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09. März 2015

«Bei diesen Rabatten müssen Sie zuschlagen»

Der Frankenschock verunsichert die Schweiz. Warum Sie als Konsument jetzt zuschlagen sollten und wie Sie Ihr Geld am besten anlegen, erklärt Gérard Piasko, Anlagechef der Vermögensverwaltung bei der Deutschen Bank in der Schweiz.

Gérard Piasko
Gérard Piasko, Anlagechef der Vermögensverwaltung bei der Deutschen Bank in der Schweiz.

Gérard Piasko, Griechenland ist fürs Erste gerettet. Ist nun alles paletti?

Es scheint, dass ein pragmatischer Kompromiss erzielt worden ist, der die Finanzmärkte beruhigen kann. Die zweite Version des griechischen Dramas hat aber nie die Dimension des ersten von 2011 erreicht. Damals lagen griechische Anleihen in den Portfolios des europäischen Privatsektors. Deshalb gab es grosse Verluste an vielen europäischen Aktienmärkten, vor allem bei Bankaktien. Heute sind es vor allem die europäischen Institutionen und der Internationale Währungsfonds, denen Griechenland Geld schuldet.

Das Risiko liegt also nicht mehr bei den Banken, sondern beim Steuerzahler?

Richtig. Wichtiger aber ist, dass damit die Ansteckungsgefahr für andere Länder deutlich gebremst ist. 2011 stiegen auch die Zinsen von italienischen und spanischen Staatsanleihen. Heute sind sie so billig wie noch nie.

Trotzdem: Wäre ein Ende mit Schrecken, ein Austritt von Griechenland aus der Eurozone, nicht sinnvoller gewesen?

Niemand kann Griechenland zwingen, aus der Eurozone auszutreten, und die Griechen wollen dabeibleiben. Daher kommt es bisher nicht zu einer solchen Diskussion.

Deutschland ist traditionell ein Exportland, in Italien und Spanien ist die Binnenwirtschaft wichtiger. Das alles unter einen Hut zu bringen, ist nur schwer möglich.

Wieso gibt man den schwächeren Volkswirtschaften nicht wieder eigene Währungen?

Man möchte in Europa eine gemeinsame Geldpolitik machen, daher führte man die Gemeinschaftswährung ein. Die Wirtschaftspolitik ist jedoch weiter uneinheitlich – nicht zuletzt, weil die europäischen Volkswirtschaften sehr unterschiedlich ausgerichtet sind. Deutschland ist traditionell ein Exportland, in Italien und Spanien ist die Binnenwirtschaft wichtiger. Das alles unter einen Hut zu bringen, ist nur schwer möglich.

Warum also nicht die Einheitswährung in einen Nord- und einen Südeuro aufteilen?

Das würde nur weitere Probleme bringen. Wer gehört zu welchem Euro? Was sollen die Kriterien sein, und wer soll diese überprüfen?

Wir müssen noch effizienter werden – die Pharma- und die Uhrenindustrie machen vor, dass dies möglich ist.

Durch die Aufhebung der Untergrenze zum Euro ist der Schweizer Franken schlagartig um rund 20 Prozent teurer geworden. Wie soll die Wirtschaft das verkraften?

Erstens hat sich der Franken inzwischen vom Tiefstand wieder etwa um die Hälfte abgeschwächt. Zweitens unternimmt die Schweizer Wirtschaft Anstrengungen, um diesen Schock aufzufangen. Wir müssen noch effizienter werden – die Pharma- und die Uhrenindustrie machen vor, dass dies möglich ist.

An den Aktienbörsen sind die damaligen Verluste inzwischen wieder aufgeholt worden. Ist das nicht etwas gar optimistisch?

Nicht unbedingt. Nochmals: Zuerst haben die Märkte übertrieben, aber jetzt ist der Franken nicht mehr 20, sondern nur noch 10 Prozent teurer als beim Euro-Tiefstand im Januar. Zudem haben beispielsweise die Uhrenhersteller die Preise im Ausland sofort erhöht und so einen Ausgleich geschaffen. Dank ihrer starken Marktstellung und der Qualität ihrer Produkte können sie sich das leisten. Die Schweiz hat in der Vergangenheit wiederholt Phasen eines starken Frankens erlebt.

Sagen Sie das einem Hotelier oder einem Maschinenhersteller. Beide warnen vor grossen Arbeitsplatzverlusten.

