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31. Juli 2014

Planet der Affen im Basler Zoo

Am 7. August kommt «Dawn of the Planets of the Apes» in unsere Kinos. Wir haben den Film mit dem Kurator der Affenanlage des Basler Zoos angeschaut und ihn gefragt, wie echt die Affen im Film dargestellt sind. Adrian Baumeyer erklärt, wo die Realität endet und die Science-Fiction beginnt.

Als Adrian Baumeyer (34) das Affenhaus betritt, wird er sofort entdeckt. Jacky, eine etwa 48 Jahre alte Schimpansendame, schwingt sich zur Scheibe und streckt ihre Hand in seine Richtung aus. Baumeyer geht zu ihr, berührt die Scheibe an der gleichen Stelle, und Jacky zieht zufrieden weiter. «Sie wollte schnell Hallo sagen», erklärt Baumeyer. Die Affen im Basler Zoo kennen ihren Kurator ebenso wie die anderen Menschen, mit denen sie regelmässig zu tun haben. «Sie beobachten uns genauso intensiv wie wir sie – wenn nicht noch genauer.» Stammgäste im Affenhaus werden ebenso erkannt wie Tierpfleger. «Unseren früheren Tierarzt hassen sie noch heute. Sie verbinden mit ihm zu viel Negatives. Und wenn er auftaucht, herrscht immer grosses Geschrei.» Als der Zoo einmal an einem Tag geschlossen war, sass die ganze Schimpansensippe an der Scheibe und wunderte sich, wo denn all die Menschen geblieben waren.

Adrian Baumeyer, Kurator der Affenanlage im Basler Zoo.
Adrian Baumeyer, Kurator der Affenanlage im Basler Zoo.

«Sie können auch sehr gut Emotionen lesen und erkennen treffend, wie es einem gerade geht. Schlechte Stimmungen versuchen sie manchmal auszunützen, manchmal spenden sie aber auch Trost», sagt Baumeyer. Eine Interaktion zwischen Affe und Mensch findet in der realen Welt also durchaus statt. In «Dawn of the Planet of the Apes» , dem zweiten Teil der neu gestarteten Filmserie zum «Planet der Affen», geht diese Interaktion allerdings noch deutlich weiter und gipfelt in englischer Konversation zwischen den beiden Spezies. Möglich gemacht hat dies ein Serum, mit dem ein Wissenschaftler (James Franco) in «Rise of the Planet of the Apes» (2011) versucht, Alzheimer zu kurieren. Ein Testversuch an einer Schimpansin führt dazu, dass ihr Kind mit einer sehr viel höheren Intelligenz geboren wird als üblich. Weil die Mutter stirbt, zieht der Wissenschaftler den kleinen Schimpansen auf und nennt ihn Caesar. Dieser Caesar führt später die Affen aus der Gefangenschaft von Zoos und Laboratorien in die Freiheit, wo sie sich in den Wäldern nahe San Francisco häuslich einrichten. Parallel dazu rafft ein tödlicher Virus – ausgelöst durch das gleiche Serum – die Menschheit dahin, nur wenige bleiben übrig.

Die Aussenanlage der Menschenaffen
Die Aussenanlage der Menschenaffen.

Dies ist die Ausgangslage des neuen Films, der am 7. August in den Schweizer Kinos startet. Adrian Baumeyer hat sich auf Einladung des Migros-Magazins beide Filme angesehen. «Technisch sind sie extrem gut gemacht, und man merkt, dass die Filmemacher für die Darstellung der Affen fachliche Unterstützung gesucht haben», sagt der Biologe, der seit zwei Jahren als Kurator im Basler Zoo arbeitet. «Das geht so weit, dass die Tiere wie echt wirken.» Besonders gut getroffen findet er die Gorillas und die Orang-Utans. «Die Schimpansen hingegen sind zu gross und einige ihrer Gesichter zu hell. Dadurch sieht zum Beispiel Caesar zu jung aus.» Zudem sei die Mimik der Gesichter zu menschlich. «Schimpansen tragen ihre Gefühle zwar sehr offen zur Schau, deshalb können sie sie auch bei uns so gut lesen. Aber ihre Mimik ist anders als die menschliche, und sie zeigen Gefühle auch durch ihr Verhalten.»

«Ein echter Affenplanet würde ziemlich anders aussehen»

Was im Film völlig fehlt, sind die sehr prominenten, unbehaarten Hinterteile und teils auch deutlich erkennbaren Geschlechtsteile der Schimpansen. Sehr gut getroffen findet Baumeyer dafür das Bewegungsverhalten, mit einer Ausnahme: «Affen gehen normalerweise nicht aufrecht. Das sieht im Film auch eher nach einem Menschen aus, der wie ein Affe zu gehen versucht.»

Baumeyers Hauptkritikpunkte sind das Sozialverhalten, die Kommunikation und die Grundsatzprämisse. «Ein echter Affenplanet würde ziemlich anders aussehen, der bestünde je nach Art aus viel Wald und ein paar offenen freien Flächen. Niemals würden sie sich ein Dorf bauen oder in eine Stadt ziehen wie im Film. Das ist ein Affenplanet, wie sich die Menschen ihn vorstellen.» Schimpansen zum Beispiel sind nomadisch, sie bauen sich ein Nest für die Nacht und ziehen dann weiter. «Sie haben bestimmte Reviere, die sie gegenüber anderen Sippen fast schon militärisch verteidigen, das trifft der Film gar nicht so schlecht, aber sie würden sich niemals so häuslich niederlassen.»

