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07. Oktober 2013

Pirouette

Berufstätige Mütter drehen ständig Pirouetten.
Berufstätige Mütter drehen ständig Pirouetten.

Liebe Frau Leinenbach,

Sie haben es schon wieder getan. Wir hatten uns doch darauf geeinigt, dass Sie ehrlicher werden. Nicht nur mit ihren Mitmenschen, sondern auch mit sich selbst. Warum machen Sie schon wieder so, als sei es total easy, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen? Haben Sie schon vergessen, dass Ihr Chindsgi-Kind letzte Woche zwei Mal Spaghetti mit Ketchup essen musste? Bei Frau Meyer von nebenan gab es Grünkernbratlinge mit vitaminreichem Nüsslisalat. Kein Wunder, dass Ida schon wieder eine Schnudernase hat. Armes Kind!

Da schreiben Sie in Ihrer letzten Kolumne gross und breit über diesen tollen Spagat, den sie beherrschen, unterschlagen dabei aber eine ganz wichtige Sache: Wenn man die Beine so weit grätschen muss, dass es wehtut, dann macht man was falsch. Und weh tut es Ihnen doch schon gelegentlich, oder? Ich sage nur: Rücken!

Wenn Sie schon dabei sind, ehrlicher zu werden, dann könnten Sie gleich auch noch fairer werden. Sie tun ja gerade so, als würden die Familienfrauen auf der Stelle verharren. Stimmt nicht. Die Staying-at-Home-Mums bewegen sich sehr viel. Vor allem beim Putzen und beim Kochen. Wer sich zu 100 Prozent um den Nachwuchs kümmert, der dreht so viele Pirouetten, dass einem davon ganz schwindlig wird. Könnte es also sein, dass Sie nur deswegen auf Ihrem Journalistenjob beharren, weil Sie sich vor der richtigen Arbeit daheim fürchten? Waren nicht Sie es, die sagte: Wenn ich immer daheim bin, dann drehe ich durch? Das, verehrte Freundin, sind die Pirouetten, von denen ich vorhin gesprochen habe. Denken Sie nicht, Sie seien zu überqualifiziert für diese Form des Balletts. Nur, weil man für diese Art von Einsatz nicht bezahlt wird, heisst das noch lange nicht, dass das stumpfsinnig ist. Steigen Sie endlich von Ihrem hohen Ross hinab und fangen Sie mit der eigentlichen Arbeit an!

Apropos Arbeit. Haben Sie sich mal gefragt, warum Sie jetzt auch noch Silberfischchen im Bad haben? Vielleicht hätten Sie auch besser mal die Ecken eckig statt rund geputzt. Aber dafür war ja wieder mal keine Zeit. Und wenn Sie dann mal einen Augenblick für Ihre wunderbaren Töchter hätten, dann streicheln Sie lieber Ihr iPhone und ernten bei Hay Day die Felder ab. Wenn Sie mich fragen: Klassischer Fall von Realitätsflucht. Ich hoffe sehr, das rächt sich nicht irgendwann. Ich sage nur: Kinderpsychologe. Vielleicht stimmt es ja, was die Familienfrauen sagen. Dass das Einzige, was ein Menschlein wirklich braucht, sein Mami ist. Und zwar zu 100 Prozent.

Freundlich grüsst Sie Ihr (immer präsentes) schlechtes Gewissen

Autor: Bettina Leinenbach

Fotograf: Oreste Vinciguerra