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26. Mai 2015

Die Pult- und Partei-Nachbarn im Parlament

BDP-Nationalrat Rudolf Winkler und SVP-Nationalrat Gregor A. Rutz sind unfreiwillig Pultnachbarn im Parlament. Obwohl sie politisch nicht einer Meinung sind, bezeichnen sie ihr Verhältnis als freundschaftlich. Gregor A. Rutz: «Nur den wichtigsten Rat, wie er abstimmen soll, nimmt er nie an.»

Gregor A. Rutz (SVP, links) und Rudolf Winkler (BDP)
Handshake an der Fraktionsgrenze im Nationalrat: Gregor A. Rutz (SVP, links) und Rudolf Winkler (BDP).

Als BDP-Nationalrat Rudolf Winkler (59) im März 2015 für den zurückgetretenen Lothar Ziörjen in den Nationalrat nachrückte, wurde ihm der Stuhl neben dem Zürcher SVP-Nationalrat Gregor A. Rutz (42) zugewiesen. Vorher kannten sich die beiden bürgerlichen Politiker nicht, obwohl Winkler aus Ellikon an der Thur ZH bis 2005 für die SVP politisiert hatte und Rutz damals deren Generalsekretär war. Gewissermassen «Partei-Nachbarn» wären die beiden auch, ging doch die BDP aus der SVP hervor und weist in einigen Themen (z.B. Finanzpolitik) ähnliche Haltungen ein.
«Ich gab meinem neuen Nachbarn den guten Tipp, das Parteiprogramm der SVP zu übernehmen», sagt Rutz, Inhaber einer Kommunikationsagentur. Landwirt Winkler kontert: «Selbstverständlich mache ich das Gegenteil von dem, was Gregor sagt.» «Du stimmst sowieso zu drei Vierteln mit den Linken», sagt Rutz, der 2012 Bruno Zuppiger ersetzte.

«Stimmt nicht. Wir beide sind bürgerlich. Aber im sozialen Bereich hat die BDP eine breitere Optik als die SVP», entgegnet Winkler. Trotz des verbalen Schlagabtauschs sitzen zwei Parlamentarier nebeneinander, die sich respektieren – und einander aushelfen.
Winkler sagt: «Gregor kann mir mehr helfen als umgekehrt, weil er über eine grössere Parlamentserfahrung verfügt. Ich bitte ihn immer wieder um Rat. Heute morgen hat mein Pager, mit dem ich im Parlament kontaktiert werden kann, nicht reagiert.» Rutz habe sogleich gewusst: Es ist die Batterie.

Unterstützung bei Alltäglichem
«Nur den wichtigsten Rat – wie er abstimmen soll – nimmt er nie an», witzelt der SVP-Mann. «Dafür bin ich zu alt», lacht Winkler. Rutz wird wieder ernst: Tatsächlich gebe es im Parlament viel mehr überparteiliche Kontakte, als man dies von aussen denken würde. Sie würden oft unterschiedlich abstimmen, was jedoch nie in Streit ausarte. «Es ist ganz normal, dass wir uns bei Alltäglichem helfen und uns unterstützen», sagt Winkler. «Mit Gregor habe ich ein sehr freundschaftliches Verhältnis, obschon wir auf politischer Ebene gewisse Differenzen haben.» Winkler betont, dass er sich als Bauer nachbarschaftliche Hilfe gewohnt sei.

Die Pultnachbarn diskutieren über Zeitungsartikel, Abendanlässe in Bern, aktuelle Volksabstimmungen. Der vierfache Vater Winkler: «Ich habe Gregor auch schon über Familiäres ausgefragt.» Gregor Rutz hat keine Kinder, ist aber schon «seit 22 Jahren mit der gleichen Frau glücklich und verliebt zusammen, seit 2004 verheiratet», wie er sagt.

Rutz schätzt am BDP-Mann, dass man sich mit ihm ungezwungen austauschen kann. Umgekehrt mag Winkler Rutz’ «sympathische und offene Art». Mit Rutz könne man über alles reden. «Er hat ein unheimlich breites Wissen und ist eine sehr eigenständige Persönlichkeit.»
Ein Wermutstropfen bleibt: Es werde auch ihm nicht gelingen, Rutz von seinem politischen Programm zu überzeugen. 

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Salvatore Vinci