Archiv
09. Dezember 2013

«Politik ist kein Ego-Job»

Nadine Masshardt
Nadine Masshardt (29), Nationalrätin, SP Bern.

Die jüngste Nationalrätin hat bereits einen grossen politischen Rucksack. Direkt nach der Matura trat Nadine Masshardt der SP bei. Mit 20 gehörte sie bereits dem Langenthaler Stadtparlament an, mit 21 wurde sie ins Berner Kantonsparlament gewählt. Sie studierte Geschichte und Philosophie in Freiburg. Seit März politisiert sie im Bundeshaus und arbeitet neben ihren zahlreichen ehrenamtlichen Engagements – darunter als Co-Präsidentin des WWF Kanton Bern – als Projektleiterin in einer Kommunikationsagentur.

Was wollten Sie als Kind werden?

Für mich war klar, dass es etwas mit Menschen sein muss. Ich konnte mir vorstellen, Kinderkrankenschwester oder Lehrerin zu werden.

Wie haben Sie Ihr erstes Geld verdient?

Mit Babysitten. In meinen Ferien habe ich auch auf der Stadtverwaltung Langenthal geputzt, später habe ich Nachhilfe gegeben.

Waren Sie in der Schule der Streber?

Ich war vor allem eine Leseratte. Der Bibliothekar hat mich schnell gekannt. Ich war eigentlich immer als diejenige bekannt, die auch neben der Schule viel macht. Ich habe beispielsweise sehr intensiv Stepptanz, Ballett, Jazz und Modern getanzt.

Können Sie sich immer durchsetzen oder werden Sie wegen Ihres Alters auch belächelt?

Seit ich politisch aktiv bin, wurde ich immer ernst genommen. Aber ich bin nicht die erste Junge im Parlament: Ursula Wyss, Pascale Bruderer oder Evi Allemann haben sicher Vorarbeit geleistet. Zudem bringe ich trotz meines jungen Alters einen Rucksack mit reichlich politischer Erfahrung mit.

Gelingt Ihnen der Ausgleich zum Berufsleben?

Der Ausgleich zur politischen Arbeit ist mir wichtig. Ich plane bewusst Zeitfenster ein, in denen ich per Mail oder Handy nicht erreichbar bin. In meiner Freizeit gehe ich gerne ins Kino oder mache einen Spaziergang an der Aare. Manchmal greifen Politik und Privatleben ineinander. Das ist auch per se nicht schlimm, muss aber Grenzen haben.

Was macht Ihre Generation aus?

Es ist schwierig, für eine ganze Generation zu sprechen. Aber wir sind sicher geprägt vom Tempo der neuen Medien. Ich spüre bei jungen Leuten eine Sensibilität für Themen wie Atomausstieg, Energiewende, Klimawandel oder Wirtschaftskrise. Unsere Generation hat zudem klare Vorstellungen in Bezug auf Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Den jungen Männern, die ich kenne, ist es beispielsweise wichtig, dank Teilzeitarbeit einen aktiven Beitrag zum Familienleben zu leisten.

Was ist Ihr persönliches Ziel?

In den Nationalrat gewählt zu werden, habe ich bereits erreicht. Nun will ich mich auch auf nationaler Ebene für Umwelt- und Energieanliegen einsetzen. Die Entscheide, die wir heute fällen, haben Einfluss auf unseren Alltag und das Leben zukünftiger Generationen. Das bestätigt mir auch immer wieder mein Team, das mich unterstützt und anspornt. Politik ist nämlich kein Ego-Job! Als kleine Entschädigung erhalten diese jungen Menschen Einblick in die Arbeit einer Politikerin und ich kann sie motivieren, sich ebenfalls zu engagieren.

Ist Ihr Job eher Beruf oder Berufung?

Beides – gerade weil die Politik sehr viel Zeit, Engagement und Motivation verlangt.

Was ist wichtiger, Sinn oder Status?

Der Sinn. Meine Motivation ist es, in der Gesellschaft mitzubestimmen. Ich will etwas verändern.

Wie wichtig ist Ihnen Ihre Karriere?

Ich hatte sicher schon als kleines Mädchen einen gesunden Ehrgeiz. Aber ich habe mich nie als Person in den Vordergrund gestellt, sondern die Inhalte und Ziele, für die ich mich einsetze. Entscheidend ist die Motivation, etwas mitzugestalten. Wichtig ist für mich nicht das Amt an sich, sondern die Verantwortung, die ich trage. Für politische Karrieren gibt es sowieso keinen Masterplan.

Wie wichtig ist Ihnen Erfolg?

Wenn ich für ein Anliegen politisch eine Mehrheit finde, sind dies natürlich schöne Erfolgsmomente. Aber noch entscheidender als der kurzfristige Erfolg ist die Glaubwürdigkeit: Ich fordere, was ich lebe, und lebe im Alltag, was ich politisch fordere.

Was wurde Ihnen in die Wiege gelegt?

Ich habe einen sehr starken Gerechtigkeitssinn. In meiner Kindheit haben wir auch viel am Familientisch diskutiert, das hat mich geprägt.

Hatten Sie auch Stolpersteine in Ihrem Leben?

Die gehören dazu. Gerade bei Wahlen braucht es immer auch ein Quäntchen Glück. Als ich 2007 das erste Mal für den Nationalrat kandidierte, wurde ich knapp nicht gewählt, weil die SP im Kanton Bern einen Sitz verlor. Da war ich natürlich enttäuscht.

Wo sehen Sie sich in 30 Jahren?

Ich halte nicht viel von Spekulationen. Klar ist aber: Im Nationalrat werde ich dann nicht mehr sein. Aber es kommen bestimmt neue erfüllende Aufgaben dazu.

Autor: Silja Kornacher

Fotograf: Tanja Demarmels