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23. Juni 2014

Porträt einer Gassentierärztin

Tierärztin Igna Wojtyna und Gassenarbeiterin Mirjam Spring haben ein Herz für Hunde und Katzen von Obdachlosen. Einmal pro Woche organisieren sie in Zürich eine Sprechstunde.

Berät und tröstet, impft und entwurmt: Igna Wojtyna kümmert sich als Gassentierärztin um Mensch und Vierbeiner.
Berät und tröstet, impft und entwurmt: Igna Wojtyna kümmert sich als Gassentierärztin um Mensch und Vierbeiner.

Sie leisten medizinische Hilfe und spenden Trost. Tierärztin Igna Wojtyna (37) und Projektleiterin Mirjam Spring (43) kümmern sich um Menschen und Vierbeiner, die am Rand unserer Gesellschaft leben. Verletzte Pfoten, Impfungen, Zahnstein entfernen oder sich einfach nur die Sorgen des Anderen anhören – in der Gassentierarzt-stube in Zürich gibt es jede Woche neue Herausforderungen zu bewältigen.

«Schnuckiputz, nöd so chlämme!» Ein amüsiertes Raunen erfüllt den kleinen Raum, in dem sich bereits eine halbe Stunde vor Türöffnung mehrere Randständige eingefunden haben. Die weit geöffneten Pupillen der dreifarbigen Katze Zora signalisieren, dass sie Igna Wojtynas Fiebermesser gar nicht goutiert. Laut Besitzerin Claudine ist etwas mit der Pfote nicht in Ordnung. Geduldig erklärt die Tierärztin, was nun bei Zora alles zu tun ist. Seit drei Jahren engagiert sie sich neben ihrer Privatpraxis und einem Gassentierarztprojekt in Bern für Menschen, denen Wohlstand nichts, das Tier aber alles bedeutet. Die das Leben für kurze oder längere Zeit aus der Bahn geworfen und auf die Strasse getrieben hat.

Initiantin dieser ambulanten tiermedizinischen Sprechstunde ist Mirjam Spring. Seit neun Jahren kümmert sich die erfahrene Gassenarbeiterin um Menschen und Tiere in Nöten, dank privater Spenden und einer Defizitgarantie der Sozialwerke Pfarrer Sieber. Jeden Montagnachmittag steht sie zusammen mit Igna Wojtyna in der winzigen Gassentierarztstube in einer ruhigen Seitengasse mitten in Zürich. Verblichene Hundefotos an der Wand, ein kleiner Medikamentenschrank und zwei Sofas, für mehr gibt es weder Platz noch Geld. Keine chromglänzenden Instrumente, kein OP-Tisch, keine Infusionsständer, keine Tiegel und Töpfchen. Die beiden Frauen haben gelernt, aus dem Wenigen etwas Nachhaltiges zu machen. Da werden Schlappohren gereinigt, Impfstoffe gespritzt, Herztöne überprüft, Wurmtabletten verschrieben und Mittel gegen Entzündungen verabreicht. Man tröstet, rügt, berät und schafft so etwas wie Geborgenheit. Die beiden Frauen erkundigen sich nach dem Wohl der Tierbesitzer. «Äs isch grad alles wider ämal i dä Luft.» Der schmächtige junge Mann krault nachdenklich das dichte, schwarze Fell seiner Hündin.

Auch Obdachlose sollen das Recht haben, ein Tier zu halten

Über das Tier erreiche man den Menschen. Diese finden nicht nur aus der Schweiz, sondern auch aus dem benachbarten Ausland den Weg in die Gassentierarzt-Sprechstunde. Es spricht sich in der Szene herum, dass man da Rat und tierärztliche Hilfe erhält. Mirjam Spring ärgert, dass sie sich oft für diese Arbeit rechtfertigen muss. Da gäbe es doch tatsächlich Leute, die der Ansicht seien, Randständige hätten kein Recht, ein Tier zu haben. Gar kein Verständnis hat sie für den Vorwurf, dass sich Obdachlose Tiere hielten, um einen finanziellen Zustupf von der Sozialhilfe zu erhalten. Lediglich die Hundesteuer würde von den Sozialämtern übernommen. Für alle weiteren Kosten müsse der Tierhalter selbst aufkommen. Auch dass die Tiere mehrheitlich in einem schlechten Zustand seien, lässt sie nicht gelten. «Vernachlässigte Tiere sind die Ausnahme. Die gehören meist Leuten, die auf der Durchreise durch die Schweiz sind.»

