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17. November 2014

Pubertät: Differenzen und Ärger aushalten

Psychologe Allan Guggenbühl betont im Migros-Magazin und im Buch «Pubertät – echt ätzend», dass man Jugendlichen Paroli bieten und Präsenz markieren soll. Warum eigentlich? Die wichtigsten Gründe. Das Migros-Magazin geht dazu der Frage nach, ob die Pubertät immer früher einsetzt («Früh reif: Tipps zur Pubertät»).

Mutter und Teenager-Tochter
Eltern und Teenager: Noch immer eine enge Beziehung, jedoch nicht immer mit selber Perspektive... (Bild Getty Images)

Ein weiterer Buchautor, Peter Wüschner, spricht bereits im Titel vom «Überlebenstraining für Eltern». Und viele dürften seine Bezeichnung bedenkenlos unterschreiben. Allerdings gilt es festzuhalten, dass die Herausforderung auch für die Heranwachsenden selbst kaum geringer sein dürfte. Plötzlich verlangen Gedanken (und Hormone) zunehmende Distanz zu Eltern und Familie. Gleichzeitig benötigen Teenager den direkten Draht zu ihnen unvermindert. Auch wenn sie sich zwei oder drei engsten Freundinnen und Freunden oftmals näher fühlen.

Der Zwiespalt ist für die Jugend also genauso gross wie für die Eltern, die gern noch immer voll für Wohlergehen und Entwicklung der ‚Kleinen‘ Verantwortung übernehmen würden. Zugleich müssten Eltern zu deren Bestem die Zügel lockern, Einfluss und bisweilen Entscheidungen abgeben, selbst wenn sie deren eingeschlagenen Weg nicht immer mitgehen möchten. Bloss: Ewig können sie Tochter oder Sohn nicht beschützen oder deren Weg vorspuren. Sonst blockieren sie die Entwicklung, mit später umso verheerenderen Folgen.

Gewinnchancen wahrnehmen
Bei allen Schwierigkeiten, die das Teenageralter zwischen elf oder zwölf Jahren und der Volljährigkeit oder dem Auszug mit sich bringt; bei allem Streit, Abgrenzungskampf und schlichtem Unverständnis auf beiden Seiten. Es lohnt sich entschieden ein Blick auf das Positive: Was gibts im Umgang mit den bald Erwachsenen zu gewinnen, was wurde schon erreicht, welche Aussicht besteht?
Wir verraten vier wichtige Gründe, weshalb es trotz Differenzen und eines gerüttelten Masses an Ärger in nahezu allen Fällen angezeigt scheint, Präsenz zu markieren, wichtige Gefechte auszutragen, unwichtige auszuhalten.
1. «ENTWICKLUNGSHILFE» LEISTEN
Teenager brauchen nach übereinstimmender Meinung praktisch aller Experten eine klare Haltung der Eltern, die ihren Standpunkt gegenüber dem Pubertierenden aktiv vertreten. Dem Frieden zuliebe zurückzuweichen, gilt als genauso schlecht wie das Bestimmen über den Kopf des Nachwuchses hinweg. Stellt man klar: Du willst das, aber wir erwarten aus diesem Grund etwas anderes, trägt man zuallererst nicht Differenzen aus, man tut vorab etwas noch Wichtigeres: Man nimmt den Heranwachsenden für voll, gesteht ihm grundsätzlich eine Meinung und einen eigenen Willen zu. Nota bene oft ohne ihn zu teilen! Damit sendet man das Signal aus, dass man (fast) auf Augenhöhe debattiert – noch bevor folgt, was nicht akzeptabel ist. Dies ist mit Bedingung für die Weiterentwicklung des Pubertierenden. Fühlt er sich nicht ernst genommen, kann die Selbstverantwortung kaum wachsen, der Teenager zieht sich vielmehr in Boykott und Protest zurück, statt Streitpunkte wahrzunehmen und Position zu beziehen.

2. FÜR IHRE ZUKUNFT KÄMPFEN
Neben den Eltern wachsen in der Pubertät die engsten Gleichaltrigen, mit der Zeit aber auch Berufsbildende in der Lehre, andere Lehrkräfte oder erste Vorgesetzte im Job zu zentralen Bezugspersonen heran. Die Chance auf positive Selbstfindung in Ausbildung und Job steigt, wenn im Elternhaus schon wichtige Anforderungen der Erwachsenenwelt an die Jugend herangetreten sind. Heikel wird es, wenn Lehrmeister und Chefs die Ersten sind, die auf Einhaltung gewisser Regeln und Verfolgung bestimmter Ziele pochen. Und mehrfach gescheiterte Einstiege in die (höhere) Schul- und Berufswelt zahlen sich heute viel schneller – meist auch nachhaltiger – negativ aus als früher.

3. DIE BISHERIGE ERZIEHUNG VERTEIDIGEN
Zur Entspannung in gewissen Disputen mit Sohn oder Tochter kann von Elternseite beitragen, eine erste längere Entwicklungsphase des Kindes, in der die Eltern unangefochten prägende Gestalten der Kinderwelt waren, als abgeschlossen zu betrachten. Zumeist hat man dem Kind durch eigene Vorbildfunktion, aber sicher auch Erziehungsschritte vor der einsetzenden Pubertät schon sehr viel an Prägung mitgegeben. Eine Prägung, die auch Teenager in voller Protestphase nicht mehr wegkriegen. Manchmal hilft also ein kurzes Zurücklehnen und mantramässiges Wiederholen: Das Wichtigste haben wir bisher bereits erledigt oder erreicht.
4. AUF LANGZEITWIRKUNG SETZEN
Manche Kinder gestehen es weit nach dem 20. Geburtstag, manchmal merken es Eltern später von allein, ab und zu sogar bereits kurz nach heftigen Abgrenzungskämpfen mit Pubertierenden: Der Nachwuchs nimmt elterliche Argumente und Ratschläge durchaus auf. Auch wenn er sie dann längst nicht immer befolgt wie noch (öfters) in den idyllischen Zeiten bis zum Alter von rund zehn Jahren. Nur zugeben würden sie das nie im Leben! Erreicht man als Mutter oder Vater jedoch zwischendurch, dass das Gesagte einen Effekt hat, kann man eine Weile eher darauf verzichten, dass der Teenager dies auch noch eingesteht. Zugegeben: Es rechtzeitig herauszufinden, fällt oft schwer.
UND IHRE GRÜNDE?
Haben auch Sie einen (persönlichen) Grund, weshalb es sich lohnt, mit dem pubertierenden Nachwuchs Sträusse auszufechten, Streit auszuhalten und konsequent zu bleiben?
Verraten Sie ihn unten in einem Kommentar.INFOMATERIAL UND BUCHTIPPS
Neben Allan Guggenbühls Klassiker «Pubertät – echt ätzend. Gelassen durch die schwierigen Jahre.» (2004) stellt die Website www.pubertaetverstehen.ch weitere lohnende Buchtipps in ausführlichen Zusammenfassungen vor.
Besonders empfehlenswert Jeanne Meijs «Der schmale Weg zur inneren Freiheit», in dem die Autorin einfach verständlich zwischen Gedanken-, Gefühls- und Willenspubertät unterscheidet. Wenn auch im Detail teils umstritten, hilft das Verständnis der unterschiedlichen Aspekte und Etappen von Pubertät oft weiter.

Autor: Reto Meisser