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12. November 2012

Platz da!

Familienparkplätze
Familienparkplätze werden oft fehlbesetzt.

Ich hasse das. Schon wieder sind alle breiten Familienparkplätze vor meinem Lieblingsbaumarkt besetzt. (Nur zu, Sie können «Baumarkt» auch durch «schwedisches Möbelhaus», «Shoppingcenter» oder «Hallenbad» ersetzen, wenn das besser zu Ihren persönlichen Erlebnissen passt.) Ich knirsche mit den Zähnen, atme in den Bauch und versuche, der Sache etwas Gutes abzugewinnen: Toll, dass es so viele Familien gibt! Besonders, wenn die nicht nur daheim herumsitzen, sondern die Wirtschaft ankurbeln.

Dann muss unser Van mit der Vierjährigen und der Zweijährigen auf der Rückbank eben in eine normale Lücke rein. Nein, das Parkieren an sich ist nicht das Problem. Wirklich nicht. Wohl aber das Aussteigen. Auf Schweizer Parkplätzen ist es nämlich – verzeihen Sie meine Direktheit – saueng. Ich quetsche mich also zwischen Tür und Angel, schnalle Kind Nr. 1 (Ida) ab, hebe es heraus, setze es ab und halte dabei die Tür umklammert, damit sie nicht aufschwingt und den Wagen des Nachbars touchiert. Dann schnauze ich das Kleine noch schnell an («Stehen bleiben, hier fahren viele Autos!»), schlängle mich auf die andere Seite, hieve das zweite Kind (Eva) heraus, drehe mich um, merke, dass Nr. 1 losgelaufen ist, lasse vor Schreck die Tür sausen, die mit Karacho gegen Metall donnert, Nr. 2 plärrt, Nr. 1 auch. Ich schwitze. Jetzt nur noch den Buggy aus dem Kofferraum zerren, und wir sind parat.

Da sehe ich aus dem Augenwinkel einen älteren Herrn, der mit federnden Schritten zum Familienparkplatz läuft. Er stellt sein Vertreterköfferchen in den Kofferraum eines dort parkierten Kombis, schwingt sich auf den Fahrersitz und will losfahren. Ich rausche mit den Kindern im Schlepptau über das Parkfeld, klopfe an die Scheibe des Kombis, fuchtle wild herum, der Mann lässt das Fenster herunter. Ich sage das, was mir spontan einfällt: «Sie haben offensichtlich Ihr Kind im Baumarkt vergessen.» Er weiss genau, worauf ich hinauswill, grinst höhnisch und lässt einige unschöne Dinge über Frauen im Allgemeinen und Mütter im Besonderen vom Stapel. Dann fährt er weg. Ohne das Kind, das er gar nicht hat. An der Baumarkt-Information erfahre ich, dass sich solche Szenen täglich abspielen. «Aber was sollen wir machen?», fragt die Dame im orangefarbenen Hemd und guckt ratlos.

Bei Invalidenparkplätzen sieht die Sache anders aus. Dort gibt es zumindest eine gesetzliche Handhabe. Wer seinen Wagen auf einem Parkfeld, das für gehbehinderte Lenker reserviert ist, abstellt und dabei erwischt wird, der zahlt 120 Franken. Es existiert auch ein moralischer Druck, die so markierten Plätze Menschen mit Handicap zu überlassen. Ein Familienparkplatz scheint jedoch eher eine kosmetische Angelegenheit zu sein. Sieht schön aus und klingt auch noch super: Hier haben Familien viel Platz zum Ein- und Ausladen, die Lücke ist übersichtlicher und somit sicherer und so weiter und so fort.

Als ich an jenem Tag den Baumarkt mit einem Eimer Farbe, Abdeckfolie, Pinseln und zwei müden Kindern verlasse, biegt gerade ein SUV auf einen Familienparkplatz ein. Die Fahrerin trägt eine Sonnenbrille und viel Make-up. Ihr Sohn – er heisst laut Heckscheibensticker «Frederic» – hatte wohl keine Lust zu shoppen. Er ist jedenfalls nicht dabei. Ich starte brav meine Bauchatmungsübung. Vor meinem geistigen Auge sehe ich bereits eine Zeitungsschlagzeile: «Mutter mit irrem Blick greift ahnungslose Kundin auf Baumarkt-Parkplatz an.»

Nachtrag: Seit kurzem gibt es bei meinem Lieblingsbaumarkt nur noch drei der ursprünglich fünf Familienparkplätze. Die Felder wurden einer wichtigeren Bestimmung zugeführt. Man kann dort jetzt mehrmals pro Woche grillierte Güggeli frisch ab Anhänger kaufen. Auch ein interessantes Familienangebot.

Auszug aus der Bussenliste der Ordnungsbussenverordnung:

  • Parkieren Invalidenparkfeld: Fr. 120.–
  • Parkieren auf dem Busstreifen: Fr. 120.–
  • Parkieren auf den Strassenbahngleisen: Fr. 120.– (In meinen Augen müsste die Busse in diesem Fall wegen Dummheit mindestens doppelt so hoch ausfallen.)
  • Einstellen der falschen Ankunftszeit auf der Parkscheibe oder Ändern der eingestellten Ankunftszeit, ohne wegzufahren: jeweils Fr. 40.–

Autor: Bettina Leinenbach

Fotograf: Bettina Leinenbach