Tourismus und Maschinenindustrie leiden sicher sehr viel mehr als Uhren und Pharma. Es gibt auch einen grossen Unterschied zwischen dem Schweizer Aktienmarkt und der gesamten Volkswirtschaft – Letztere wird härter getroffen. Das können wir am PMI ablesen, dem Index der Industrieeinkäufer. Das ist ein guter Wirtschaftsindikator, der sich deutlich abgeschwächt hat.

Die Eurozone hat bessere Wachstumsaussichten als wir. Weil sie aber auch unser wichtigster Exportmarkt ist, profitieren wir langfristig ebenfalls.

Der Euro ist günstig, Dollar und Franken sind teuer. Was sind die Folgen für die reale Wirtschaft?

Die Schweizer Wirtschaft erhält derzeit weniger Unterstützung von ihrer Währung als zum Beispiel die Eurozone. Diese hat nun also bessere Wachstumsaussichten als wir. Weil aber die Eurozone gleichzeitig auch unser wichtigster Exportmarkt ist, profitieren wir langfristig indirekt ebenfalls.

Die umstrittene Politik des billigen Geldes der Europäischen Zentralbank (EZB) zahlt sich somit aus?

Geldpolitik ist nur eine Massnahme, um die Wirtschaft zu stimulieren. Wenn die Finanzierung über sinkende langfristige Zinsen günstiger wird, ziehen Kreditwachstum, Investitionen und Konsum oft wieder an. Erste Anzeichen deuten darauf hin, dass dies auch in Europa zu wirken beginnt.

Also ein Erfolg für die EZB?

Es ist eine der wenigen Massnahmen, die der EZB noch zur Verfügung stehen. Aber Geldpolitik allein kann es nicht richten. Jetzt müssen auch Infrastrukturinvestitionen getätigt werden, welche die Produktivität der Wirtschaft erhöhen. Genau das betont auch EZB-Präsident Mario Draghi immer wieder.

Europa müsste also die Gelegenheit beim Schopf packen und mit dem billigen Geld investieren?

Ja, und auch in der Schweiz. Hier fahren wir beispielsweise immer noch auf Autobahnen mit zwei Spuren. Und oft ist eine wegen Bauarbeiten gesperrt. Wir kommen nicht vorwärts, und das ist nicht effizient. Das gilt nicht nur für Autobahnen, sondern auch für andere Bereiche des Verkehrs und der Wirtschaft.

Derzeit profitiert, wer Geld borgen will, während die Sparer leiden.

Billiges Geld für die Wirtschaft in Ehren, aber was ist mit den Sparern? Wie sollen die Pensionskassen die Renten finanzieren, wenn die Zinsen bei Null liegen – oder gar im negativen Bereich?

Es gibt leider immer Gewinner und Verlierer, das gilt auch bei tiefen Zinsen. Derzeit profitiert, wer Geld borgen will, während die Sparer leiden. Dafür sind Aktien interessant.

Was kann man tun, wenn man Geld nicht ausgeben, sondern anlegen will?

Im aktuellen Umfeld muss man seine Investitionen breiter streuen. Mit Obligationen allein ist kein Blumentopf zu gewinnen. Aber das ist nicht neu, die Renditen der Obligationen fallen seit Jahren. Deshalb muss man in andere Anlageklassen diversifizieren, beispielsweise in Aktien mit guten Dividenden.

Piasko sieht Anzeichen, dass es mit der Wirtschaft in Europa wieder aufwärtsgehen könnte.
Piasko sieht Anzeichen, dass es mit der Wirtschaft in Europa wieder aufwärtsgehen könnte.

Auch Immobilien sind gefragt. Steuern wir nicht geradewegs auf eine weitere Immobilien- und Aktienblase zu?

Langfristig sind Blasenbildungen immer möglich, derzeit sind wir aber noch nicht so weit. Und auch mit Obligationen kann man Geld verlieren. Derzeit sind die Renditen bei Immobilien- und Aktienanlagen attraktiv.

Jetzt liegen die Zinsen nicht bei Null, sondern teilweise darunter. Die Finanzwelt steht Kopf. Haben Sie das schon einmal erlebt?

Ja, aber da war ich noch sehr jung.

Damals galt es nur für ganz kurze Zeit und nur für die Schweiz.

Das stimmt. Aber heute haben wir nicht nur Negativzinsen, sondern eben auch eine negative Inflationsrate. Wir Europäer fixieren uns dabei immer auf die Gesamtinflation. Die USA schaut hingegen auf die Kerninflation. Das heisst die Energie- und Nahrungspreise werden herausgerechnet, weil sie sehr stark schwanken. Auch in Europa ist die Kerninflation noch nicht negativ, sondern etwa bei 0,6 Prozent.

