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14. September 2015

Muslime über ihr Leben in der Schweiz

Prominente Schweizer Muslime erzählen, wie es sich anfühlt, in einer Gesellschaft zu leben, die ihnen mit zunehmendem Misstrauen begegnet - darunter Ex-Mister-Schweiz Adel Abdel-Latif und SP-Kantonsrätin Ylfete Fanaj.

Ylfete Fanaj (33), SP-Kantonsrätin Luzern
Ylfete Fanaj (33), SP-Kantonsrätin Luzern

Adel Abdel-Latif (43)

Arzt, Verhandlungsberater, Mister Schweiz 1996

«Fragte man mich vor zehn Jahren, ob ich als Muslim von Diskriminierung betroffen sei, war meine Antwort ein klares Nein. Heute ist es anders. Als 2009 über die Minarette abgestimmt wurde, war ich als Radiologe an der Hirslanden-Klinik St. Anna in Luzern tätig. Manche ärztlichen ­Kollegen wandten sich von mir ab, nachdem ich mich in den Medien gegen diese Initiative ausgesprochen hatte. Ausserdem erfuhr ich, dass mehrere Chemotherapiepatientinnen, die aufgrund ihres Haarausfalls Kopftücher trugen, auf der Strasse verbal angegriffen wurden, da man sie für Musliminnen hielt.

Es stimmt mich traurig, dass ich mich andauernd für die furchtbaren Verbrechen einiger weniger Verrückter rechtfertigen muss.
Ein Katholik muss auch nicht beweisen, dass er nicht pädophil ist, nur weil manche katholischen Priester Kinder missbraucht haben.

Aufgeheizt wird die Stimmung von Rechtspopulisten, die auf Stimmenfang sind. Aber viele Schweizer Bürger lassen sich nicht mehr so offensichtlich manipulieren. Wie das jüngste Beispiel zeigt, stellen sie Fragen und entlarven Politiker wie Christoph Mörgeli, die mit aus dem Zusammenhang gerissenen Bildern negative Stimmung und Werbung in eigener Sache machen wollen.»

Ylfete Fanaj (33)

SP-Kantonsrätin Luzern und Integrationsbeauftragte im Kanton Nidwalden

«Ich kam im Alter von neun Jahren aus dem Kosovo in die Schweiz. Was ich mit der Religion in Verbindung bringe, habe ich von meiner Mutter gelernt. Situationsbedingte Stossgebete zum Beispiel, die mich im Alltag begleiten. Ich bin gläubig, aber nicht religiös, und ich mache auch keinen Ramadan. Zum ersten Mal in einer Moschee war ich mit 24, als Touristin während eines Sprachaufenthalts in Irland.

Ich fühle mich nicht diskriminiert. Was mich jedoch beschäftigt, sind die zum Teil sehr festgefahrenen Bilder, welche die Leute gegenüber dem Islam haben. Eine Muslima ist für viele eine unterdrückte Frau, die man retten muss. Eine Freundin, die sich für das Kopftuch entschieden hat, wurde von den Nachbarn von einem Tag auf den anderen nicht mehr gegrüsst. Andere staunten, dass sie noch Velo fährt oder wandern geht.

Wer kollektive Ablehnung spürt, flüchtet sich eher in den eigenen Kulturkreis, integriert sich nicht. Gerade Jugendliche, die sich
in der Pubertät in einer schwierigen Phase ­befinden, reagieren stark auf Zurück­weisung. Sie werden damit in eine Rolle ­gedrängt, die sie gar nicht wollen – und das macht sie im schlimmsten Fall vielleicht sogar empfänglich für extremes Gedankengut.»

Esther Fouzi (51)

Konvertitin, Religionslehrerin und Autorin des Buchs «Für ein besseres Miteinander»

«Meine Konversion liegt lange zurück: 1983. In jener Zeit war der Islam noch kein Reizwort. Als meine Entscheidung vier Jahre später durch das Tragen des Kopftuchs sichtbar wurde, erntete ich im besten Fall Komplimente für mein gutes Deutsch und im schlimmsten Fall mitleidige Blicke.

Dann aber kam der 11. September 2001. Seither spüre ich etwas anderes in den Blicken: Misstrauen, Hass, Abscheu. Heute werden wir Muslime kollektiv für den Terror verantwortlich gemacht. Viele denken: Islam und Muslime gleich gefährlich. Dabei hat mein Glaube nichts mit diesen Terroristen zu tun.

Klar: Es gibt sie, die Anschläge im Namen des Islams. Aber die Mehrheit der Muslime will einfach friedlich leben und arbeiten. Meist sorgen jedoch
nur jene für Schlagzeilen, die kriminell und gewalttätig sind. In ihrem Windschatten treten sogenannte Experten auf, welche die Gewalt als einen dem Islam innewohnenden Faktor bezeichnen.

Ich finde es wichtig, dass wir unsere Ängste abbauen, indem wir miteinander reden, auf Gemeinsamkeiten bauen und mit Unterschieden gelassener umgehen. Was wir ändern könnten und sollten auf beiden Seiten, darüber habe ich in meinem Buch geschrieben.»

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Daniel Auf der Mauer