Archiv
27. Dezember 2011

«Philosophie sollte ein Schulfach sein»

Der deutsche Starphilosoph Richard David Precht ist überzeugt: Das Jahr 2011 mit seinen Krisen wird die Welt langfristig beeinflussen. Gibt es eine Rettung? Ja, meint Precht, mehr Philosophie im Alltag.

Philosoph Richard David Precht
Philosoph Richard David Precht ist seit ein paar Jahren ein Star im deutschen Sprachraum.

Richard David Precht, welches waren die wichtigsten Ereignisse des Jahres?

2011 war ein Wendejahr, vergleichbar mit 1989, als in Osteuropa eine Diktatur nach der anderen implodierte. Ein Jahr, das Folgen haben wird. Das wichtigste war aus meiner Sicht, dass es nicht gelungen ist, das Finanzsystem zu stabilisieren. Das werden sich die Politiker noch lange vorwerfen lassen müssen. Ebenfalls wichtig sind die Anzeichen eines Demokratieumbruchs. Da ist einerseits die Occupy-Bewegung, andererseits neu gegründete Parteien und die Ereignisse rund um den geplanten Stuttgarter Bahnhof. Die Zahl der Menschen, die sich für Politik interessieren, ist stark gewachsen. Man will mehr Demokratie — nun geht es darum, das Unbehagen am gegenwärtigen System in etwas Produktives umzumünzen.

Wie wichtig sind die Umbrüche in Nordafrika?

Wir wissen noch nicht, was aus diesen Ländern wird. Auch hier geht es um mehr Demokratie, allerdings glaube ich nicht, dass die Entwicklung so läuft, wie der Westen sich das wünscht. Profitieren wird vermutlich die Türkei, die eine Vorbildfunktion einnehmen und zur neuen Supermacht aufsteigen könnte. Ihr Modell des gemässigten Islamismus ist konsensfähig und wirtschaftlich sehr erfolgreich. Bisher waren die Länder im arabischen Raum unter sich immer heillos zerstritten, was es dem Westen leichter gemacht hat. Unter der Führung der Türkei könnte sich das ändern.

2011 war ja kein einfaches Jahr. Wohin man blickt, herrscht Krisenstimmung und Verunsicherung. Kann die Philosophie helfen?

Die Menschen der westlichen Welt beschäftigen sich seit rund 30 Jahren erstaunlich intensiv mit Philosophie, allerdings vor allem mit Esoterik und fernöstlichen Weisheiten. Das ist das Symptom einer Wohlstandsgesellschaft, in der die Menschen genügend Zeit haben, über ihr Leben nachzudenken, und möglichst optimal leben wollen. Diese Art von Philosophie wird in der aktuellen Situation allerdings wenig helfen. Philosophie ist dann interessant, wenn sie politisch wird.

Zum Beispiel?

Wir haben unsere Leitideen schon lange nicht mehr neu formuliert, und wir denken auch nicht wirklich darüber nach. Den Wirtschaftswissenschaften zum Beispiel ist die Philosophie abhanden gekommen, was sehr bedauerlich ist. Der Sinn von Wirtschaft ist ja, möglichst vielen Menschen die materiellen Voraussetzungen für ein erfülltes Leben zu schaffen. Diesen Gedanken der politischen Ökonomie haben wir vollkommen aus den Augen verloren. Wieso etwa geht in allen westlichen Ländern seit zehn Jahren die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander? Und was kann man dagegen tun? Damit sollten sich die Ökonomen beschäftigen.

Wenn Dinge weggenommen werden, brechen Demokratien meist zusammen.

Die Krise trägt dazu bei, dass solche Fragen vermehrt gestellt werden.

Richtig, dies auch weil immer mehr Menschen realisieren, dass wir kein weiteres unbegrenztes Wachstum mehr haben werden. Und eigentlich haben wir ja auch genug, es stellt sich vor allem die Frage der Verteilung. Dazu aber braucht es eine neue Leitphilosophie, die sich mit der einen zentralen Frage beschäftigt: Wie wollen wir leben? Und diese Antwort muss über der Ökonomie stehen.

