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19. Dezember 2016

Philosoph Alain de Botton über Weihnachten

Alain de Botton ist Atheist. Dennoch kann der Philosoph den Religionen und der Weihnachtsgeschichte einiges abgewinnen. Ein Gespräch über grosse Gefühle, sinnvolle Weihnachtsgeschenke und den Sinn des Glaubens. Im Video erklärt de Botton auf Englisch, was die Jungfrau Maria für ihn bedeutet.

Philosoph Alain de Botton
Atheist Alain de Botton hat für Weihnachten auch schon einen Kaktus dekoriert. Es war die Idee seiner Söhne.

Alain de Botton, viele Leute glauben nicht an Gott und feiern trotzdem Weihnachten. Warum?

Weil sie sich nach Gemeinschaft sehnen. Das ist gerade heute ein dringender Wunsch. Wir leben in einer überfüllten, aber einsamen Welt. Die Weihnachtsrituale zeugen von einem tiefen Verständnis dieser Einsamkeit.

Längst nicht alle freuen sich auf das traute Zusammensein mit der Familie.

Wenn die Gesellschaft fordert, gerade dieser Tag müsse ein Tag sein, an dem man sich glücklich fühlen soll, ist das schwierig. Wir alle haben Traurigkeit in uns. Und manchmal ist man gerade deshalb traurig, weil man sich glücklich fühlen sollte, es aber nicht ist. Darum wird alles Negative in der Weihnachtszeit noch viel schlimmer.

Weshalb kommt es gerade an Weihnachten oft zu Streit?

Weil der Druck so gross ist.

Was ist Ihr Tipp: Wie übersteht man das Fest ohne grössere Krisen?

Es hilft, sich zu sagen, dass es kein Desaster ist, wenn nicht alles perfekt ist. Wir haben eine bestimmte Vorstellung, wie ein normales schönes Weihnachtsfest sein soll. Dabei gibt es das perfekte Fest höchstens im Film. Im echten Leben sind wir menschliche Wesen – und menschliche Wesen sind höchstens für zehn Minuten glücklich.

Warum feiern wir Weihnachten, so wie wir es heute tun?

Bevor wir Weihnachten feierten, fand zur Wintersonnenwende ein heidnisches Fest statt – eine Art Protest gegen die Dunkelheit, die Kälte und die Härte des Winters. Diese Feier zelebrierte das Gegenteil: Wärme, Licht, Leben und Überfluss. Das Christentum hat diesen Brauch einfach übernommen – und etwas umgedeutet.

Ein zentraler Bestandteil sind die Geschenke. Was bedeuten sie?

Ein Geschenk ist etwas, das man für sich möchte, aber nicht selber erwerben kann. Wenn Sie sieben Jahre alt sind, ist das vielleicht ein Spielzeugzug oder eine Puppe. Mit dreissig wünschen Sie sich eher Freude oder Freundlichkeit.

Wir sehnen uns eigentlich nach Liebe, aber überhäufen uns mit materiellen Geschenken.

Manchmal haben wir Mühe, unsere Gefühle auszudrücken, etwa, wenn wir jemanden wirklich mögen. Unsere Gesellschaft sagt uns: Wenn du dich so fühlst, geh und kaufe eine hübsche Decke oder eine Flasche Wein. Das Geschenk ist dabei bloss ein Symbol für Liebe und Zuneigung.

Sollten wir aufhören, uns gegenseitig Geschenke zu machen und uns lieber auf die wirklich wichtigen Dinge konzentrieren?

Ja, vielleicht. Aber vielleicht sollten wir auch akzeptieren, dass Worte nicht immer genug sind. Schön ist es doch auch, wenn sich jemand wirklich Mühe gegeben hat, das richtige Geschenk zu finden. Wenn er sich überlegt hat, was diese Person glücklich machen könnte. Das kann richtig schwierig sein – und so wird das Geschenk ein Symbol für Respekt und Achtsamkeit.

Wissen Sie schon, was Sie zu Weihnachten verschenken?

Nein (das Gespräch fand Ende November statt, Anmerkung der Redaktion). Aber die Kinder sagen es einem ja meist, und ihre Wünsche sind in der Regel recht einfach. Ehepartner und Eltern sind viel schwieriger.

Manchmal wünschen Kinder sich Dinge, die wir ihnen nicht schenken möchten.

Ja, sie wollen kurzfristige Vergnügen, Eltern aber müssen langfristige Werte vermitteln. Im Stil von: In 20 Jahren wirst du froh sein, dass du Französischvokabeln gelernt hast oder dass du dieses Kriegsspiel nicht gespielt hast. Das macht Eltern zu sehr langweiligen Menschen.

Was würden Sie also tun, wenn Ihre Söhne sich Kriegsspiele wünschen?

Das tun sie nicht. Sie haben andere Sünden.

Nämlich?

