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12. März 2012

Privatsache

Auch Kinder haben ein Recht auf Privatsphäre. So weit sind sich wohl alle einig. Doch was heisst das genau? Zwei Familien geben Einblick in ihren Umgang mit diesem sensiblen Thema.

Familie Meroni
Ohne anzuklopfen reinzuplatzen geht nicht: Der elfjährige Pablo Meroni will, dass seine Privatsphäre respektiert wird.

Im Zimmer, Bad und auch auswärts: Wie viel Privatsphäre bietet Ihr Familienhaushalt?

Bei der Familie Meroni schlafen die Eltern im Untergeschoss, die drei Kinder im Obergeschoss, dazwischen liegt das grosse Wohnzimmer mit der offenen Küche. Seit jedes Kind sein eigenes Zimmer hat, bleibt für die Eltern Tanja (36) und Carlo (41) nur der Rückzug nach unten — und sie geniessen das: «Als die Kinder klein waren, wollten wir sie in Hörweite haben, aber jetzt schätzen wir es, wenn wir sie nicht hören — und sie uns auch nicht.»

Es gibt Regeln, die jeder einhalten soll

Überhaupt wird Privatsphäre in der fünfköpfigen Familie Meroni grossgeschrieben. Obwohl oder vielleicht gerade weil ein reges Kommen und Gehen herrscht im selbst renovierten Häuschen mitten in einem Familienquartier im zürcherischen Uetikon. Damit die vielen Besucher von Gross und Klein niemanden stören, bestehen Tanja und Carlo auf der Einhaltung bestimmter Regeln. So ist das Elternschlafzimmer beispielsweise für Aussenstehende tabu. Weder darf ein Kinderzimmer einfach betreten werden, noch darf ein Kind sich Dinge bei seinen Geschwistern holen, ohne vorher zu fragen.

Vor allem für Pablo (11), den Ältesten, ist es mittlerweile sehr wichtig, dass seine kleinen Schwestern nicht einfach reinplatzen in sein Reich mit den sorgfältig sortierten Schätzen von Mineralien über selbst gefundene Insekten bis zu Skatejournalen und der Schachtel mit gesammelten Aufklebern. Strikt ist auch die Badregel bei den Meronis: Ist die Türe zu, wird nicht gestört. «Wir haben einen natürlichen Umgang miteinander, und körperliche Nähe bedeutet uns viel», erklärt Tanja. «Und wir bestärken unsere Kinder, von klein auf zu sagen, was sie wollen und was nicht. Sie kennen das Recht auf ihren Körper und können es auch verteidigen.»

Bei den Meronis schlafen die Kinder im Ober-, die Eltern im Untergeschoss (von links): Tanja, Carlo, Stella, Moja und Pablo.
Bei den Meronis schlafen die Kinder im Ober-, die Eltern im Untergeschoss (von links): Tanja, Carlo, Stella, Moja und Pablo.

Auch in anderen Bereichen gilt es, Grenzen einzuhalten. Die Kinder mögen es gar nicht, wenn ihre Mutter anderen Leuten Dinge über sie verrät. «Früher habe ich zum Beispiel mal eine Zeit lang Krafttraining gemacht, und sie hat es allen erzählt. Das fand ich blöd», berichtet Pablo. Die Mutter gibt ihm recht: «Ich komme manchmal ins Plaudern, da muss ich noch an mir arbeiten.»

Zurückhaltung ist nicht immer einfach

Als Mutter mische sie sich manchmal zu sehr ein. Auch in den Zimmern: «Es ist mir eigentlich klar, dass ich die Zimmer so lassen sollte, wie sie sind, jetzt, wo die Kinder langsam grösser werden.» Aber es falle ihr schon schwer, vor allem wenn mal wieder überall Wäsche herumliege. Aber die Kinder sagen klar, wenn ihnen zu viel um- und aufgeräumt wird.