Könnte der Westen aus der aktuellen Krise gestärkt hervorgehen?

Das alte System nicht. Wir handeln an den Börsen nach wie vor die zwölffache Menge des real vorhandenen Geldes. Dieses System wird scheitern. Die Frage ist, ob das in einem grossen Knall passiert oder nach und nach. Ich erwarte Letzteres, verschiedene kleine Crashs, die sich gegenseitig befeuern. Über die Frage, was danach kommt, muss man sich jetzt Gedanken machen, wenn man gestärkt daraus hervorgehen will.

Ein solches Scheitern wäre aber wohl mit viel Schmerzen verbunden.

Längerfristig haben Länder wie die Schweiz oder Deutschland nicht viel zu befürchten. Sie haben eine enorme Wirtschaftskraft, und die verlieren sie nicht so schnell. Aber kurzfristig werden Leute ihre Ersparnisse verlieren, es wird wohl zu hoher Inflation kommen. Und politische Turbulenzen sind nicht auszuschliessen. Das Misstrauen gegenüber Staat und Politik ist gross, die Sehnsucht nach Erlöserfiguren könnte sich verstärken, ein perfekter Nährboden für populistische Brandstifter.

Demokratie scheint schon jetzt in Europa nicht so populär zu sein. Man erinnere sich an den Aufschrei, als der griechische Ex-Premier ankündigte, sein Volk zu den Krisenmassnahmen zu befragen.

Es scheint tatsächlich, dass die meisten Spitzenpolitiker keine allzu positive Vorstellung von der Demokratie haben. Die sehen sich Meinungsumfragen an und stellen fest, wie wankelmütig die Leute sind. Sie realisieren, dass sie strukturell eigentlich gar nichts verändern können, angesichts all der Bedenkenträger und des Volkszorns. Sie befürchten, dass das Volk eh nicht kapiert, um was es geht, und sich «falsch» entscheidet. Dieses Risiko besteht natürlich, aber ich finde es völlig richtig, dass der griechische Ex-Premier sein Volk fragen wollte.

Die Schweizer haben sich sehr gewundert über die ablehnende Haltung der EU dazu.

Die Schweiz macht in der Hinsicht auch einiges besser. Mir gefällt insbesondere der Konkordanzgedanke, die Idee alle massgeblichen Kräfte einzubinden.

Ist die Demokratie nur eine Politform für gute Zeiten, wenn es etwas zu verteilen gibt?

Die Erfahrung zeigt tatsächlich, dass, wenn Dinge weggenommen werden, Demokratien meist zusammenbrechen und Führerfiguren gesucht werden. Leider. Aber die Geschichte muss sich ja nicht unbedingt wiederholen, es gibt immer wieder etwas Neues. Vielleicht muss sich die Demokratie verändern, um für eine solche Entwicklung gewappnet zu sein.

Wie sehen Sie die Zukunft des Westens in der Welt? Die heftigen Krisensymptome der USA werden gerne mit jenen aus der Endzeit des British Empire verglichen.

Die USA sind ungleich maroder als Europa. Aber auch in China geht es nicht unbegrenzt so weiter, schon jetzt gehen die Wachstumsraten runter, das Land hat gigantische ökologische Probleme, die zu lösen wahnsinnig teuer sein wird. Es werden soziale Probleme kommen und auch demokratische Forderungen.

Sie sehen also keinen klaren Nachfolger für die Weltmacht USA?

Nein, nur schon von der militärischen Dominanz her nicht. Es wird wohl mehrere starke Pole geben, auch Brasilien, Russland und der Iran könnten mächtig werden, neben China und der Türkei.

Philosophisch betrachtet: Wäre ein sanfter Niedergang des Westens so schlimm? Wäre es nicht sogar fair, wenn ein anderer Teil der Welt mal den Platz an der Sonne hätte?

