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02. September 2013

Pflegte er zu sagen

Mir wird jedes Mal leise bang, wenn Anna Luna und Hans auf ihren Boards das steile Strässchen vor unserem Haus hinabfräsen — und ich staune, wenn sie hernach die Anhöhe in aller Leichtigkeit wieder emporkurven. Mit ihrem Waveboard ist das möglich; ich aber muss mein Rollbrett tragen oder schubsen, bergaufwärts kann man darauf nicht fahren.

Oft gehen wir nach dem Abendessen noch ein bisschen brettern, die verkehrsarmen Quartierstrassen laden dazu ein. Doch ich bleibe schön auf meinen vier Rädern; skateboarden kann ich einigermassen, schliesslich hab ich es vor 41 Jahren erlernt. Mich aber auf ihren Boards zu versuchen, habe ich aufgegeben. Ich würde im Spital landen. Denn das Waveboard verfügt nur über zwei Räder, dafür sind diese frei schwenkbar. Statt eines durchgehenden Bretts hat es zwei Fussplatten und dazwischen einen Torsionsstab, der es zulässt, die Platten mittels Fussdrucks in gegenteilige Richtung zu neigen. Das erlaubt engste Kurven, und es erlaubt, dass geübte Fahrer sich steile Strassen emporwinden. Sieht kinderleicht aus, wenn die Kinder es tun, nonchalant und trotz meiner Ermahnungen stets ohne Helm und Schoner. Aber wehe, man wagt sich als Oldie auf solch ein Gefährt!

Bänz Friedli auf dem Waveboard (zu sehen sind nur Beine und Füsse sowie das Waveboard).
«Das kann man nicht können»

Wir sausen also durchs Quartier, wobei immer einer Schmiere steht und den beiden anderen ein Signal gibt, wenn der Weg frei ist. (Sagen Sie das bitte nicht der hiesigen Polizei! Merci.) Und es vergeht kaum ein Abend, da ich nicht ausriefe: «Gopf, dass ihr das mal so gut beherrschen würdet, hätte ich nie gedacht, als …» Die Kinder wissen, was kommt. Ich kann mir nicht helfen, mir ist bewusst, dass ich es schon Dutzende Male erzählt habe. Dennoch fange ich wieder damit an. «… Hätte ich nie gedacht, als Hans damals …» In den Sommerferien wars, vor einigen Jahren in Radolfzell, einem Städtchen am deutschen Bodenseeufer. Während ich nach neuen Laufschuhen Ausschau hielt, schlug ein Verkäufer unserem Sohn vor, sich mal auf einem Waveboard zu versuchen. Die Dinger waren ganz neu, Hans hielt sich wacklig einige Meter auf dem Brett, und ich dachte mir: Welches Kalb hat das denn erfunden? Unmöglich, auf so was zu fahren! Wird sich nie durchsetzen.

Das kann man nicht können.

Doch es hat sich durchgesetzt, und wenn ich wieder anhebe: «Hey, Kinder! Damals in Radolfzell, da dachte ich: Das kann man nicht können! Und jetzt könnt ihr das so super», erwidern Anna Luna und Hans halb belustigt und halb entnervt: «… pflegte er zu sagen.» Manchmal sagen sie es gar zu dritt, meine Frau und die Kinder. «Pflegte er zu sagen» ist geflügeltes Familienwort und soll mich ermahnen, ich hätte etwas schon mal erwähnt. Klagten die Kinder im Sommer über heisse Steine am Strand, sagte ich: «Die sind nicht heiss! Das ist eine Einstellungsfrage. Trage ich morgens die Teetasse in mein Schreibzimmer, rede ich mir einfach ein: Sie ist nicht heiss, sie ist nicht h…» Das sagte ich jeden Tag. Und die Kinder: «Pflegte er zu sagen.» Passieren wir im Mobility-Auto die Zentrale eines Zürcher Pizzakuriers und ich will Anna Luna daran erinnern, dass wir uns dort mal spätabends, nachdem ich sie von einer Party abgeholt hatte, noch eine Pizza geleistet haben, brauche ich nicht mal den Mund zu öffnen, schon tönts vom Rücksitz: «Pflegte er zu sagen!» Und, Sie! Ou, Nein. Das habe ich Ihnen, glaubs, schon mal erzählt.

Bänz Friedli live: 6. 9. Bäretswil ZH, 7. 9. Herzogenbuchsee BE (ausverkauft).

Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli