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23. September 2013

Psychische Erkrankungen: Umstrittene neue Diagnosen

Welche neuen Krankheitsbilder findet man in der fünften Auflage des Diagnose-Handbuchs für psychische Störungen? Einige der meist von der American Psychiatric Association stammenden Definitionen stossen bei andern Psychologen auf Skepsis oder schlicht Ablehnung. Zehn oft diskutierte Änderungen im Überblick.

Die neue Ausgabe von DSM-5, dem Diagnose-Handbuch der psychischen Krankheiten und Störungen, zählt wiederum ein paar neue Typen psychischer Erkrankungen auf. Keine davon ist für Experten völlig neu, dennoch erhalten sie mit der Aufnahme in die DSM-5-Sammlung, hinter der vor anderen Ärzte- und Fachspezialisten-Organisationen die American Psychiatric Association (etwa: Vereinigung amerikanischer Psychiatrie) steht, gleichsam den Rang einer offiziellen Erkrankung.

Website der American Psychiatric Association
Website der American Psychiatric Association

Die meisten der renommierten Psychologen sind der Meinung, dass die Zunahme der Krankheitstypen nicht auf eine allgemeine Zunahme der Erkrankungen schliessen lässt. Von einigen wird das Erweitern und Verfeinern des Krankheits-Katalogs positiv gesehen, weil damit die Chancen steigen, Betroffenen genau die angemessene Behandlung zu ermöglichen. Wenige geben daneben aber auch zu bedenken, dass mit der Aufnahme von mitunter Modeströmungen unterworfenen Phänomenen unnötig Ängste gefördert würden, vereinzelt auch ein schwacher Nachahmeffekt, quasi eine Übersensibilisierung. Auch soll die Trennlinie zwischen 'gesundem' udn 'krankem' Verhalten verwischt werden. Generell ist die Skepsis, ob die 950-seitige Neuauflage überhaupt nötig war und ob sie den Aufwand im Nachhinein rechtfertigt, in europäischen Expertenkreisen weit grösser als in amerikanischen.

Im Detail streiten Psychiater und Psychologen bei einigen der neuen Krankheits-Definitionen darüber, ob diese wirklich eine Erkrankung im engeren Sinn darstellen, oder ob sie sich von bereits registrierten und eingängig beschriebenen Krankheiten genügend unterscheiden.
Migrosmagazin.ch stellt die umstrittensten Fälle aus dem erneuerten DSM-5-Handbuch vor:

1. ADHS bei Erwachsenen: Bisher mussten Kinder vor dem 7. Geburtstag zappeliges Verhalten, Konzentrationsprobleme in der Schule oder anderswo und dergleichen mehr an den Tag legen, um die Diagnose ADHS zu erhalten. Im neuen Handbuch wird die Altersschwelle gleich um fünf Jahre angehoben und somit mitten ins Teenageralter versetzt. Damit dürfte sich die Zahl der Diagnosen nochmals stark erhöhen. Auch sehen einige Experten die Gefahr, dass andere in der Teenagerzeit auftretende Probleme als ADHS missverstanden werden könnten.

2. Vorstufen der Demenz: Mit fortschreitendem Alter nimmt die Vergesslichkeit zu, im Alltag werden auch Dinge verlegt oder verloren. Klar ist, dass dies Vorstufen zu einem schwereren Verlauf von Altersdemenz sein können. Kritiker der neu detaillierter aufgeführten Anfangsstufen von Demenz führen jedoch ins Feld, dass nun auch übliche Abbauprozesse im Alter gleich als Anzeichen von nahender Demenz wahrgenommen würden – oft vorschnell oder schlicht zu Unrecht.

3. Die Bewertung der Fressattacken: Dass das Binge-Eating-Phänomen eine Erkrankung darstellt, ist weitgehend unbestritten. Betroffene verschlingen ohne Kontrollmechanismen wie Sättigungsgefühl Unmengen an Essen, ohne es danach wieder von sich zu geben (wäre traditionell Bulimie).
Allerdings wurden im Rahmen von DSM-5 die Schwellen für die Diagnose heruntergesetzt: Neu reicht während drei Monaten ohne Unterbruch (bisher: sechs) mindestens eine Fressattacke (bisher: zwei). Kritiker bezeichnen die Anpassung nach unten als willkürlich.

4. Zwei oder eine Art von Alkoholmissbrauch? Künftig wird immer mehr von einer Substanzgebrauchsstörung gesprochen, womit zwei unterschiedliche Erkrankungen oder Störungen kaum mehr unterscheidbar wären: Einerseits die klassische Alkoholsucht, bei der stetig eine hohe Menge der Droge eingenommen wird, und andererseits das sporadische 'Vieltrinken' (bis zum Exzess). Die Motivation und die Abläufe im Gehirn seien laut Skeptikern jedoch ganz unterschiedlich. Und somit gehe mit derartigen Neuerungen die Gefahr von unangemessener Behandlung einher.

5. Wutanfälle als Krankheitsbild? Wenn kleinere Kinder (auch) in der Öffentlichkeit öfters zu Schreianfällen neigen oder andere klassische Wutdemonstrationen an den Tag legen, sehen die Verantwortlichen des Diagnose-Handbuchs eine neue Krankheit dahinter, in englischer Sprache die Disruptive Mood Dysregulation Disorder (DMDD). Viele europäische Kinderpsychologen sehen die Forschung auf diesem Gebiet noch in den Kinderschuhen und fürchten, dass Wutbekundungen aus anderen Gründen nun fälschlicherweise als neue Störung beziehungsweise Krankheit eingestuft würden.

6. Längere Trauerphase als Depression? Auf den Tod geliebter Menschen reagieren viele mit Antriebslosigkeit, Rückzug in die eigenen Wände, Appetitmangel und bisweilen auch mit der Unfähigkeit, einfache Alltagsverrichtungen auszuüben. Das Handbuch stuft derart starke Reaktionen bereits ab einer Dauer von zwei Wochen als (mögliche) Depression ein. VIele Psychologen sehen darin die Grenze zur 'normalen' Trauerphase verwischt.

7. Wird die Generalisierte Angststörung ausgedehnt? Kritiker des neuen DSM-5-Handbuchs bemängeln, dass die Definition einer psychischen Angststörung, bei der auf vielen Bereichen stets vom Schlimmsten ausgegangen wird und die das Handeln völlig blockieren kann, in fraglicher Art ausgeweitet werde.

8. Ist Hautrupfen eine Krankheit? Die Zwangsstörungen wie das bekannte Skin Picking (Hautrupfen) werden neu konsequent von den Angststörungen, denen sie bisher als Subtypen untergeordnet wurden, getrennt und etwa als Excoriation Disorder gesondert diagnostiziert. Dasselbe gilt etwa für das pathologische Horten (Hoarding Disorder) oder die Hair Pulling Disorder.

9. Schizophrenie zu Recht vereinheitlicht? Neu werden in der DSM-5-Diagnose-Bibel klassische Unterkategorien der Schizophrenie – wie etwa paranoides Verhalten – gestrichen. Einigen Spezialisten fehlen nach ihrem Bekunden nun genügend präzise Umschreibungen für eine erfolgsversprechende therapeutische Behandlung.

10. Hypochondrie verschwindet: Neu werden einige bisher gesondert beschriebene Störungen des Körpergefühls respektive der Wahrnehmung des eigenen Körpers unter dem Überbegriff somatoforme Störungen zusammengefasst, wenn auch durchaus noch mit genaueren Spezifizierungen. Am prominentesten ist die Hypochondrie, die als eigener Typ verschwindet – auch dies umstritten.

WEITERE NEUERUNGEN

Panikattacken: Die Subtypen wurden weitgehend eliminiert, es gibt bloss noch unerwartete und erwartete Attacken.

Unter Trauma- oder Stress-bedingte Störungen fällt neu auch die posttraumatische Belastungsstörung (neben der akuten Belastungs- und der Anpassungsstörung)

Die Trennungsangst fällt aus dem rein aufs Kind hin ausgerichteten Kontext heraus und wird neu den Angststörungen zugeordnet.

Mit der Geschlechtsdysphorie (Störung in Bezug auf sexuelle Identität) wurde eine neue diagnostische Kategorie eingeführt.

Unter den Oberbegriff der Autismusspektrumsstörungen fallen neu der klassische Autismus und das Aspergersyndrom.

Autor: Reto Meisser