Es wäre nichts als gerecht. Deutschland hat zwei Weltkriege angezettelt und gehört trotzdem seit 150 Jahren zu den reichsten Ländern der Welt. Irgendwann sind mal die anderen dran.

Schon Kinder interessieren sich für grosse Fragen, glaubt Precht. Sein neues Buch entstand aus Gesprächen mit seinem achtjährigen Sohn Oskar.
Schon Kinder interessieren sich für grosse Fragen, glaubt Precht. Sein neues Buch entstand aus Gesprächen mit seinem achtjährigen Sohn Oskar.

Ihr neues Buch richtet sich explizit an Kinder. Kann Philosophie ihnen helfen, in dieser schwierigen Welt besser klarzukommen?

Ich glaube schon. Man sollte Philosophie zu einem Schulfach machen, um Kindern zu helfen, sich vor Aufmerksamkeitsraub, wie pausenlose Musikberieselung, zu schützen. Sie müssen sich sammeln und sich konzentrieren können, über sich, ihre eigenen Bedürfnisse und die Welt nachdenken. Man muss ihnen die Kunst beibringen, Versuchungen zu widerstehen. So was lernen sie heute fast nicht mehr.

Hätten Sie als Kind Ihr Buch gerne gelesen?

Ja. Besonders die Geschichten und die moralischen Dilemmafragen hätten mich angesprochen. Also: Darf man eine widerliche alte Erbtante umbringen, um mit ihrem Vermögen Gutes zu tun? Das ist eine Frage, die einen Zehnjährigen interessiert. Meine Idealvorstellung ist, dass die Eltern es mit ihren Kindern zusammen lesen und dann darüber reden.

Sie selbst wurden teilweise antiautoritär erzogen – was halten Sie davon?

Heute werden ja praktisch alle Kinder so erzogen. Schon mit drei Jahren werden sie gefragt, ob sie lieber einen Karotten- oder lieber einen Griessbrei haben wollen. Ein bisschen mehr Autorität fände ich schon gut. Mich nervt die Angewohnheit, die Kinder wegen allem zu fragen. Das macht sie nicht glücklich.

Sie machen das anders?

Ich bin nicht furchtbar autoritär, aber in gewissen Bereichen sage ich, was Sache ist: keine Computerspiele, Punkt.

Und das akzeptiert Ihr Sohn?

Bis jetzt schon, er ist ja erst acht. Ich erkläre auch, warum. Das versteht er schon. Kinder mögen strenge Gebote und unerfüllte Wünsche. Und kreativ werden sie nur, wenn sie sich langweilen.

Philosophen werden ja nur ausnahmsweise zu Stars. Sie sind einer. Wie fühlt sich das an?

Ab und zu nervt es, aber wenn, dann auf hohem Niveau. Ich lebe in sehr privilegierten Umständen und komme dadurch mit vielen interessanten Menschen zusammen. Das ist natürlich schön. Aber ich kann mich in der Öffentlichkeit nicht mehr ungezwungen verhalten.

Sie werden auf der Strasse erkannt?

Es kommt auf den Kontext an. Wenn ich in die Disco ginge, was ich nicht tue, würde ich nicht erkannt. Aber im Speisewagen der Bahn schon. Und wenn ich einen Anzug trage, werde ich eher erkannt als mit einer Strickjacke. Das ist oft freundlich und nett, aber nichts, was man sich freiwillig aussucht. Man muss auch aushalten können, dass sich die Leute ein Urteil über einen bilden und sich an allen möglichen Orten Luft verschaffen, gerne auch anonym im Internet und entsprechend beleidigend.

Welche Vorsätze geben Sie uns fürs neue Jahr mit?

Engagiert euch! Begreift, dass ihr Teil des Staates seid, dass ihr mitgestalten könnt und sollt. Fühlt euch verantwortlich, helft mit, die Gesellschaft umzubauen, sie zu demokratisieren und wieder sozialer zu machen. Sonst wird es kalt.

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Janni Chavakis-laif