Archiv
18. März 2013

«Ihr Kind will eine Lehre machen? Da kann ich nur gratulieren!»

Der Andrang an die Gymnasien ist enorm, der Druck auf Jugendliche auch. Das muss nicht sein, meint Bildungsforscherin Margrit Stamm, denn eine Matura garantiere kein glückliches Leben.

Schweizer Berufslehren
Trotz ausgezeichneter Zukunftschancen fehlt es 
in den Schweizer Berufslehren 
an gutem 
Nachwuchs. (Bild: Getty Images)

Lehre oder Mittelschule? Welche Ausbildungs-Optionen stehen Jugendlichen nach der obligatorischen Schulzeit offen, und wer eignet sich überhaupt fürs Gymnasium?

Margrit Stamm, Sie diagnostizieren bei vielen Eltern eine wahre Bildungspanik. Ist es so schlimm?

Dieser Begriff ist natürlich plakativ, aber er drückt schon aus, was heute stattfindet: Eltern beschäftigen sich sehr intensiv mit ihren Kindern und haben grosse Angst, punkto Förderung etwas zu verpassen. Sie schicken ihre Kinder schon vor dem Schuleintritt ins Ballett, ins Judo oder in den Kinder-Computerkurs, und später werden sie mit Hilfe von Nachhilfestunden durch das Gymnasium und die Universität gepaukt – sie sollen mit allen Mitteln den höchstmöglichen Abschluss machen und mindestens den gleichen Status wie die Eltern erreichen. Da ist der Ausdruck Bildungspanik nicht so weit hergeholt.

Eltern wollen halt – wie ja früher auch schon – das Beste für ihre Kinder.

Ja, klar, aber noch vor 20 Jahren gingen sie das wesentlich lockerer an. Heute ist Kinderhaben weniger eine emotionale Angelegenheit, denn ein durchgeplantes Lebenswerk, und die Eltern haben von Anfang an «vermessene Kinder»: Bereits im Mutterleib werden Wachstum und Entwicklung exakt kontrolliert, und sobald die Kleinen auf der Welt sind, trägt der Kinderarzt in seiner Tabelle ein, ob sie sich schön normgemäss entwickeln. Haben sie später ein Problem, stottern sie beispielsweise, fragen Eltern die Heilpädagoginnen auch schon mal, wie manche Sitzung es dauere, bis das «behoben» sei. Als ob man ein Auto zur Reparatur bringen würde. Hier zeigt sich eine Forderung nach einem gut funktionierenden Kind, eine klare Leistungsorientierung, zu der viele Eltern auch ganz offen stehen.

Viele Eltern sagen aber auch, ihre Kinder hätten Spass an Förderungsmassnahmen wie Frühballett oder Judo, später auch an schulischer Herausforderung.

Ja, viele Kinder haben Freude daran – aber oft haben sie vor allem Freude, weil sie damit ihre Eltern glücklich machen. Kinder wollen ihren Eltern um alles in der Welt gefallen! Andererseits ist im heutigen Umfeld verständlich, dass sich Eltern Sorgen um ihre Kinder machen. Wenn Freunde und Nachbarn ihre Kinder intensiv fördern, erzeugt das Druck, und man möchte seinem Kind dasselbe bieten, ich nenne das «Ansteckungsangst». Dabei vergessen viele Eltern ganz einfach, darauf zu achten, was ihre Kinder wirklich können und wollen. Übertriebene Förderung und die damit verbundene hohe Erwartungshaltung können jedoch den Kindern sehr schaden und schlimmstenfalls zu Depressionen oder Essstörungen führen. Hier wäre dringend ein wenig elterliche Entspannung angesagt.

Das ist nicht einfach, wenn alle anderen Eltern ihre Kinder pushen.

Das ist wahr, im letzten Jahrzehnt ist Bildung extrem wichtig geworden. Ständig ist die Rede von «Potenzial ausschöpfen», da setzt sich bei Eltern rasch der Gedanke fest, sie müssten alles tun, um ihrem Kind die besten Bedingungen zu verschaffen. Es gibt sogar Mittelstandseltern, die nach der Geburt ihrer Kinder aus einem Quartier wegziehen, weil dort zu viele Ausländer wohnen: Was sie für sich selber als bereichernd empfunden haben, könnte jetzt plötzlich die Chancen ihrer Kinder auf einen Platz am Gymnasium schmälern.

