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07. Dezember 2015

Pfui Teufel!

das Desinfektionsmittel
Bald tropft das Desinfektionsmittel ...

Sanitizer, sprich: Sänitäiser, seien der letzte Schrei, erzählte unsere Tochter nach ihrem USA-Aufenthalt: Flacons mit wohlriechendem Desinfektionsgel, die jeder amerikanische Teenager an der Schultasche baumeln habe. Und damit rieben sie sich, Ansteckungen fürchtend, alle paar Minuten die Hände ein …

Kolumnist Bänz Friedli (50).
Kolumnist Bänz Friedli (50).

Nun kreuchen und fleuchen die Keime ja auch bei uns wieder. Kein Wunder, sind alle erkältet, wenn auf den viel zu warmen Herbst über Nacht die ersten wirklich kalten Wintertage folgen. Wieder hat im Tram bestimmt einer just da, wo ich mich hinsetze, ein gebrauchtes Papiertaschentuch zerknüllt zwischen die Innenwand des Gefährts und das Polster gestopft. Pfui Teufel! Da predigt man jedem Kind, man müsse ein Naselümpli nach einmaligem Gebrauch entsorgen – und was tun die Leute? Wurggen ihr verschleimtes Tempo zwischen Sitz und Wand, auf dass der nächste Reisende sich auch ganz sicher anstecke. Wenn eine Mittelalterliche, wie gestern, ungehemmt vor sich hinschnieft, sind ihr die bösen Blicke sicher. Blicke, weit ansteckender als die Krankheiten selbst. Ehrlich gesagt, bin ich nicht davor gefeit, finster dreinzuschaun.

Hustet im Kinderarztwartezimmer ein Knirps drauflos, und zwar nonstop und im Keuchhustenmodus, bin ich derjenige, der sich zunächst im Stillen und alsbald halblaut fragt: «Wer sagt dem Buben, er solle beim Husten die Armbeuge vor den Mund halten?» Und als seine Mutter ungerührt weiter auf ihrem Handydisplay rumfingert, sage ich es ihm. Laut. Wissend, dass nichts peinlicher ist als Fremde, die sich in die Erziehung Wildfremder einmischen. Aber manchmal muss man peinlich sein. Weil Krankwerden jetzt grad saumässig ungünstig wäre. Zu vieles will vor Ende Jahr noch erledigt sein.

Und eh ich mich versehe, ist der Sanitizer in Europa angelangt: Bereits habe ich ihn in Kosmetikläden und Drogerien gesichtet. Bald wird er an Schultheks, Handtaschen und Aktenmappen baumeln. Und ich bin hin und her gerissen, ob ich das gut finden soll, weil das Desinfizieren mittels eines Tropfens aus dem Flacon vermutlich hilft, Wasser zu sparen. Oder ob ich mich ärgern soll. Habs nämlich ausprobiert. Das Ding hat erstens Suchtpotenzial und trocknet zweitens Hände und Finger brutal aus. Und was dies bedeutet, winters, darauf möchte ich nicht näher eingehen. Wohlmeinende Tipps aus dem ganzen Land und zugesandte Pasten und Sälbeli wären mir gewiss. Aber wenn Sie grad so fragen: Nein, ich bin die Schrunden an den Fingerkuppen nicht losgeworden. Macht aber nichts. Sie tun weh, ja, aber sie versprechen mir: Bald ist Weihnachten.

Bänz Friedli live: 10. 12. Schaffhausen

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