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26. Juni 2015

Meine Sommerliebe

Zu einem unbeschwerten Flirt lassen wir uns in den heissen Monaten leicht hinreissen. Doch wie lange halten die Gefühle an? Drei LeserInnen erzählen vom Sommer ihres Lebens.

Meine Sommerliebe
Zu einem unbeschwerten Flirt lassen wir uns in den heissen Monaten leicht hinreissen. Doch wie lange halten die Gefühle an? Drei LeserInnen erzählen vom Sommer ihres Lebens.

Die Haare werden heller, die Sommersprossen deutlicher, die Temperaturen höher, die Partys lauter, die Nächte kürzer und die Gefühle stärker: Sommerzeit ist Flirtzeit. Denn sobald uns Tropennächte nach draussen locken, werden die meisten kommunikativer und spontaner. Perfekte Bedingungen also für neue Bekanntschaften. Gerade in den Ferien – fernab von den Verpflichtungen des Alltags – lassen wir uns auf so manches Abenteuer ein. Die Frage ist nur: Hat der Flirt auf Dauer eine Chance? Was ist, wenn sich der Alltag wieder einschleicht? Wenn der Herbst kommt? Wir haben Paare gefunden, die kulturelle Unterschiede, bürokratische Hindernisse und sogar geogra­fische Distanzen überwinden konnten. So zum Beispiel Désirée Almashaileh, die in der jorda­nischen Wüste das Herz eines Beduinen eroberte und heute mit ihrem Sami in der Schweiz lebt. Oder Maja Zivadinovic, die beim Besuch eines Friseursalons in der Türkei nicht nur Trinkgeld, sondern auch ihre Handynummer zurückliess. Einen Sommer später stand sie wieder am Flughafen. Ihr Ticket: Zürich–Antalya einfach.

Aber auch zu Hause in der Schweiz können Amor und Schicksal ganze Arbeit leisten. So wie bei Corinne Schmidlin und David Kengelbacher. Die beiden trafen sich 2009 erstmals an einem Konzert und liessen sich danach erst mal etwas Zeit. Vier Jahre später kams an einem anderen Konzert zum Wiedersehen. Heute sind die beiden ein Paar und beweisen: Manchmal klappts im zweiten Anlauf. Und manchmal sorgt der Gedanke an das baldige Ende des Ferienflirts erst recht für eine Extraportion Gefühle. Denn schon Shakespeare wusste: «Kurz nur währt des Sommers Herrlichkeit.»

Désirée (26), Sekretärin: In der Wüste die grosse Liebe gefunden

Die beiden fanden ihr Glück in der Wüste.
Désirée und Sami Almashaileh

«Die Beduinenkultur hat mich schon immer fasziniert: 2010 habe ich während vier Monaten mit Beduinen in Ägypten im Sinai zusammengelebt. Es sollte nicht meine letzte Begegnung mit dem Wüstenvolk bleiben. Meine ­Romanze mit Sami begann in der jordanischen Felsenstadt Petra. Dort checkte ich im Sommer 2013 zusammen mit einer Freundin im Seven Wonders Bedouin Camp ein, das im Besitz der Familie Almashaileh ist. Meine Freundin buchte am zweiten Tag einen Reitausflug, und Sami war unser Guide. Es entwickelte sich schnell eine unglaubliche Vertrautheit zwischen uns. Wir sassen den ganzen Abend am Feuer, und ich habe versucht, den Gedankenan die Abreise zu verdrängen. Nach einer schlaflosen Nacht reiste ich schweren Herzens zurück nach Hause. Danach haben wir täglich telefoniert. Knapp drei Monate später wollte ich über meine Gefühle im Klaren sein. Also reiste ich allein nach Jordanien, um zehn Tage mit Sami zu verbringen. Ich durfte seine Familie kennenlernen, und seit diesem Besuch sind wir ein Paar. Sami teilte mir mit, dass er mich bald in der Schweiz besuchen werde. Weihnachten 2013 feierten wir schliesslich hier – zusammen mit der Familie seines Bruders, die in der Westschweiz lebt. Bevor wir uns wieder voneinander verabschiedeten, ­haben wir uns verlobt. Im August 2014 war ich dann ­nochmals mit meinem Vater in Jordanien, damit sich ­unsere ­Väter treffen konnten. Seit September 2014 lebt Sami bei mir in Zürich, und seit November sind wir ­verheiratet. Das Einzige, was uns jetzt noch fehlt, ist ein neuer Job für meinen Mann.»

Corinne Schmidlin (27), HR-Angestellte: Ein Date wie im Film

Sie haben sich erst mal ein wenig Zeit gelassen
Corinne und David schmidlin

«Meine Kollegin Sandra und ich (ursprünglich aus dem Baselland) besuchten 2009 ein Konzert von Oasis und trafen dort zwei Thurgauer Jungs. David und ich ­haben uns auf Anhieb verstanden und dennoch brach der Kontakt ab. Vier Jahre später reiste ich mit einer Kollegin und ihrem Freund für das Konzert der Toten Hosen in die Ostschweiz. Am Vorabend postete ich ein Foto der St. Galler Skyline auf Facebook. Unerwartet erhielt ich eine Nachricht von David, der ebenfalls ans Konzert ging. Ich hatte zwar schon ein mulmiges Gefühl … Wie sieht er nun nach vier Jahren aus? Erkennen wir uns überhaupt noch nach so einer langen Zeit? Doch durch die grosse Menschenmenge und den schlechten Handyempfang im Stadion verpassten wir wiederum die Chance auf ein Wiedersehen. Eine Woche später kam es endlich zum ersten Date auf dem Bodensee. Das war wie aus einem Film. Bald war klar: Wir wollen nicht nochmals vier Jahre verstreichen lassen, sondern zukünftig gemeinsam durchs Leben gehen. Nun wohnen wir seit mehr als einem Jahr in einer gemeinsamen Wohnung in Amriswil TG. Am 29. Juni, sind wir seit zwei Jahren zusammen.»

Maja Zivadinovic (35), Journalistin: Das perfekte Jahr in der Türkei

Der Coiffeur und die Journalistin lebten ein Jahr zusammen in der Türkei
Maja und Ferhat

«Eigentlich wollte ich von Ferhat bloss eine neue ­Frisur. Dass ich später mal zum wunderschönen Coiffeur in die Türkei ziehen würde, hätte ich nicht gedacht, als ich ihn 2006 zum ersten Mal sah. Ich habe ihm nach dem Salonbesuch meine Handynummer auf die Quittung ­geschrieben. Am selben Abend gingen wir etwas trinken. Für mich war sofort klar: Das ist kein Ferienabenteuer. Nach meiner Rückkehr in die Schweiz pendelten wir ein Jahr lang hin und her. Es war schön, aber auch anstrengend. Irgendwann konnte ich nicht mehr. Also wurde ich Reiseleiterin, und wir zogen total verliebt in unsere gemeinsame Wohnung am Strand von Antalya. Ein Jahr lang war alles perfekt. Allmählich realisierte ich jedoch, dass Reiseleiterin kein Job auf Dauer und mein Zuhause in Zürich ist. Also musste ich mich entscheiden – denn auch er wollte seine Heimat nicht verlassen. Nach der Trennung habe ich ihn noch einige Male besucht; heute gratulieren wir uns bloss noch zum Geburtstag. Dennoch war es eine wundervolle Liebesgeschichte. Vielleicht gerade, weil wir immer wussten, dass sie nicht für immer sein würde.»

Autor: Anne-Sophie Keller

Fotograf: Rinah Lang