Tatsächlich wird heute die Matura für mehr und mehr Berufe verlangt.

Das stimmt nur bedingt: Will jemand unbedingt Kindergärtnerin werden, führt heute tatsächlich kein Weg an der Matura vorbei, und natürlich für alle akademischen Berufe ebenso. Für ganz viele Berufe haben wir jedoch ein fantastisches Berufsbildungssystem, und wer neben einer Lehre die Berufsmatura und vielleicht später eine Fachhochschule absolviert, hat ausgezeichnete Voraussetzungen für die Zukunft, mit Passerelle-Angeboten steht ihnen letztlich sogar die Universität offen. Die Idee und damit der Druck, die Matura sei der einzige Weg zum Erfolg, wird von internationalen Expat-Familien verstärkt, die aus ihrem Land tatsächlich kein ähnliches Berufsbildungssystem kennen.

Da können doch Schweizer Eltern nicht so einfach zurückstehen.

Aber sie sollten die Augen öffnen, nicht blindlings anderen nacheifern und sich ehrlich eingestehen, wenn ihr Kind anderswo glücklicher wäre. Für viele Eltern, besonders Akademiker, ist eine Berufslehre «unter ihrer Würde», dabei kennen sie bloss all die neuen Möglichkeiten nicht. Ausserdem kann elterlicher Bildungsehrgeiz die Kinder tatsächlich weiterbringen – aber nur schulmässig. Was sie später im Leben daraus machen, darauf hat dieser Ehrgeiz keinen Einfluss mehr. Im Gegenteil: Wenn Eltern ihre Kinder in eine Richtung fördern, die ihnen gar nicht wirklich liegt, erreichen sie zwar brave, «antrainierte» Kinder, die gut reproduzieren können, was verlangt wird. Wirkliche Intelligenz jedoch bedeutet, kreativ Probleme zu lösen und selber denken zu können. Das entscheidet letztlich über den Erfolg der Jugendlichen in ihrem späteren Leben.

Übertriebene Förderung kann den Kindern sehr schaden.

Das heisst also für Eltern...

... dass sie sich getrauen dürfen, einen bewussten Gegenpol zum Bildungsdruck aufzubauen und mehr auf Symptome und Botschaften der Kinder einzugehen. Sie sollten sie selbstständig werden lassen und ihnen Verantwortung übergeben. Das heisst, Kinder und Jugendliche müssen auch mal Fehler machen können und daraus lernen, und sie sollen Eigeninitiative ergreifen und dann halt auch einmal Frust ertragen, wenn es nicht klappt. So eignen sie sich Durchsetzungsvermögen, Selbstständigkeit und Eigeninitiative an, und das sind wichtige Fähigkeiten für die Berufswelt.

Was also, wenn ein Jugendlicher das Gymnasium abbrechen und beispielsweise eine landwirtschaftliche Lehre anfangen will?

Wenn das keine Fünfminuten-Idee, sondern ein echter Wunsch ist, sehe ich da kein Problem: Die breitgefächerte Ausbildung zum Landwirt, danach allenfalls die Berufsmatura und später eine Fachhochschule – da stehen einem jungen Menschen ganz viele gute Möglichkeiten offen. Es gibt mittlerweile zu wenig guten Nachwuchs aus Berufslehren und dafür ganz viele arbeitslose Akademiker. Oder solche, die todunglücklich sind, weil sie irgendwo auf einem administrativen Posten versauern, den sie sich überhaupt nicht gewünscht haben. Viel wichtiger als die Frage «Matura oder Lehre» finde ich, dass junge Menschen überhaupt einen Abschluss machen: Eine seriöse Ausbildung ist zentral.

Manche Eltern hätten dennoch lieber, ihre Tochter würde Ärztin statt Coiffeuse.

Ja, das ist eine Herausforderung an Eltern. Aber letztlich ist es doch ein Geschenk, wenn ein Kind sagen kann, was es will. Ausserdem wird die akademische Welt völlig überbewertet, und die Matura allein garantiert nicht, dass aus den Jugendlichen glückliche Menschen werden. Hat also ein junger Mensch einen echten Berufswunsch und entscheidet sich für eine Lehre, kann ich den Eltern nur zu ihrem Kind gratulieren.

Autor: Claudia Weiss