Auch Carlo findet das mit der Selbstbestimmung in den Kinderzimmern nicht immer einfach. Aktionen, wie gemeinsam mit einem Kind das Zimmer umzustellen, brauchen entsprechend viel Geduld. «Es ginge ja viel schneller, wenn ich einfach sagen könnte, was wohin soll. Trotzdem finde ich es wichtig, ihre Vorstellungen zu respektieren», sagt Carlo. Und die sind bei jedem der drei Kinder anders. Moja (8) wisse schon ganz genau, was sie wolle. «Sie entscheidet eigenständig und kann sich von anderen gut abgrenzen», erklärt Tanja. So vermag sie auch ihre Privatsphäre problemlos zu verteidigen.

Anders sieht es bei Stella (5) aus. «Die Kleinste definiert sich stark über die anderen und hat es am liebsten, wenn die Familie zusammen ist», sagt die Mutter. Mit Worten allein könnten sie ihr nicht helfen, unabhängiger zu werden, sind Carlo und Tanja überzeugt. Sie muss es auch vorgelebt bekommen. «Wir zeigen ihr, dass wir als Eltern zwar eine Einheit sind, aber als Menschen dennoch je eigene Meinungen und eigene Freunde haben dürfen», erklärt Tanja. Jeder in der Familie soll seine Freunde frei aussuchen können, selbst wenn sie als Eltern nicht immer begeistert sind. «Das gehört für uns ebenso zur Privatsphäre, wie das eigene Zimmer», sagt Carlo. Strenger sind sie mit Dingen wie Computerspielen oder im Internet surfen. Sie sind zwar erlaubt, aber nur begrenzt. Oder wie es Carlo sagt: «Das sind für uns Formen des Rückzugs, die auf Dauer keinem guttun.»

Neben der Privatsphäre jedes Einzelnen gibt es für die Meronis auch noch die Privatsphäre der Familie als Ganzes. Das heisst: Was daheim am Esstisch besprochen wird, geht nicht nach draussen. «Die Familie ist der Ort, an dem die Kinder ausloten können, wer sie sind, wo sie ihre Grenzen finden können, und lernen, Stopp zu sagen», sagt Carlo.

Irgendwann kamen Schlösser an alle Türen

Der Balkon steht allen offen (von links): Manfred, Selma, Ruth und Tim Zollinger.
Der Balkon steht allen offen (von links): Manfred, Selma, Ruth und Tim Zollinger.

Die zweite Familie, die uns Einblick in Ihr Zusammenleben gewährt, ist die Familie Zollinger aus Zürich Höngg. Sie hat vor einem Jahr an allen Zimmertüren Schlösser anbringen lassen. Selma (17) und Tim (23) wollten das so. «Damit du nicht immer in unsere Zimmer kommst zum Rumstöbern», erklärten sie der Mutter. Ruth Zollinger (59) lacht — und rechtfertigt sich. Wenn sie die frische Wäsche reinbringe, schaue sie sich halt automatisch ein bisschen um. «Aber nur bei Dingen, die offen daliegen», betont die Sozialarbeiterin, in Schubladen wühlen würde sie nie. Grundsätzlich sind sich die Zollingers nämlich einig: Die Zimmer sind Privatsache. Darum haben Ruth und Manfred (55) ihre Schlafzimmer letztes Mal abgeschlossen, als sie für ein paar Tage verreisten.

Vertrauen ist gut, Kontrolle besser. Das habe Selma und Tim dann doch gestört. «Euer privates Zeug interessiert uns sowieso nicht», versichern beide unisono. Oder — nicht mehr. «Mit 13 fand ich es schon interessant, was ihr alles in den Schubladen hattet», gibt Tim zu. «Aber das ist ja normal, wenn man in die Pubertät kommt.»

