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07. November 2016

«Professor Boerne ist mein Liebling»

Christine Bartsch (50) hat ein Buch über ihre Fälle als Gerichtsmedizinerin geschrieben. Als grosser «Tatort»-Fan sagt sie: Die Filme sind ziemlich realistisch, aber Sandwich während der Obduktion geht gar nicht.

Buchautorin und Gerichtsmedizinerin Christine Bartsch
Christine Bartsch kennt Obduktionen aus ihrem Berufsalltag – und die vom «Tatort». (Bild: Christoph Mächler)

Christine Bartsch, wie kommt es, dass eine Gerichtsmedizinerin gerne «Tatort» guckt?

Das war in meiner Familie immer Tradition. Als ich noch klein war, musste ich sofort ins Bett, wenn der Vorspann lief. Meine Grossmutter sass dann immer wie 007 vor dem Fernseher – mit einer dunklen Brille, weil sie Grünen Star hatte. Das hat die Sendung für mich nur noch interessanter gemacht. Später habe ich «Tatort» am liebsten mit meiner Mutter zusammen geguckt, obwohl sie immer während der ganzen Sendung redete. Leider ist meine Mutter vor zwei Jahren gestorben.

Mit wem schauen Sie sich die Folgen heute an?

Ich telefoniere einfach kurz vor acht mit einer Freundin in Wien. «Ermitteln wir heute zusammen?», fragen wir uns dann. Nach der Sendung sprechen wir uns wieder. Oft müssen wir nachfragen: Sag mal, hast du das verstanden? Oder sie fragt mich als Fachfrau ein paar Details.

Sie leiteten zwei Jahre lang die Forensische Medizin an der Universität Zürich. Wie realistisch sind die gerichtsmedizinischen Darstellungen im «Tatort»?

In der Regel durchaus realitätsnah. Die Macher sind ja auch nicht doof, die fragen bei Fachleuten nach. So überdrehte Personen wie Professor Boerne in Münster kenne ich zwar nicht. Trotzdem ist er mein Liebling. Und es ist nicht falsch, was er von sich gibt.

Sehen Sie auch Szenen, die in Wahrheit anders laufen?

Manchmal amüsiere ich mich sehr. Etwa, wenn der Todeszeitpunkt fast auf die Minute genau festgestellt wird. In Wahrheit geht das bestenfalls bis auf ein paar Stunden genau. Im Film wissen die Gerichtsmediziner auch erstaunlich exakt, was der Verstorbene wann noch gegessen hat und wann er zuletzt Sex hatte. Aber so einfach ist das nicht. Juristen sind deshalb im echten Leben von uns immer enttäuscht, wenn wir solche Informationen nicht liefern können. Übrigens gehen bei uns Gerichtsmediziner auch nicht mit den Ermittlern Kaffee trinken, um die Fälle zu besprechen, wie es im Film oft vorkommt. Es ist ihnen regelrecht untersagt, sich an den Ermittlungen zu beteiligen, weil sie sich ihre Objektivität bewahren müssen.

Als besonderen Gag sieht man in Fernsehkrimis oft Gerichtsmediziner neben einer aufgeschnittenen Leiche etwas essen, gern etwas mit Fleisch. Kommt das wirklich vor?

Das ist ein filmisches Stilmittel und zum Beispiel in Zürich absolut verboten. Ich würde auch nie während der Obduktion ein Sandwich essen, schon gar nicht eines mit Schinken.

Empfanden Sie manchmal Ekel, wenn Sie einen toten Menschen untersuchen mussten? Oder Wut auf den Täter?

Nein. Man lernt, persönliche Gefühle von der Arbeit zu abstrahieren. Empathie kommt allerdings vor, auch Fassungs­losigkeit über die Gewalt, die ausgeübt ­wurde – besonders bei Kindern, die mein Schwerpunktgebiet waren. Traurigkeit und Unverständnis können auch mal aufkommen.

Man lernt, persönliche Gefühle von der Arbeit zu abstrahieren. Empathie kommt allerdings vor, auch Fassungslosigkeit über die Gewalt ...

Welches waren in Ihrer Karriere besonders erschütternde Fälle?

Mich haben immer absurde Todes- und Auffindungsumstände beschäftigt: Das Baby in der Mikrowelle, die Leiche im Koffer, die Frau in der Regentonne.

Sie haben ein Buch geschrieben, in dem Ihr Alter Ego Charlotte Fahl in Zürich Opfer von ungewöhnlichen Todesfällen untersucht. Was entstammt wirklich Ihrem Berufsalltag?

Die Fälle im Buch sind fiktiv. Sie basieren aber auf Todesarten, Techniken und Vorgehensweisen, die ich selber erlebt habe.

Warum sind Sie Gerichtsmedizinerin geworden?

Nach dem Medizinstudium arbeitete ich unter anderem auf dem Land als Allgemeinmedizinerin, als eine Arbeitskollegin plötzlich starb. Am Morgen hatte ich sie noch untersucht, und am Nachmittag war sie tot. Sie war erst Ende 30. Das hat mich umgehauen und lange beschäftigt. Was die Todesursache war, weiss ich bis heute nicht, weil wir die Leiche nicht exhumieren durften.

Was ist weniger schön?

Nichts, was aus dem Reich der Toten kommt, sondern das, was überall nervt: Budgetstreichungen, Blockaden in der Forschung und Entwicklung, Berufsleute, die nicht an einer Zusammenarbeit interessiert sind. Was Menschen einander antun ist oft unfassbar, aber auch interessant.

Nun arbeiten Sie seit Kurzem in einem Institut für Polar- und Meeresforschung.

Ja, hier kann ich meinem Interesse für die Expeditionsmedizin nachgehen. Es ist eines der neuen Gebiete, die ich noch kennenlernen möchte. Die Endlichkeit habe ich jetzt gesehen.

Christine Bartsch «Das Gefühl der Kälte» (Orell Füssli), erhältlich bei Ex Libris zu Fr. 22.30

Autor: Yvette Hettinger