Trotzdem haben wir Angst vor einer Deflation, also davor, dass die Preise sinken und Geld immer wertvoller wird. Ist diese Angst berechtigt?

Gefährlich wird eine Deflation dann, wenn die Konsumenten beginnen, mit sinkenden Preisen zu rechnen, und sich deshalb beim Konsum zurückhalten.

Wir haben nicht diese gefährliche Art von Deflation, die es historisch schon gegeben hat.

Wenn ich ein Auto kaufen möchte, soll ich es jetzt tun oder noch ein halbes Jahr warten?

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Woher wissen Sie das so genau?

Es gibt einen verlässlichen Indikator, der darauf hinweist, ob sich die Deflation in den Köpfen der Menschen festgesetzt hat oder nicht: der Index der Konsumentenstimmung. Wenn er über mehrere Monate fällt, dann droht Gefahr. Das trifft heute jedoch nicht zu – weder in der Schweiz noch in Europa. Wir haben nicht diese gefährliche Art von Deflation, die es historisch schon gegeben hat.

Billiger Euro, billiges Öl. Was kann den europäischen Aufschwung noch verhindern?

In der Tat: Der sinkende Ölpreis wird den Konsum beflügeln. Das gilt für Europa weniger als für die USA, weil der Benzinpreis hierzulande einen hohen Steueranteil aufweist. Aber trotzdem wird die Konsumentenstimmung inzwischen sogar in den südeuropäischen Ländern besser.

Profitieren vom billigen Euro nicht primär die eh schon exportorientierten Deutschen?

Das stimmt zwar, ist aber etwas übertrieben. Die verschuldeten Südländer profitieren ebenfalls von den tiefen Zinsen. Und wenn dank des billigen Euros mehr Amerikaner und Asiaten nach Europa kommen, dann kurbelt dieser zusätzliche Tourismus die Binnenwirtschaft an. Das schafft Arbeitsplätze und setzt eine positive Rückkoppelung in Gang.

Haben also die boomenden Aktienmärkte allen Unkenrufen zum Trotz recht?

Ja. Nicht nur der deutsche Aktienmarkt boomt, die Kurse steigen auch in Italien und Spanien.

Der Übergang von billigem Geld zu einem ausgewachsenen Währungskrieg ist fliessend. Wird es nicht brenzlig, wenn alle das Geld verbilligen?

Es ist unmöglich, dass alle Währungen gleichzeitig günstig sind. Jetzt ist der Euro billig und der Dollar teuer. Vor eineinhalb Jahren war es umgekehrt.

Deshalb werden die Amerikaner dieser Entwicklung nicht tatenlos zusehen. Sie werden jetzt schon nervös.

Für Europa ist der Export viel wichtiger als für die USA. Dort ist der Konsum entscheidend. Dieser wird derzeit dank dem billigen Öl angetrieben.

Wenn die traditionellen Parteien die Arbeitslosigkeit nicht in den Griff bekommen, werden die Protestparteien wohl weiteren Zulauf erhalten.

Angenommen, die wirtschaftliche Situation in Europa verbessert sich tatsächlich. Reicht das, um den Zerfall des politischen Kitts zu kompensieren?

Der Trend, dass grosse, traditionelle Parteien in Schwierigkeiten geraten, ist nicht zu übersehen. Der Grund ist klar: Die Arbeitslosigkeit ist in der Eurozone mit über elf Prozent nach wie vor viel zu hoch. Wenn die traditionellen Parteien das nicht in den Griff bekommen, werden die Protestparteien – ob rechts oder links – wohl weiteren Zulauf erhalten.

Vor einem Jahr war die Situation ähnlich: Ein Aufschwung der europäischen Wirtschaft schien möglich – dann kam im Sommer der grosse Rückschlag. Warum soll es dieses Jahr besser werden?

Zwei Dinge haben letztes Jahr die europäische Konjunktur gebremst: Die von der EU beschlossenen Sanktionen gegen Russland und der immer teurer werdende Euro. Die Sanktionen bestehen immer noch, aber der Euro ist gegenüber dem Dollar 20 Prozent billiger geworden. Das, zusammen mit den tiefen Zinsen und dem gefallenen Ölpreis, wird der europäischen Wirtschaft in diesem Jahr helfen.

Autor: Philipp Löpfe

Fotograf: Dan Cermak