Und auch Ruth versucht, sich dem Erwachsenwerden ihrer Zöglinge anzupassen: «Aber als Mutter fällt es mir immer noch schwer, mich zu lösen und die Post eben nicht mehr aufzumachen, aus Besorgnis, es könnte eine Mahnung drin sein, um die ich mich kümmern muss.» Sie meint es ja nur gut, aber auch das, so weiss sie, muss sie sich abgewöhnen, denn letztlich sollen Selma und Tim selbst Verantwortung übernehmen für solche Dinge. Ähnlich geht es Ruth mit den Geheimnissen, in die sie die beiden einweihen. Sie nimmt die Bitte um Vertraulichkeit zwar sehr ernst: «Aber wenn ich meine, damit einen Streit zu schlichten oder ein Problem lösen zu können, habe ich auch schon mal das eine oder andere weitererzählt, das gebe ich zu. Aber nur diskret, es steht dann nicht grad auf Facebook.»

Heute geben Leute alles freiwillig preis

Von solchen Onlineplattformen wie Facebook halten die Zollingers übrigens nicht viel. Selma findet es Zeitverschwendung, und für Manfred ist es eine philosophische Frage: «Wir kommen aus der Generation, die ‹1984› von George Orwell gelesen hat, wir haben den Fichenstaat erlebt und für das Recht auf Privatsphäre gekämpft.» Und heute würden die Leute im Internet alles freiwillig preisgeben. «Für mich ist das unbegreiflich», sagt der Architekt. Nur Tim hat seit Neustem einen Facebook-Account, was er aber daheim nicht an die grosse Glocke hängt.

Auch räumlich ist der 23-Jährige derjenige mit der etwas durchlässigeren Privatsphäre. Als die Familie vor ein paar Jahren ins Haus in Höngg gezogen ist, hat er sich für das einzige Zimmer mit Balkon entschieden. Doch dieser Luxus hat einen Preis: Der Balkon muss allen zugänglich sein. Mittlerweile bereut Tim seine Entscheidung von damals. Vor allem weil Manfred am Abend draussen gern eine letzte Zigarette raucht. «Du fragst mich dann immer aus», beschwert sich der Sohn über dieses Ritual. Der Vater entgegnet gelassen: «Ich will doch bloss wissen, wie es dir geht.» Die zwei werden sich nicht einig darüber, wo das Interesse am anderen in zu viel Nähe und damit eine Verletzung der Privatsphäre kippt.

Privatsphäre ist letztlich auch Ansichtssache und muss, wie viele andere Fragen des Zusammenlebens, verhandelt werden. Das geschieht bei den Zollingers jeweils am Sonntag in der Haussitzung am gemütlichen Küchentisch. Hier wurde unter anderem auch entschieden, dass das Haus nur noch jedes zweite Wochenende offen ist für die zahlreichen Freunde der Kinder. Vor allem Manfred fand es unangenehm, wenn er nach dem Aufstehen am Sonntagmorgen schon mal sieben Paar fremde Schuhe herumstehen sah. «Da habe ich mich in meiner Privatsphäre gestört gefühlt.»

Ruth plagt mehr der Kampf um Ordnung in Wohnzimmer und Küche. «Wenn da ständig jeder alles liegen lässt, fühle ich mich einfach nicht mehr wohl in meinem Haus. Darum müssen sich alle an bestimmte Regeln halten», sagt sie. Und Selma beschäftigen vor allem ihre Freiräume ausserhalb des Hauses: «Ich hasse es, wenn ich ständig ausgefragt werde, mit wem ich wo hingehe oder gewesen bin. Und dass meine Mutter sogar manchmal bei Freundinnen anruft, um zu fragen, wo ich bin.» Aber eigentlich finden sie und Tim, dass ihre Eltern es trotz aller Unstimmigkeiten wirklich gut machen: «Man kann immer zu euch kommen und offen über alles reden. Und das ist doch das Wichtigste.»

Autor: Andrea Fischer

Fotograf: Vera Hartmann