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22. Dezember 2014

Philipp Tingler über Weihnachten

Für den Autor Philipp Tingler geht es an den Festtagen darum, an das Gute zu glauben. Bei Sticheleien empfiehlt er die bewährte Regel der Queen: Ignorieren – ignorieren – ignorieren.

Weihnachten ist purer Stress
«Weihnachten ist ohne Ironie schwer auszuhalten» (Bild: Plainpicture, Stefan Sulzer).

Philipp Tingler, die Festtage belasten viele. Was raten Sie zur Entspannung?

An das Gute glauben. Genau darum geht es an Weihnachten.

Mit welchen Last-minute-Geschenken kann man nichts falsch machen?

Man kann mit jedem Geschenk etwas falsch machen. Wenn Schenken nicht mit Risiko verbunden wäre, hätte es keinen Wert.

Sind Basteleien von Kindern in Ihren Augen ein Muss? Oder kann man Kindern auch anders vermitteln, dass Geben, nicht nur Nehmen, schön ist?

Es gibt offenbar Kinder, die gar nicht gern basteln. Natürlich können Kinder auch in anderer Form die Freude des Gebens lernen: Indem sie zum Beispiel musizieren oder ein Gedicht aufsagen. So muss man auch hinterher nichts diskret entsorgen.

Wie festlich sollte man sich und die Kinder an Weihnachten kleiden?

Ich persönlich finde es schön, wenn man den Anlass würdigt, indem man sich hübsch anzieht. Auch die Kinder. Das heisst ja nicht, dass man im Smoking erscheinen muss.

Oft fallen schon beim Apéro erste Sticheleien. Wie hält man streitlustige Verwandte am besten in Schach?

Indem man sich an die bewährte Regel hält, die Buckingham Palace für Protokollverstösse (und nichts anderes sind Sticheleien) anwendet: Ignorieren – ignorieren – ignorieren. Dazu lächelt man. Aber nicht wie die Queen, sondern so breit und unzerstörbar wie die frühere US-Präsidentengattin Nancy Reagan.

Kolumnist Philipp Tingler
Autor und Kolumnist Philipp Tingler.

«Weihnachten ist ohne Ironie schwer auszuhalten»

Wie erzählt man die Weihnachtsgeschichte, wenn man nicht gläubig ist und sich damit schwertut?

Dann erzählt man eine andere Geschichte. Es geht an Weihnachten um Liebe und Frieden und Beisammensein. Das ist im Grunde ohne Ironie nur schwer auszuhalten. Deshalb empfehle ich das Weihnachtskapitel aus den «Buddenbrooks» von Thomas Mann.

Das Kind will «Zimetschtern han i gern» hören, die Mutter Gospels, der Onkel «Last Christmas» von Wham!, die Grossmutter Andrea Bocelli. Was tun?

Beim Warten auf die Bescherung: iPods verteilen. Zum Essen: Bach. Das «Weihnachtsoratorium» geht immer. Nach Essen und Bescherung ist der Nachwuchs mit Geschenken beschäftigt, der Onkel betrunken und die Oma eingeschlafen. Also kann Mutter Gospels hören.

Man packt aus, zum Vorschein kommt ein zu grosses Pyjama oder ein Mondkalender, mit dem man nichts anzufangen weiss. Wie soll man darauf reagieren?

Es ist die Pflicht des Beschenkten, nach Auspacken des Geschenks eine freudig überraschte Miene herzustellen. Das ist das Grundgebot an Weihnachten. Selbst wenn man ein halbes Pfund Plutonium bekommt. Zur Not vorher vor dem Spiegel üben.

Das Festessen ist vom Tisch, die Geschenke sind ausgepackt und die meisten Gäste müde. Nur die Tante will wie immer noch ewig bleiben.

Ich kenne diese Tante. Sie heisst Gretel und ist die Schwester meiner Lieblingstante Kitty. Die pflegte dann irgendwann ganz unverblümt zu sagen: So, Gretel, nun geh mal nach Hause.

Autor: Monica Müller