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14. Juli 2014

Pipieinfach

Der «Unterhosen-Wecker»
Der «Unterhosen-Wecker» klingelt, sobald ein Tropfen Flüssigkeit den Sensor berührt.

Wir Eltern sind unberechenbar. Jahrelang wünschen wir uns, die Kinder mögen endlich durchschlafen. Am Stück, ohne Plärrpausen und ohne Hunger-Durst-Albtraum-Unterbrechungen. Wenn die Kleinen das endlich können, legen wir eine 180-Grad-Wendung hin: Nun wollen wir, dass sie nachts von selbst aufwachen. Aber bitte nur, wenn sie Pipi müssen. (Die Hunger-Durst-Albtraum-Plärr-Regel besteht selbstverständlich weiterhin.) Überraschenderweise fällt es vielen Kindern schwerer als gedacht, nachts ihre Blase zu spüren.

Das Bisi macht nämlich nachts, was es will. Es plätschert entweder in eine Windel (Idealfall) oder durch das Pyjama über das Fixleintuch in die Ritzen der Matratze (Worst Case). Hierzu ein paar Zahlen: 20 Prozent der Fünfjährigen wachen regelmässig in einer Pfütze auf. Bei den Siebenjährigen passiert das noch jedem zehnten Kind. Statistisch gesehen gibt es also in einer ersten Primarschulklasse noch zwei, die abends diese merkwürdigen Windelschlüpfer anziehen müssen (Sie wissen schon, diese Dinger, bei denen man schon aus zehn Metern Entfernung sehen kann, dass es keine Unterhosen sind.)

Ein Statistiker würde sagen: So what? Wenn es so viele Kinder betrifft, dann ist es möglicherweise normal, dass die Blasenkontrolle bei manchen eben langsamer als bei anderen reift. Mit psychischen Problemen hat das übrigens nichts zu tun (obwohl sich das Vorurteil hartnäckig hält). Gut informierte Kinderärzte wissen das auch. Blöd, dass Laien (allen voran Mamis und Papis) weniger nüchtern an das Thema herangehen.

Nein, das nächtliche «Bisle ohni Erlaubnis» ist etwas, über das wir nicht reden – da kann das Kind in der Entwicklung sonst noch so weit voraus sein. Ich nehme mich davon übrigens nicht aus. Aber damit ist jetzt Schluss: Meine Tochter ist gerade sechs Jahre alt geworden und hat bis vor Kurzem keine einzige trockene Nacht erlebt.

Wir waren die ganze Zeit über gelassen. Ida dachte auch nicht viel darüber nach. Bis eine ihrer Kolleginnen den Stapel mit den Pull-ups sah. «Hahaha, häsch du no Windeli?» – Ida machte grosse Augen und nickte. Obwohl ich schnell das Thema wechselte, empfand mein wunderbares Kind zum ersten Mal in seinem kurzen Leben Scham. Plötzlich war die Nachtwindel ein Thema. Als wir unser Kind wenige Wochen später dabei «ertappten», dass es absichtlich kaum noch trank, «damit d Windel troche bliibt», wussten wir, dass nun etwas geschehen musste.

Ich habe schon mehrmals Fachtexte zum Thema Trocken-Werden gemacht (siehe Ende des Textes). Ein Riesenvorteil. Ich musste also nicht erst kopflos herumsuchen, sondern wusste gleich, welche Möglichkeiten es gibt, um die Blasenkontrollreifung zu unterstützen:

  • 1. Medikamente: Das Kind erhält abends ein Hormon, das die Urinausscheidung drosselt. Das funktioniert meistens gut. Diese Methode war aber dennoch nicht unsere erste Wahl. Das Medikament bekämpft nämlich lediglich ein Symptom und nicht die Ursache.
  • 2. Motivationstraining: Nach jeder trockenen Nacht bekommt das Kind ein Sternchen und irgendwann dann ein kleines Geschenk. Das mag in manchen Fällen hilfreich sein. Wir entschieden uns aber gegen die Belohnungsmethode, da wir dem Thema nicht mehr Platz als nötig einräumen wollten.
  • 3. Weckapparat: Ein streichholzschachtelgrosses Gerät wird nachts in die Unterhose eingelegt. Sobald ein Tropfen Feuchtigkeit auf den Sensor kommt, beginnt das Kästchen entweder zu klingeln (was ebenfalls im Kinderzimmer schlafende Geschwister stören kann). Alternativ dazu gibt es auch Apparate, die wie ein Handy vibrieren. In den ersten Nächten erwachte Ida nach dem Pipi. In der zweiten, dritten und vierten Nacht auch. In der fünften Nacht landete nur noch ein Tröpfchen in der Unterhose – und der Rest bereits im WC. Seit der sechsten Nacht schweigt der Unterhosenwecker.

Ida hat gelernt, bei Harndrang aufzuwachen. Unser schönstes Geschenk ist aber nicht die trockene Windel am Morgen, sondern das breite Grinsen unserer Tochter. Wenn nun nochmals jemand fragt, kann sie klarstellen, dass die Pull-ups mit Sicherheit nicht ihr gehören. «Ich bin ja käis Baby meh.»

Weitere Infos unter www.bettnaessen.ch

P.S. Wann haben Sie eigentlich das letzte Mal ins Bett gepinkelt? Bei mir ist das schon eine Weile her – wenngleich ich gelesen habe, dass jeder hundertste Erwachsene betroffen ist. Aber vertiefen wir das nicht weiter…

Geduld bringt trockene Kinder, Artikel aus dem Migros-Magazin vom 22. August 2011.

«Bettnässer sind keine Problemkinder», Interview mit Kinderarzt Stephan König, erschienen im Magazin «wir eltern», Ausgabe 5/2013.

Autor: Bettina Leinenbach

Fotograf: Bettina Leinenbach