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08. Juli 2013

Psychoterror

Sie setzte ihn unter unmenschlichen Druck. Er hatte Angst, sein Kind für immer zu verlieren. Psychische Gewalt an Männern ist ein Tabuthema, aber es gibt sie. Ein Betroffener erzählt.

Männergewalt
Symbolisch: Auch Männer können Opfer von psychischer Gewalt sein (Bild: iStock Photo).

Es ist 18.45 Uhr. Linda* kommt von der Arbeit nach Hause und geht grusslos an ihrem Mann vorbei, mit dem sie seit zwei Jahren verheiratet ist. Das Paar spricht kein Wort mehr miteinander. Seit Robert* seine Stelle verloren hat, kümmert er sich zu 100 Prozent um den Haushalt und wird dabei von seiner Ehefrau und Mutter des gemeinsamen Kinds nicht mehr unterstützt. «Für sie war klar, dass sie das Geld nach Hause bringt und ich den Rest zu erledigen habe.»

Linda und Robert führten nie eine glückliche Ehe. Es kommt schon ganz früh zu Spannungen, wenn es um die Erziehung des gemeinsamen Sohns geht. Und ums liebe Geld: Er will Teilzeit arbeiten, um mehr Zeit für den Kleinen zu haben. Sie sagt zu ihm: «Du bist nur zu faul zum Arbeiten!» Sie will sich viel Schönes leisten ¬– er möchte seinem Sohn lieber Spielzeug kaufen. «Ich habe ihr mehrfach gesagt, sie solle endlich das Kind in den Vordergrund stellen und nicht mehr sich selbst.»

Es war ein langer, weiter Weg

Genützt hat es nichts. Sie betrügt ihn mehrfach. Trotzdem hält Robert zur Familie und geht mit seiner Ehefrau zu mehreren Paartherapeuten. Die Termine sind allesamt ein Reinfall. «Ich fühlte mich alleingelassen, weil alle Beratungen extrem auf die Mutter und Ehefrau fokussiert waren.» Robert leidet. Insbesondere seine Rolle in der Gesellschaft macht ihm zu schaffen, weil dort noch immer der Mann das starke Geschlecht ist. Er weiss: Ich muss mit der Situation umgehen können und bedingungslos zu meiner Frau stehen. Heute sieht er das anders: «Auch Männer können in einer Beziehung das schwache Geschlecht oder das Opfer sein.»

Robert braucht über zwei Jahre, bis er zu dieser Einsicht kommt. Erst als sein Kind unter den Spannungen zwischen ihm und seiner Frau zu leiden beginnt, denkt Robert endlich um. «Mein Sohn hat nicht mehr durchgeschlafen und viel zu wenig gegessen!» Da sich der Vater aber nicht getraut, die Situation in seinem Freundeskreis anzusprechen, kontaktiert er den Verein Verantwortungsvoll erziehender Väter und Mütter (VEV). Dieser setzt sich für die gleichwertige Beziehung der Kinder zu beiden Elternteilen ein.

Zum ersten Mal Verständnis gespürt

Die Betreuer kennen solche Situationen leider nur zu gut. Sie raten Robert, gemeinsam mit dem Kleinen in ein Väterhaus zu ziehen. Rückhalt, Sicherheit, Unterstützung finden, sich zurückziehen, und ein Zeichen gegenüber der Mutter setzen. Jetzt gehts zackig: Innert dreier Tage organisiert Robert den Wegzug, belädt das Auto mit Kleidern sowie Spielsachen und hinterlässt einen Zettel: «Ich bin weg. Melde mich wieder.» Selbst vor seinen besten Freunden hält er seinen Plan geheim.

Und so rauscht Robert mit seinem Sohnemann ab. Aber wohin? Bei einem Telefonat mit dem Leiter des Hauses erfährt er nur das Ziel der ersten Etappe. Mit vollgeladenem Wagen düst er in die Richtung und wird via Handy zum Ziel gelotst. Dort findet er ein Einfamilienhaus vor, das wie eine Jugendherberge eingerichtet ist. Es fehlt an nichts. Er fühlt sich sofort wohl. Weniger schön ist, dass ihm seine Frau per SMS mitteilt, dass sie ihn bei der Polizei wegen Kindesentführung angezeigt habe und diese deshalb nach im fahnde. Eigentlich kein Problem: Die Institution hat die Polizei informiert, dass Robert mit seinem Sohn bei ihnen wohnt. Aber behördenintern funktioniert die Kommunikation alles andere als gut…

Gemeinsames Sorgerecht

Trotz der unangenehmen Gewissheit versucht Robert so gut es geht abzuschalten. Die vier Wochen tun ihm gut. Er realisiert zum ersten Mal, dass er mit seinem Problem nicht alleine ist – ja, dass es einigen vielleicht sogar noch schlimmer geht als ihm. Denn eines erlebt er zum Glück nicht: körperliche Gewalt. Sowohl er als auch seine Frau lehnen das ab. Es ist vielleicht die einzige Gemeinsamkeit, die noch blieb.

Nach vier Wochen verlässt er das Väterhaus . Mittlerweile ist seit seinem Aufenthalt mehr als ein Jahr vergangen und die Scheidung über die Bühne. Der Richter – «ist zum Glück nicht aus der Steinzeit» – hat beiden das Sorgerecht zugesprochen. Äusserst ungewöhnlich: Normalerweise erhält im Streitfall immer die Frau das alleinige Sorgerecht übertragen. «Unmöglich», findet Robert. Trotz allem, was er erlebt hat, will er, dass sein Kind die Mutter regelmässig sieht. «Ein Kind braucht beide Elternteile und muss immer im Vordergrund stehen.» Auch mit Linda kann er heute wieder kommunizieren, wenn sie das gemeinsame Kind nach einer Woche zu ihm bringt.

*Namen geändert

Autor: Reto Vogt