Zudem vermisst Baumeyer zwei Haupttätigkeiten des realen Affenlebens: die Futtersuche und das Grooming. «Gerade männliche Schimpansen pflegen sich sehr häufig gegenseitig das Fell und kraulen einander. Das ist eine wichtige Art der sozialen Kommunikation, mit der oft auch Konflikte beruhigt werden.» Und wilde Affen verbringen deutlich mehr als die Hälfte ihrer Zeit mit Futtersuche. «Eine so grosse Gruppe wie im Film bräuchte enorme Ressourcen.» Auch würden Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans kaum derart kooperativ zusammenleben. «Für einen wilden Schimpansen ist ein Gorilla etwas genauso Fremdes wie ein Mensch. Er findet ihn vielleicht kurz interessant, aber dann wird er ihn ignorieren, solange keine Gefahr von ihm ausgeht.» Überhaupt sind die im Film so wuchtig und aggressiv dargestellten Gorillas die introvertiertesten der drei Arten. «Die sind total friedlich und würden höchstens am Rande stehen und zuschauen.»

Insgesamt findet Baumeyer das Verhalten der Affen im zweiten Film viel zu vermenschlicht. Caesar zum Beispiel hat eine Frau und zwei Söhne, die klar zu ihm gehören. «In der Realität weiss ein Schimpansenmann nicht, ob ein Junges seins ist oder nicht – die Frauen paaren sich immer mit verschiedenen Männern. Der Familienbegriff existiert zwar, bezieht sich aber auf die ganze Gruppe, nicht auf einen bestimmten Partner und spezifische Jungtiere.» Und bei den Gorillas hat ein Mann einen Harem an Frauen um sich geschart. «Das ist ein tolles Leben für jeden Mann, der das schafft, die meisten männlichen Gorillas aber gehen leer aus und führen ein sehr einsames Leben.» Orang-Utans wiederum sind generell eher einzelgängerisch.

Der Film vermenschlicht die Affen zu sehr

Völlig jenseits schliesslich ist die Kommunikation im Film. «Daran wird schon seit Langem intensiv geforscht, und nach heutigem Stand der Dinge haben Affen keine Sprache in unserem Sinn. Sie denken, sie setzen sich mit ihrer Umgebung auseinander, sie haben ein Verständnis für Vergangenheit und auch ein Stück weit für die Zukunft. Aber ihre Kommunikation findet nur mittels Verhalten, Gesten und ein paar wenigen Lauten statt.» Zudem fehlen den Tieren auch schlicht die physischen Voraussetzungen in der Kehle, um Sprachlaute von sich zu geben. Im Film entwickeln die Affen ausserdem einen Sinn für Moral und Ethik, und sie planen strategisch in die weitere Zukunft. «Das alles ist zutiefst menschlich», sagt Baumeyer. «Wilde Affen haben gar keine Zeit für so was. Sie müssen Futter finden und einen Platz für die Nacht. Und sonst sind sie mit ihrer Gruppe beschäftigt.»

Rivalitäten gibt es, aber anders als im Film sind Schimpansen nicht nachtragend. «Der Streit ist laut und heftig, und manchmal auch sehr physisch, aber genauso rasch versöhnen sie sich danach wieder.» Allerdings finden solche Zankereien meist mit untergeordneten Männchen statt. «Eine Rivalität zwischen ranghöheren Tieren wie im Film zwischen Caesar und Koba gibt es kaum. Und wenn zwei streiten, spielt sich das ganz anders ab. Die würden nicht einfach einen Zweikampf machen, da wäre die ganze Horde dabei. Aber ein Schimpanse würde niemals sein Leben riskieren, um recht zu behalten oder gar die Macht zu ergreifen.» Gezieltes Morden sei Affen ebenfalls fremd, sagt Baumeyer. «Es gibt zwar Angriffe und Revierstreitigkeiten, und dabei sterben manchmal auch Affen. Aber mehr, weil ihre Verletzungen dann halt zu stark sind als weil das ein konkretes Ziel gewesen wäre.» Allerdings gehen Schimpansen gezielt auf die Jagd nach anderen, kleineren Affen. «Die werden jedoch nicht erst getötet und dann gegessen, sondern quasi bei lebendigem Leib zerrissen und verspeist.» Und Schimpansen können in gewisser Weise lügen. «Sie sind sehr gut darin, einem etwas vorzuspielen und dann etwas ganz anderes zu machen. Von allen Menschenaffenarten sind sie uns am ähnlichsten.»

So gut Baumeyer seine Schützlinge kennt, er hält Abstand. «Da ist immer mindestens ein Gitter zwischen uns: Affen sind wilde Tiere. Und würde man einfach so in ihr Gehege hineingehen, wäre das extrem gefährlich, weil sie so viel stärker sind als wir.» Die Instinkte des Wildtiers werden selbst bei Affen, die von Menschen von Hand aufgezogen worden sind, zu einem Problem. «Es entsteht dabei zwar eine enge Bindung, durchaus vergleichbar mit der zwischen Mensch und Hund. Aber das Risiko, dass etwas schiefgeht, ist hoch. Dahinter steckt keine Absicht. Aber ein Affe reagiert über Instinkte, und so kann es schon passieren, dass er plötzlich mal einen Finger abbeisst, so wie das im ersten Film auch sehr treffend gezeigt wird.»

Überhaupt gibt der Biologe den Filmemachern alles in allem recht gute Noten – insbesondere im Vergleich mit der alten Filmserie aus den 60er- und 70er-Jahren . Damals allerdings ging es den realen Affen dieser Welt noch viel besser. «Heute sind sämtliche Menschenaffenarten bedroht», sagt Baumeyer. «Das Hauptproblem ist das Verschwinden ihrer Lebensräume: Wir Menschen holzen mehr und mehr ihrer Wälder ab. Das Risiko ist gross, dass die Affen irgendwann nur noch in Reservaten und Zoos überleben können.»

Fotograf: Basler Zoo