Wie die meisten Kinder ihres Alters verbringen sie zu viel Zeit mit dem Computer. Die ideale Weihnacht für sie wäre, in einem Raum vor dem Bildschirm zu sitzen, regelmässig mit Mahlzeiten beliefert zu werden und in Ruhe spielen zu können.

So wird Weihnachten im Hause de Botton vermutlich nicht aussehen. Lieber dekorieren Sie einen Kaktus, wie auch schon?

Dieses Jahr kommen wir in die Schweiz zum Skifahren. Wir sind in einem Hotel in Arosa, dort wird bestimmt ein bereits geschmückter Baum stehen.

Wie kamen Sie damals auf den Kaktus?

Die Idee war nicht von mir. Ich erzählte meinen Kindern, dass die Hälfte der Christen in Regionen lebt, in denen es zu Weihnachten warm ist. Darum schlug der ältere Sohn vor, wir könnten doch einen Kaktus schmücken.

Sie glauben nicht an Gott und haben das Buch «Religion für Atheisten» geschrieben. Was finden Sie gut am Glauben?

Die Religionen haben verstanden, dass Menschen nicht nur körperliche, sondern auch geistige Bedürfnisse haben. Sie fordern uns auf, freundlich und Teil einer Gemeinschaft zu sein. Das ist sehr hilfreich, weil es die Menschen verbindet und die Isolation verhindert.

Was schätzen Sie an einzelnen Religionen besonders?

Am Buddhismus finde ich faszinierend, dass er das Leben als Leiden betrachtet. Das Ganze beginnt also sehr negativ und kann folglich nur besser werden. Am Islam gefällt mir, dass man Gott nicht abbilden darf. Die Idee dahinter: Was immer wir denken, wie Gott sein könnte, er ist es nicht. Weil unsere Wahrnehmung des Göttlichen einfach beschränkt ist, und wir uns garantiert ein falsches Bild machen würden.

Aber Sie glauben doch gar nicht an Gott!

Aber ich mag die Vorstellung, dass wir Menschen nicht alles verstehen können. Wie wir auch bestimmte Farben nicht sehen, weil unsere Augen das nicht können. Wir sollten Raum lassen für den Gedanken, dass wir gewisse Dinge nicht verstehen können.

Was finden Sie am Christentum toll?

Die ganze Auffassung von Verzeihung und Barmherzigkeit, die Nächstenliebe gegenüber dem Fremden, dem Verlorenen. Dahinter steckt die Idee, dass das Leben für alle schwierig ist und es deshalb unsere Aufgabe ist, wohltätig zu sein – und nicht nur mittels Geldspenden. Es fordert uns in einem weiteren Sinn auf, eine menschenfreundliche Person zu sein. Jesus betrachtet die Prostituierte: Er sieht sie nicht als einen schlechten, sondern als einen verlorenen Menschen.

Und was mögen Sie gar nicht an Religion?

Das Übernatürliche. Etwa die Engel und die Behauptung, dass gewisse Dinge geschahen, weil Gott das so wollte.

Kritiker werfen Ihnen vor, dass Sie sich bei den Religionen bedienen wie an einem Buffet – also nur das nehmen, was Ihnen gerade gefällt.

Wenn Sie gläubig sind, müssen Sie alles nehmen oder nichts, das stimmt. Aber als Atheist können Sie mit Religionen umgehen wie mit Literatur. Sie mögen Romane und lesen darum etwas von Tolstoi, Nabokov oder Thomas Mann. Da kommt auch niemand auf die Idee, Ihnen zu sagen, Sie dürften nur Tolstoi lesen, und jedes Buch müsse von ihm sein.

Auch militante Atheisten sind Ihnen gegenüber kritisch. Sie verweisen auf die vielen schlechten Dinge, die im Namen der Religion geschahen, und halten sich darum lieber an Wissenschaft und Kultur.

Das ist nicht dasselbe. Die meisten Leute, die in ein Planetarium gehen, sind überwältigt von den Sternen, die sie sehen. Sie fühlen sich klein und unbedeutend angesichts des riesigen Universums. Die Wissenschaft weiss nicht, wie sie auf diese Gefühle reagieren soll. Sie interessiert sich bloss für die Physik des Kosmos.

Es gibt aber Menschen, die durch den Glauben intolerant, rechthaberisch oder gar gefährlich werden.

Das geschieht jedoch nicht nur im Zusammenhang mit Religion, sondern auch in der Politik, im Sport oder in der Kunst. Wir sollten die Religion nicht dafür verantwortlich machen. Schuld ist die menschliche Natur.

Manche sagen mit Karl Marx, Religion sei Opium für das Volk. Hat das was?

Es ist sehr grausam, wenn ein Atheist einem Gläubigen sagt: Du liegst falsch, ich hab recht. Wenn der Glaube jemanden zu einer zufriedeneren, glücklicheren oder toleranteren Person macht, ist das doch super. Ich würde Religion nicht als Opium bezeichnen, sondern eher als schöne Geschichte. Und mich interessiert, was wir tun, wenn wir diese schöne Geschichte nicht mehr glauben können. Bleiben dann nur Kälte und Verzweiflung? Ich denke nicht. Wir können neue Geschichten erzählen, die von den Schwierigkeiten des Lebens erzählen, die Trost und Weisheit bieten.