Da ist Bruno, ein hochgewachsener Bursche in tarnfarbenen Hosen und mit einer beachtlichen Menge Metallschmuck in den Nasenflügeln. Bruno macht sich Sorgen um die Augen seines übermütigen Welpen Intus Maximus. Ein «100 Prozent reinrassiger Mischling», wie er mit einem Schmunzeln erklärt. Während die Tierärztin den jungen Hund untersucht, lässt Bruno alle im Raum wissen, dass er es geschafft habe, die ganze Woche keinen Tropfen Alkohol zu sich zu nehmen. Der Applaus macht ihn etwas verlegen. Zu verdanken habe er dies seinem Hund, der halte ihn vom Trinken ab. Mit Augensalbe und Wurmtabletten ziehen die beiden davon.

Knapp bei Kasse – lieber Alkohol oder eine Behandlung fürs Tier?

Es gibt Momente, in denen die Tierärztin mit den Tränen kämpft. Wenn sie an die zum Teil unwürdigen und elenden Lebenssituationen mancher Frauen und Männer auf der Strasse denkt. Igna Wojtyna fragt Flu, eine junge Frau, die mit ihrer Hündin Leila da ist: «Wie sieht es heute mit dem Geld aus?» Flu, die eigentlich Tierarztgehilfin werden wollte und jetzt auf der Strasse lebt, zupft etwas betreten an der Leine. Die Tiersprechstunde ist nicht gratis. Auch wenn die Preise reduziert sind, so ist es ab und zu eine kleine Herausforderung, die offene Rechnung zu begleichen. «Wir betreiben hier keine Sozialromantik», sagt Mirjam Spring. Es sei eine pädagogische Massnahme, welche die Tierbesitzer zwinge abzuwägen, was nun wichtiger ist: das wenige Geld in Zigaretten oder Alkohol zu investieren oder ihre Lieblinge gut versorgt zu wissen. So wird das Münz aus allen Hosentaschen zusammengeklaubt. Das ganze Geld habe sie gerade in ein Hunde-GA investiert, sagt Flu, die junge Frau. Sie darf den Betrag beim nächsten Besuch begleichen.

«Meinst du, Martin schafft es heute?» Igna Wojtyna wirft einen Blick durch das raumgrosse Fenster. Draussen rauscht der Feierabendverkehr, die Frauen warten auf den letzten «Kunden». Martin schafft es. Der sichtlich durch Krankheit geschwächte junge Mann führt eine Hündin ins Zimmer. Seine Tamira habe Schmerzen in den Hüften. Noch kann Igna Wojtyna keine endgültige Diagnose stellen, da ein Röntgengerät fehlt. So erhält Tamira fürs Erste eine schmerzlindernde Spritze. Sollte ein Röntgenbild zur weiteren Abklärung unumgänglich sein, würde es bei einem befreundeten Tierarzt durchgeführt und aus Spendengeldern finanziert. «Ich seh, dir geht es wieder gut, du lachst ja schon wieder.» Martin tätschelt Tamiras Kopf. Die beiden Frauen lächeln.

Es war ein guter Tag heute, sie konnten rund zehn tierischen Patienten helfen. Auf der Heimreise bleibt Zeit, den Traum von einem Tierarztmobil weiterzuträumen. Mit Operationstisch und allem Drumherum. Damit Igna Wojtyna und Mirjam Spring da sein können, wo sie gebraucht werden: auf der Gasse.

Autor: Isabella Fischer