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08. August 2016

Pokémon Go macht die Schweiz zur Spielwiese

Das Handyspiel hat auch hierzulande einen regelrechten Hype ausgelöst. Was auf den ersten Blick einfach Spass macht, ist zukunftsweisend. Die verwendete Technik wird bald auch in Forschung und Medizin zur Anwendung kommen, sagt Videogame-Experte Marc Bodmer.

Viele Schweizer jagen Pokémon-Go-Monster
Pokémon-Fieber: Seit dem 14. Juli irren auch in der Schweiz Menschen mit Handys vor dem Gesicht durch die Gegend, um putzige Monster zu fangen. (Bild: Keystone)

Sie strömen scharenweise auf Plätze, sind fieberhaft suchend in Gebüschen anzutreffen, fuchteln dabei mit ihren Smartphones herum und legen in manchen Städten sogar den Verkehr lahm: Für Fans des Handyspiels Pokémon Go ist die Welt seit ein paar Wochen eine grenzenlose Spielwiese.
Die Augmented-Reality-Technologie vereint dabei die reale mit der virtuellen Welt. Auf dem Handybildschirm sieht man einen Strassenplan des persönlichen Standorts und eine Karte, auf der die Pokémons erscheinen. Ziel ist, möglichst viele der 151 virtuellen Monster einzufangen.

Angereicherte Welt
Im Vergleich zu Virtual Reality wird die reale Welt nicht ausgeblendet, sondern ergänzt. Bekannt ist die Technologie aus der TV-Sportberichterstattung. Dort zeigen etwa eingeblendete Linien in einer Fussballwiederholung, ob ein Spieler im Abseits stand.
Bereits über 75 Millionen Spieler haben das Game heruntergeladen; seit dem 14. Juli grassiert das Pokémon-Fieber auch in der Schweiz. In Zürich und Bern gab es sogar spezielle Nachtwanderungen.

Vor allem bei jungen Erwachsenen ist die Begeisterung gross: Viele sind mit der Gameboy-Version von Pokémon aufgewachsen. Weil die Spieler ständig auf ihre Bildschirme starren, gab die Schweizerische Unfallversicherung eine Warnung vor Stolperunfällen heraus.

Augmented Reality ist zukunftsweisend, sagte Robert Sumner von der ETH kürzlich gegenüber «20 Minuten»: «Sie wird in fünf Jahren unseren Alltag prägen.» 

Marc Bodmer (52) ist Videogame-Experte
Marc Bodmer (52) ist Videogame-Experte

«Ich finde das Spiel sehr sozial: Es schafft Zufallsbegegnungen, und man hilft einander»

Marc Bodmer (52) ist Videogame-Experte und leitete an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften das Projekt «Medienkompetenzförderung».

Marc Bodmer, derzeit irren zahlreiche Schweizer mit ihren Smartphones umher. Überrascht Sie der Hype um Pokémon Go?

In dieser Dimension schon. Aber der Erfolg ist ein klassischer Interneteffekt: Masse zieht Masse an. Auf der psychologischen Ebene ist der Hype also nicht erstaunlich. Die Leute wollen Teil von etwas Grösserem sein und kommen dort zusammen, wo es schon viele andere Menschen hat.

Die Spieler sind dabei stark auf ihre Handys fokussiert. Macht das Spiel asozial?

Die Miesepeter finde ich mühsam. Früher sagte man den Gamern, sie sollen mal an die frische Luft. Jetzt ist es auch nicht recht. Ich finde das Spiel sehr sozial: Es schafft Zufallsbegegnungen, und man hilft einander mit Tipps zur Suche weiter.

Was sind Risiken?

Es besteht die Gefahr, dass man sich zu fest in dieses Jagdfieber hineinsteigert und dabei das Umfeld vergisst. Gerade verkehrstechnisch kann das gefährlich sein. Das gilt aber auch für Menschen, die beim Schreiben von SMS in Dinge hineinlaufen.

Viele ärgern sich über das neueste Update. Seltene Pokémons seien schwieriger zu finden, und allgemein sei das Fangen erschwert. Sollten Updates ein Spiel nicht verbessern?

Ein Mantra der GameIndustrie ist: Keep it fresh. Man muss laufend Dinge erneuern und neue Inhalte kreieren. Dass bei solchen Updates auch Sachen schieflaufen, ist nicht überraschend. Wenn man 75 Millionen User hat, gibt es bestimmt auch einige darunter, die mit den neuesten Updates nicht einverstanden sind und sich dann melden. Man muss also vorsichtig sein, ob diese Kritik berechtigt ist oder ob Medien ein Ende des Hypes herbeireden wollen. Wirklich ärgerlich ist die Tatsache, dass die App oft abstürzt und sehr viel Akkustrom frisst.

Ärgerlich ist die Tatsache, dass die App oft abstürzt und sehr viel Akkustrom frisst.

Augmented oder auch Virtual Reality sind die Themen der Stunde. Welche neuen Möglichkeiten ergeben sich für unseren Alltag?

In der Architektur wird bereits mit beiden Technologien gearbeitet. Man kann etwa sehen, wie ein Haus mit einem zusätzlichen Stockwerk aussehen würde. Auch in der Medizin oder in der Forschung werden die neuen Technologien vermehrt zum Einsatz kommen. Die Möglichkeiten sind grenzenlos.

Was sind mögliche Gefahren?

Bei Virtual Reality kriegen viele ­Leute Kopfschmerzen, manchen wird es schlecht – also ähnliche ­Phänomene wie bei 3-D-Filmen. Zudem ist ein gutes Virtual-Reality-Erlebnis sehr intensiv, da man komplett in eine andere Welt eintaucht. Der realen Umgebung gegenüber ist man taub und blind. Spielt man mit Virtual-Reality-Technologien ein Survival-Horror-Spiel, ist die Anspannung enorm. Man schaut nicht einfach zu wie bei einem Horrorfilm, sondern muss gewissermassen selber flüchten. Wenn man dann von jemandem angetippt wird, kann man sich extrem erschrecken.

Wir verbinden uns immer stärker mit unseren Smartphones. Werden wir zu digitalen Sklaven?

Sinn und Zweck vieler elektronischer Geräte ist die Interaktion mit unserem sozialen Netzwerk. Dieses verlangt eine gewisse Aufmerksamkeit und Pflege. Doch nichts wird jemals den direkten Kontakt ersetzen. Natürlich machen wir im Umgang mit den neuen Medien noch viele Fehler, aber das ist ein Lernprozess. Auch den richtigen Umgang mit Radio oder Fernsehen mussten wir zuerst lernen. Die Argumente der Kritiker bleiben dabei immer ähnlich: Im Viktorianischen Zeitalter wurde der Konsum von Büchern für junge Frauen als kritisch empfunden und verboten: Sie könnten ja auf dumme Ideen kommen oder eine schlechte Haltung entwickeln … 

Autor: Anne-Sophie Keller