Wir nutzen also Religion vor allem, um die eigene Einsamkeit zu überwinden.

Es gibt dafür viele Wege, aber wir können einiges von den Religionen lernen. Wenn es ans Sterben geht, ruft man heute einen Arzt und nimmt viele Medikamente. Aber vielleicht würde man ja lieber mit jemandem reden – nicht nur über die kranke Leber, sondern vielleicht auch über das gelebte Leben. Ein Arzt kann da nicht helfen. Wo einst ein Priester war, ist heute eine Leere.

Oder ein Psychologe.

Manchmal. Aber niemand ruft auf dem Sterbebett nach einem Psychologen.

Taugt die Philosophie als Religionsersatz?

Könnte sein. Aber es müsste richtig gemacht werden. Damit meine ich, dass die Philosophie nicht bloss an der Universität gelehrt wird, sondern einen Platz im täglichen Leben einnehmen sollte, wo sie den Menschen hilft, mit Krisen umzugehen. Philosophieren bedeutet nicht zuletzt, sich mit dem schrecklichsten aller Gedanken vertraut zu machen, nämlich, dass wir eines Tages sterben müssen.

Die Philosophie als Lebenshilfe ist die Idee hinter der «School of Life», die Sie vor acht Jahren gegründet haben.

Dort laden Sie monatlich zu einer Art Sonntagspredigt ein. Und jetzt steht sogar ein Weihnachtsfest auf dem Programm. Die Leute fragten uns, ob wir für Weihnachten etwas Spezielles machen. Wir fragten zurück: Was wollt ihr tun? Es stellte sich heraus, dass sie nicht an die Weihnachtsgeschichte glauben, aber Weihnachtslieder sehr mögen – also singen wir vor allem.

Bietet die Schule auch einen Workshop zu Weihnachten an?

Nein, aber wir haben etwas zur Religion. Im Kurs «How to fill the God-shaped hole» gehen wir der Frage nach, wie wir die Leere füllen können, die durch die Abwesenheit von Gott entsteht.

Wie lautet die Antwort in Kurzform?

Wir versuchen herauszuarbeiten, was wir verloren haben, indem wir Religion hinter uns gelassen haben. Und wir versuchen, säkulare Alternativen zu finden, die die gleichen Gefühle ansprechen, sie aber in anderer Weise beantworten.

Wie würden Sie Weihnachten feiern, wenn Sie zu Hause in London wären?

Wir würden wohl Truthahn und gebackene Kartoffeln essen, wie die meisten hier. Und wir hätten Christmas Crackers, Geschenke, die wie Riesenbonbons verpackt sind.

Ihre Eltern waren trotz ihrer jüdischen Herkunft überzeugte Atheisten, Ihre Frau wurde von katholischen Nonnen erzogen. Was erzählen Sie Ihren Söhnen über Weihnachten?

Die beiden sind sehr kritisch, realisierten auch schon früh, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Manchmal necke ich sie und drohe mit dem Weihnachtsmann. Sie werden dann richtig wütend und schimpfen: Hör auf, vom Weihnachtsmann zu erzählen! Er existiert nicht.

Aus Ihrer Sicht ist die Weihnachtsgeschichte eine Illusion. Trotzdem können Sie ihr etwas abgewinnen. Wie lösen Sie diesen Widerspruch?

Als Atheist sage ich mir: Nicht Gott hat Weihnachten erfunden, sondern die Menschen. Ich muss die Geschichte nicht glauben, um sie interessant zu finden. Es ist wie bei einem Roman oder einem Film: Auch wenn es Fiktion ist, kann mich die Story zu Tränen rühren. Sie muss nicht wahr sein, um sinnstiftend zu sein.

Was will uns die Weihnachtsgeschichte erzählen?

Der König aller Könige, die heiligste Person aller Zeiten, wird in einem Stall geboren. Denken Sie an die politische Botschaft, die dahintersteckt. Kein Geld und kein Gold. Alles Äussere ist egal, nur das Innere zählt.

Maria ist für manche sogar wichtiger als Jesus. Was repräsentiert sie?

Sie ist die ideale Mutter. Wenn Sie zu ihr gehen und sagen, ich bin entlassen worden, meine Firma ging bankrott, ich hatte eine Affäre, ich habe etwas gestohlen, wird sie einfach sagen: Sorge dich nicht! Es geht nicht darum, ob sie existiert oder nicht. Wir brauchen einfach jemanden, der garantiert immer zu uns hält – eine allumfassende Mutter, die uns immer vergibt.

Das versuchen Sie, Ihren Kindern zu vermitteln?

Ja, ich versuche es (lacht). Meistens hören sie mir aber nicht zu.

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Philipp Ebeling