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31. August 2015

Politik: die Stimme der Jugend

Die Interessen der Jugendlichen sind in Bern schlecht vertreten. Damit sich das ändert, gibt es Easyvote. Fünf Neuwähler über ihre Motivation, im Herbst erstmals an die Urne zu gehen.

Eines vorweg: Es stimmt nicht, dass die Jugend immer unpolitischer wird. Die Wahlbeteiligung der 18- bis 24-Jährigen ist zwischen 1995 und 2011 von 21 auf 32 Prozent gestiegen. Das zeigt die Schweizer Wahlstudie Selects, welche die Beteiligung an den National- und Ständeratswahlen seit 20 Jahren verfolgt.

Was hingegen stimmt: Die Interessen der jüngeren Generation sind in Bern schlecht vertreten. Denn während nur jeder dritte junge Erwachsene wählt, geben bei den über 65-Jährigen zwei von drei ihre Stimme ab. Das fällt umso stärker ins Gewicht, als es mehr als doppelt so viele Rentner wie 18- bis 24-Jährige gibt. Das heisst, 250 000 Jungwähler treten gegen rund 1 Million Altwähler an.

Ein Grund, warum Jugendliche ihr Wahlrecht nicht wahrnehmen, ist Überforderung. Junge Erwachsene scheitern an politischen Begriffen, kennen die Positionen der Kandidierenden nicht, oder der Wahlakt ist ihnen generell zu schwierig. Das zeigt eine Studie des Forschungsinstituts GFS, die 2014 vom Dachverband Schweizer Jugendparlamente in Auftrag gegeben wurde. In diesen Parlamenten sind Jugendliche organisiert, die bereits politisch engagiert sind.

Sie haben 2012 das Projekt Easyvote lanciert, mit dem sie junge Erwachsene für Politik begeistern wollen – unter anderem mit jugendgerecht aufbereiteten Abstimmungs- und Wahlunterlagen.

Im Hinblick auf die nationalen Wahlen haben sich die Schweizer Jugendparlamente zum Ziel gesetzt, 20 000 zusätzliche Jungwähler zu mobilisieren. Langfristig soll die Wahlbeteiligung der Jungen auf 40 Prozent gesteigert werden. Easyvote setzt den Fokus auf Neuwähler zwischen 18 und 23 Jahren, die das erste Mal an der Wahl der National- und Ständeräte teilnehmen können. Die Wahlkampagne ruft sie auf, sich als Wahlhelfer zu beteiligen und ihre Kolleginnen und Kollegen zu informieren, motivieren und mobilisieren.

Und der Spassfaktor kommt dabei auch nicht zu kurz: Wahlhelfer können Punkte sammeln und einen Wettbewerb gewinnen. Abgerechnet wird am 8. Oktober, dem nationalen Jugend-wahltag: Wer an diesem Tag am meisten Freunde mit dem Wahlcouvert an den Briefkasten bringt, macht das Rennen.

Inzwischen sollen sich bereits 300 Jungwähler und Jungwählerinnen als Helfer registriert haben. Und das, obwohl die Kampagne offiziell erst am 8. September startet. Zu diesem Zeitpunkt werden auf der Easyvote-Homepage weitere nützliche Funktionen aufgeschaltet, wie etwa ein Tool, mit dem junge Erwachsene jene Kandidierenden finden können, die ihre Interessen am besten vertreten.

Laura Sarro (18), Serviceangestellte, Goldach SG

Laura Sarro (18), Serviceangestellte
Laura Sarro (18), Serviceangestellte

Wir haben die Wahlen in der Schule durchgenommen. Das hat mich interessiert. Es geht um die Schweiz. Hier wohne ich, und hier will ich mitreden. Zudem denke ich: Wenn wir dieses Recht schon haben, dann sollten wir es auch nutzen.

Fabian Gürtler (20), Geomatiker, Ormalingen BL

Fabian Gürtler (20), Geomatiker
Fabian Gürtler (20), Geomatiker

Ich will die Zukunft unseres Landes nicht nur der älteren Generation überlassen. Damit, was heute beschlossen wird, muss meine Generation in Zukunft leben. Zudem haben wir andere Interessen: Für uns sind zum Beispiel Bildung und öffentlicher Verkehr wichtiger als vielleicht für eine ältere Generation.

Melanie Köchli (18), Architekturzeichnerin, Sarmenstorf AG

Melanie Köchli (18), Architekturzeichnerin
Melanie Köchli (18), Architekturzeichnerin

In Bern wird die Zukunft gemacht, meine Zukunft. Ich möchte zum Beispiel nicht, dass bei der Bildung gespart wird. Auch die Umwelt ist mir wichtig. Darum wähle ich Leute, die sich für erneuerbare Energie und ein gutes Bildungssystem einsetzen.

Leonard Flach (19), Student Internationale Beziehungen, Rotkreuz ZG

Leonard Flach (19), Student Internationale Beziehungen
Leonard Flach (19), Student Internationale Beziehungen

Die Politik beeinflusst unser ganzes Leben. Sie bestimmt, wie viel Ferien wir haben, wie viel wir verdienen und wie viel nach allen Abgaben Ende Monat noch im Portemonnaie bleibt. Da wäre ich blöd, wenn ich nicht wählen gehen würde.

Vuong Truong (22), Sanitärinstallateur, Wil SG

Vuong Truong (22), Sanitärinstallateur
Vuong Truong (22), Sanitärinstallateur

Meine Eltern sind vor dem Kommunismus in Vietnam geflüchtet. Darum bin ich sehr froh, in einer Demokratie zu leben und ein Mitspracherecht zu haben. Am politischen System der Schweiz gefällt mir, dass es eine grosse Auswahl an Kandidierenden gibt – darunter sind auch Leute, die wie ich ursprünglich aus einem anderen Land stammen.

Autor: Andrea Freiermuth