich bis anhin erst mal die Pyjamas vom Boden auflesen, die Haarbürste wieder ins Bad tragen, die Stofftiere vom Esstisch abräumen und so weiter. Vier Stunden später dann das Ganze in Variation: Wer hängt die Leuchtbändel auf und stopft die Kappen in die Schublade? Richtig. Und wer tischt auf und später wieder ab? Selbstverständlich ich. Stinkesocken vom Boden aufheben, Znüniböxli aus dem Thek angeln, Trottis und Velos ordentlich auf dem Sitzplatz parkieren? Mami, Mami und wieder Mami.
Wäre ich noch bei den Weight Watchers, könnte ich mir das Ganze als sportliche Aktivität verbuchen und mir ... vielleicht gar vier Gummibärli sichern.

Neulich ist mir jedenfalls der Geduldsfaden gerissen. Ich wollte die Kinder schon an der Autobahntankstelle aussetzen, als meine Freundin Ursi die rettende Idee hatte: «Ihr braucht eine Punktesammelmaschine, damit die beiden verstehen, warum es sich für sie lohnt, etwas mitzuhelfen.» Ich wollte schon abwiegeln, doch Ursi bekam so einen verträumten Gesichtsausdruck, als sie mir von der Punktesammelmaschine erzählte, die sie für jedes ihrer drei Kinder einige Wochen zuvor angeschafft hatte. Da es fast zu schön klang, um wahr zu sein, bestellte ich im Internet zwei dieser sündhaft teuren Teile.

Punktesammelmaschine: Bitte rechts drücken
Punktesammelmaschine: Bitte rechts drücken!

Ich übertreibe nicht, wenn ich Ihnen sage: Seitdem ist alles besser. Immer wenn meine Töchter kleinere Jobs und Ämtli ordentlich ausgeführt haben, dürfen sie einen Knopf drücken. Dann verwandelt sich das Maschinchen kurz in eine Las-Vegas-Leuchtreklame. Es klingelt, es leuchtet – Multimedia im Kinderzimmer.
Da das Ganze ohne winkende Belohnung relativ schnell langweilig werden würde, haben wir gemeinsam mit unseren beiden festgelegt, welche «Boni» ausgeschüttet werden, wenn das «Quartalsziel» erreicht wird. Da wir materielle Belohnung (abgesehen von Büchern, die hingegen immer gehen) eher doof finden, gibts nun vor allem Zeit und coole Erlebnisse mit den Eltern. Ida spart zum Beispiel auf einen Ausflug zur Sommerrodelbahn, und Eva freut sich schon jetzt auf den gemeinsamen Kinobesuch.
Am coolsten ist übrigens der Zufallsgenerator. Alle paar Mal drücken gibt ein Feuerwerk auf dem Display: Jokerpunkte!

Ich wäre natürlich nicht ich, wenn ich nicht schon überlegen würde, wie man dieses simple System aus Leistung und Belohnung auf andere Bereiche des Alltags übertragen könnte.
Vielleicht schenke ich dem Menschen, der immer diese «Wir kaufen jeder Auto von Ihren!»-Kärtli in unseren Briefkasten stopft, so ein Ding. Im Garten könnte ich ebenfalls eine Punktemaschine installieren. Alle Büsis, die nicht in mein Beet machen, bekommen einen Punkt. Und irgendwann dann ein ausgiebiges Kraulen.

Autor: Bettina Leinenbach

Fotograf: Bettina Leinenbach