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06. Juli 2015

Politiker bitte lächeln!

Bänz Friedli hat vom Wahlherbst schon genug.

Wie sieht es bei Ihnen aus, auch schon alles voller Plakate? Unsere Stadt ist bereits zugekleistert, dabei finden die eidgenössischen Wahlen erst in vier Monaten statt. Besonders ein Herr, der gern Ständerat würde, gibt seit Wochen wahlkämpferisch Gas und erscheint mir auf Schritt und Tritt in Überlebensgrösse. Da es bei uns neuartige gläserne Litfasssäulen gibt, mehrere Meter hoch, in deren Innern ein Sujet rotiert, fühle ich mich, wenn ich am Albisriederplatz auf den 72er warte, schon fast ein wenig verfolgt: Der Kerl dreht sich buchstäblich nach mir um. Mal blickt er betont pfiffig, mal entledigt er sich lässig-lasziv seiner Krawatte und möchte dabei wohl ein bisschen wie James Bond aussehen – wirkt aber eher wie Mister Bean: lach- statt ernsthaft.

Einen «sachlichen Wahlkampf» werde er führen, hat der Herr noch im Frühjahr versprochen, nun tut er just das Gegenteil. Sein Name ist unerheblich, denn indem er so stark auf den optischen Auftritt setzt, steht er für viele, leider. Als würden wir Models wählen und nicht Persönlichkeiten; Gesichter, nicht Haltungen. An denen feilt er übrigens noch, unser Kandidat. Eben hat er sich noch gegen eine zweite Gotthardröhre für Autos ausgesprochen, aus Umweltgründen, wie er anmerkte – neuerdings ist er dafür. Auf sanften Druck der Partei, anscheinend. Aber Hauptsache, das Lächeln sitzt.

Sorry, dazu fällt mir der britische Politiker Boris Johnson ein. «Meine Sicht zu Drogen?», fragte er einst mitten im Wahlkampf, «die hab ich grad vergessen.» Das war möglicherweise Selbstironie, denn dass der «rote Boris» auch gern mal illegale Substanzen konsumierte und diese möglicherweise zu seiner Zerstreutheit beitrugen, war bekannt. Dann aber setzte er noch einen drauf: «Wenn Sie mich und meine Partei wählen, bekommt Ihre Frau grössere Brüste», versprach er, «und Ihre Chancen, einen BMW zu besitzen, steigen.» Man darf das mit Fug als Satire verstehen: Grandios veräppelte Mister Johnson den Zirkus um hohle Phrasen und leere Versprechungen. Nur: Er wurde gewählt. Offenbar wollen wir Wählerinnen und Wähler belogen werden. Dennoch ist mir vor den kommenden Wochen und Monaten etwas bang, wenn ich feststellen muss, welch bedenkliches Niveau der heurige Wahlkampf schon früh erreicht hat. Brunner an Darbellay: «Der kümmert sich nur noch um seine Handybilder statt um Politik.» Darbellay an Brunner: «Wenn Brunner spricht, setze ich den Ohrschutz auf.» Müller an alle beide … Lassen wirs! Ein Vergleich mit Buben im Sandkasten wäre unredlich. Und eine Beleidigung der Buben, denn so doof führen die sich im Sandkasten nicht auf. Das kann ich beurteilen, der Sandkasten unserer Siedlung liegt gleich unter meinem Fenster.

Was nun den Ständeratskandidaten betrifft, der mir momentan an jeder Ecke grinsend auflauert: Verspräche er mir, wenn ich wieder mal auf dem Velo an ihm vorbeisause, einen BMW, wüsste ich wenigstens mit Bestimmtheit, dass ich ihn nicht zu wählen brauche. Ich will nämlich keinen BMW.

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Autor: Bänz Friedli